Mit Charme durch die Stadt

Sohn I trifft den Pastor unserer Gemeinde auf der Straße und fragt ihn grußlos, warum er draußen herumläuft. Dann weist er ihn streng darauf hin, daß er in die Kirche gehört. Er zeigt eifrig auf die Kirche, für den Fall, daß der Pastor seinen korrekten Aufenthaltsort plötzlich vergessen haben sollte: „Da rein!“. Noch während der Pastor verblüfft guckt, denkt der Kleine mit einem kritischen Blick auf die Begleitung des Pastors laut nach und möchte dann von mir wissen: „Ist das Frau von Pastor? Oder seine Mama?“

Wir gehen zum Bäcker und stellen uns an, die Schlange vor uns ist ziemlich lang. Als wir endlich dran sind, hebe ich den Sohn hoch, damit er selber bestellen kann, denn normalerweise weiß er, was er will. Heute erklärt er allerdings der Verkäuferin, daß er jetzt doch lieber in den benachbarten Bioladen möchte, weil da nämlich alles besser schmeckt.  Alles. Vor allem aber die Franzbrötchen. Sicherheitshalber dreht er sich auch noch zur hinter uns wartenden Kundschaft um und stellt gut hörbar für jedermann klar: „Franzbrötchen hier nicht gut. Drüben besser.“

Wir gehen zum Bioladen, wo eine freundliche Frau gerade winzige Schnittchen verteilt, damit man einen neuen Frischkäse probieren kann. Der Sohn freut sich, weil er genau wie die Erwachsenen etwas gereicht bekommt. Als guter Tester teilt er der Dame auch gleich mit, wie es schmeckt: „Ekelig. Ganz ekelig! Kann man das nicht essen.“

Es gibt Tage, da braucht man für sein Kind einen Waffenschein.

17 Kommentare

  1. Sag deinem Sohn, dass er recht hat!
    Hatte gestern jeweils 1 Stueck Kuchen aus der Baeckerei und aus dem benachbarten Bioladen. Der aus dem Bioladen war zwar sehr kompakt 😉 aber besser.

  2. wie recht sie doch haben, aber wo bekommen wir selbigen waffenschein her? also gleich nachdem wir wieder aus dem boden, in welchen wir vor scham versunken sind, wieder aufgetaucht sind….

  3. Sohn I scheint überhaupt derzeit mit dem Charme einer Planierraupe ausgestattet zu sein: Zuerst Ihre Brille, dann die Nachbarschaft – wem oder was geht es als nächstes an den Kragen ? 🙂

  4. Warte erst einmal ab, wenn Sohn I das Telefon für sich entdeckt…

    Vor ca. 2 Jahren hatten wir häufigen Kontakt zu einem Versicherungskaufmann, der uns permanent seine Produkte andrehen wollte. Zu Hause sprachen meine Frau und ich zeitweise durchaus etwas…wie soll ich sagen…“mißmutig“ über diesen Herrn, der weder unfreundlich noch unsympathisch war, und ja auch nur seinen Job tat, aber dabei eben auch sehr hartnäckig vorging.

    Als meine Frau unseren Sohn eines morgens mit dem Auto zum Kindergarten fuhr, erzählte dieser plötzlich – einfach so aus heiterem Himmel – das er dem (Zitat) „blöden Versischerungsfritzen“ gesagt habe, das dieser aufhören solle, zu nerven. Da morgens um 8 Uhr Kontextwechsel durchaus etwas länger dauern können, vegingen auch einige Sekunden, bis meine Frau auf die Bremse trat und nachfragte: „Wem hast Du bitte was gesagt?!“ „Na, dem Versicherungsheini, der uns immer anruft. Ich habe ihm gesagt, er soll nicht mehr nerven.“

    Also: immer schön aufpassen, über was und wem man zu Hause spricht…

    Gruß
    Stephan

  5. @Herr Buddenbohm: Wie schön, dass Sohn I so ist – da können Sie die Geschichten auf Ihre unnachahmlich wunderbare Weise berichten! Vielleicht hat er ja auch – wie im Falle von Stephan – nur gewisse Dinge auf seine Art wiedergegeben 😉
    @Stephan: dumm gelaufen, gell? Das passiert wahrscheinlich nur einmal 😉

  6. Das sind die Situationen da wünsch ich mir eine Rolle Duct-Tape 🙂 Man steht als Erwachsener immer ganz peinlich berührt daneben, während die Kids munter drauf los schwatzen.

  7. Ich scheine in den falschen Bioladen zu gehen, denn ich bekomme immer Sodbrennen von deren Gebäck 🙂

    Sohn I ist umwerfend mit seinem Betonpfeiler-Charme, da möchte man schon beim reinen Lesen ein Stück in den Boden versinken.

    Meine Nichte lehnte sich mit drei Jahren auf einem Supermarkt-Parkplatz aus dem Autofenster und brüllte einem Mann nach: „Ey, du Wichser!“

    Meine Schwester war so beschämt, dass sie kaum eine Entschuldigung herausbekam – die Kleene hatte das vermutlich von ihren älteren Brüdern aufgeschnappt, die es in der Schule gelernt hatten. (Der Ruhrpott eben, hart da :))

  8. wirklich gut der Kleine – wir warten täglich auf ähnliches und üben schon mal das erröten 🙂

    Irgendwie erinnert mich der Text und die Kommentare an Hannes Waders „Aufgewachsen auf dem Lande“, denn da heißt es:
    „Denn auf dem Land bedeutet das nie Gutes
    hier glaubt man noch an die Stimme des Blutes
    und daran das stets alle Blöden,
    Besoffene und Kinder die Wahrheit reden.“

    Tröstet das bei einem Stadtkind oder ist der Glaube auch noch in der Stadt präsent?

  9. Herr Buddenbohm, ich finde Ihre Familie Weltklasse. Vor allem Inhalte (natürlich), aber auch und besonders die Sprechweise von Sohn I: Grandios und ganz großes Kino.
    Außerdem: Wieso soll man als kleines Kind nicht sagen, was man denkt? Tut einem ja keiner was für, ob des Welpenschutzes, nichtwahr.
    Verbiegen und sich auf die Lippen beißen muß man ja noch früh genug, nech…

  10. Einen Waffenschein für Kinder! Den hätte ich an manchen Tagen auch gut gebrauchen können. Bei sechs Söhnen habe ich mir schon ab und zu mal überlegt, einfach mit einer Papiertüte über den Kopf durch die Stadt zu laufen! Mittlerweile sind die Jungs zum Glück aus dem gröbsten raus… jetzt kann mir nur noch meine Enkelin gefährlich werden! 😉

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