Realismus für Anfänger

Wir sitzen am Sonntagnachmittag in der Küche und trinken Kaffee. Sohn  I langweilt sich etwas und beginnt, die Schränke auszuräumen. Schüsseln, Schalen, Töpfe, alles wird auf dem Fußboden neu arrangiert. Dann füllt er die herumliegenden Bauklötze seines kleinen Bruder in einen Topf. Schön, denke ich, diese angenehme Phase der Phantasiespiele, ganz einfache Haushaltsgegenstände reichen aus, um sich stundenlang zu beschäftigen, aus der Backform wird ein Herd, aus den Bauklötzen Gemüse – und man muß als Vater nichts dabei tun. „Na, mein Sohn“, sage ich, „kochst du uns ein leckeres Abendessen?“

Er guckt mich irritiert an und sagt dann: „Nein. Stapel ich nur Bauklötze in einen Topf.“

Mit Charme durch die Stadt

Sohn I trifft den Pastor unserer Gemeinde auf der Straße und fragt ihn grußlos, warum er draußen herumläuft. Dann weist er ihn streng darauf hin, daß er in die Kirche gehört. Er zeigt eifrig auf die Kirche, für den Fall, daß der Pastor seinen korrekten Aufenthaltsort plötzlich vergessen haben sollte: „Da rein!“. Noch während der Pastor verblüfft guckt, denkt der Kleine mit einem kritischen Blick auf die Begleitung des Pastors laut nach und möchte dann von mir wissen: „Ist das Frau von Pastor? Oder seine Mama?“

Wir gehen zum Bäcker und stellen uns an, die Schlange vor uns ist ziemlich lang. Als wir endlich dran sind, hebe ich den Sohn hoch, damit er selber bestellen kann, denn normalerweise weiß er, was er will. Heute erklärt er allerdings der Verkäuferin, daß er jetzt doch lieber in den benachbarten Bioladen möchte, weil da nämlich alles besser schmeckt.  Alles. Vor allem aber die Franzbrötchen. Sicherheitshalber dreht er sich auch noch zur hinter uns wartenden Kundschaft um und stellt gut hörbar für jedermann klar: „Franzbrötchen hier nicht gut. Drüben besser.“

Wir gehen zum Bioladen, wo eine freundliche Frau gerade winzige Schnittchen verteilt, damit man einen neuen Frischkäse probieren kann. Der Sohn freut sich, weil er genau wie die Erwachsenen etwas gereicht bekommt. Als guter Tester teilt er der Dame auch gleich mit, wie es schmeckt: „Ekelig. Ganz ekelig! Kann man das nicht essen.“

Es gibt Tage, da braucht man für sein Kind einen Waffenschein.

Neu auf dem Nachttisch

So großartig ich Wolf Haas auch finde, er hat doch einen gewaltigen Nachteil. Wenn man nämlich selbst schreibt, ist es fast unmöglich, Haas zu lesen ohne hinterher in seinen Stil zu fallen, quasi schwere Haasifizierung. Dummerweise würde jeder sofort merken, daß man gerade Haas nachmacht, so etwas kann also nicht stehenbleiben, von dem Trip muß man irgendwie wieder runterkommen. Da braucht man etwas zum Nachspülen, eine stilistische Geradeaus-Einheit, einen literarischen Aquavit. Georges Simenon, was sonst.

„Die Ferien des Monsieur Mahé“, deutsch von Günter Seib, erschien zuerst 1946 und beginnt so:

„Er zog die Brauen zusammen. Klemmte er womöglich auch wie ein Erstkläßler die Zungenspitze zwischen die Lippen? Mit einem Flunsch und mürrischen Blicks beobachtete er verstohlen Gène und war bemüht, es ihm so exakt wie möglich nachztutun.

Umsonst. Irgendwas klappte nicht, denn das Ergebnis war dasselbe. Er war ehrlich genug, sich das einzugestehen, und hartnäckig genug, seine Ungeduld zu bezähmen. Er ließ die Hand genau wie Gène über den Bootsrand hängen, nicht höher, nicht tiefer, ganz unverkrampft; er hatte sofort begriffen, daß Anspannung schlecht war. Nur mit dem Zeigefinger lupfte er sacht die Hanfschnur der Handangel, die die Leute hier boulantine nannten.

An der Schnur lag es auch nicht. Gène hatte genau die gleiche.“

Damals – heute

Man tut sich immer etwas schwer, sich an Zeiten zu erinnern, als man noch ein sehr, sehr kleines Kind war. Aber ich glaube doch, es war ungefähr so: Wenn ich hingefallen bin und mir etwa ein Knie aufgeschlagen habe, habe ich solange herumgebrüllt, bis die nächstbeste zuständige Erwachsenenperson das Knie bepustet oder sonst irgendwie versorgt und mich getröstet hat. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, daß es so war.

Heute ist anscheinend irgend etwas grundsätzlich anders, ich weiß nicht einmal, woran es liegt. Ich kann an einem Beispiel veranschaulichen, was ich meine. Sohn I, noch keine drei Jahre alt, rammt im Herumtoben ein Möbelstück und hat einen blutigen Kratzer auf der Wange. Er hält an, geht zum Spiegel und stellt fest: „Hab ich Kratzer.“ Dann geht er ins Bad, zieht sich einen Hocker ans Regal, steigt rauf, holt den Medizinkorb runter, wühlt etwas herum, nimmt die Heilsalbe, schraubt sie auf, schmiert sich etwas davon auf den Finger und dann auf die Wange. Betrachtet angewidert seinen Finger und schiebt den Hocker zum Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Schiebt ihn wieder zurück, um die Salbe ordnungsgemäß wegzulegen. Geht zum Spiegel, begutachtet die versorgte Wunde und stellt zufrieden fest: „Hab ich Kratzer becremt.“ Dann geht er weiter toben. Meine freundliche Frage, ob ich mal pusten soll, nimmt er nicht einmal zur Kenntnis.

Ziehen die Kinder heutzutage eigentlich schon mit etwa sechs Jahren zuhause aus? Bis dahin dürften sie wohl alles können, was man dazu braucht.