Theorie und Praxis (2)

„Der Sinn der Aufsichtspflicht besteht – ganz vereinfacht gesagt – darin, dass der anvertraute Minderjährige nicht zu Schaden kommt und keinen Schaden anrichtet.“

Ich sitze zuhause am Schreibtisch und arbeite. Damit mich dabei weder Telefon noch Lärm von draußen ablenken, höre ich Musik über Kopfhörer. Die Herzdame ist mit den Söhnen auf dem Spielplatz, eine gute Gelegenheit, um wirklich etwas zu schaffen. Ich tippe konzentriert, die Zeit ist knapp. Plötzlich höre ich in der Musik einen durchdringenden falschen Ton, wieder und wieder. Ich nehme die Kopfhörer ab und merke, daß jemand Sturm klingelt. Ich mache die Tür auf. Davor steht die sechsjährige Tochter der schönen Nachbarin und sagt anklagend: „Du gehst nicht ans Telefon.“

„Nein“, sage ich, „ich hatte Kopfhörer auf. Hab nichts gehört. Was kann ich für dich tun?“ „Du gehst nicht ans Telefon“, sagt sie wieder und guckt streng, „aber du bist zuhause. Hab ich gesehen. Die Balkontür ist auf.“ „Ja“, sage ich, „stimmt.“ Die Kleine geht durch die Wohnung und sieht sich um. „Ich dachte, ich sehe mal nach, ob alles in Ordnung ist“ sagt sie, während sie vom Wohnzimmer zur Küche geht. „Alles in Ordnung hier“, sage ich, „möchtest du etwas trinken? Möchtest du auf den Rest der Familie warten?“ „Nein“, sagte sie, „ich gehe gleich wieder. Ist alles gut. Glaube ich. Aber kann man ja sonst nicht wissen.“ Sie besieht sich nachdenklich den Herd und den Kühlschrank, dann macht sie noch einen Abstecher ins Schlafzimmer und ins Bad und nickt, da anscheinend alles zu ihrer Zufriedenheit aussieht. „Gut“, sagt sie und rückt im Vorbeigehen mit ordnender Hand meinen Bürostuhl gerade, „ich gehe jetzt mal wieder.“

Und ich dachte immer, ich könnte ihr in vielen Jahren einmal erzählen, daß ich früher, als sie noch ganz klein war, des öfteren auf sie aufgepaßt habe.

Isa in Bewegung (2)

In der hier bereits vorgestellten Reihe Fit & Well von Isa kann man jetzt einen neuen Beitrag lesen, wie ihn so nur  junge Hüpfer schreiben können. Echt. Gucken Sie mal  hier.

Theorie und Praxis

„Mit zweieinhalb Jahren kann das Kind allmählich zusammenhängender erzählen. Es ist nun zunehmend in der Lage, Ereignisse des Tages zu berichten und besondere Vorkommnisse zu benennen.“

Ich: „Na, was habt ihr in der Kita gemacht?“
Sohn I: „Gegeßt.“
Ich: Ah, gegessen. Was gab es denn?“
Sohn I: „Essen.“
Ich: „Sag bloß. Und was genau? Suppe?“
Sohn I: „Nein.“
Ich: „Fleisch?“
Sohn I: „Nein.“
Ich: „Gemüse?“
Sohn I: „Nein.“
Ich: „Reis?“
Sohn I: „Nein.“
Ich: „Was gab es denn anderes?“
Sohn I: „Anderes Essen.“
Ich: „OK, lassen wir das. Was war danach?“
Sohn I: „Nachtisch.“
Ich: „Und außer Essen habt ihr nichts gemacht?“
Sohn I: „Doch.“
Ich: „Ah – und was?“
Sohn I: „Getrinkt.“

Ich habe keine Ahnung, was er in der Kita so macht, aber anscheinend ist die Verpflegung in Ordnung.

Das Kleinkind und die Kultur

Sohn I sitzt im Bett, es ist schon spät und er soll schlafen. Er lauscht angestrengt und sieht aus dem Fenster, dann denkt er lange nach und fragt mich schließlich: „Papa, singt die Amsel für mich?“

Das klingt vielleicht zunächst einmal nur ganz niedlich, das ist aber viel mehr. Das schließt immerhin die unfaßbare Option ein, daß die Amsel tatsächlich nicht für ihn singt und er also gar nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Das ist eine ernsthafte Grundsatzfrage nach Bedeutung und Zusammenhang, das ist auch eine sehr abstrakte Frage und das ist ein vorhergehendes Grübeln, wie es wohl nur dem Menschen eigen ist. In Alltagsdingen kann es angeblich jeder dreijährige Gorilla leicht mit einem gleichaltrigen Menschen aufnehmen, bei solchen Fragen aber trennen sich vermutlich doch die Geister. „Singt die Amsel für mich“, als Frage eines Menschenkindes, das ist wohl tatsächlich der Anfang aller Geisteswissenschaften. Würde unsere gesamte Kultur morgen über den Jordan gehen, die Menschheit würde wieder und wieder eine neue entwickeln – ich finde, man hört es an dieser einen Frage.

Wie dem Ich hier eine schwankende Bedeutung verliehen wird, die zu diskutieren ist, die man bejahen oder verneinen kann, wie der Bezug zu allem, was Nichtmensch ist, in Frage gestellt wird – ist das nicht herrlich? Noch bevor er zählen kann, bevor er eine Geschichte erzählen kann, bevor er auch nur die Sprache halbwegs richtig beherrscht, bevor er einen Begriff von der Welt hat, vor all diesem ist der Mensch schon ein Philosoph. Wunderbar. Wie gut man sich den Weg des denkenden Menschen vorstellen kann, von dieser einen beispielhaften Frage bis hin zu einem ausgewogenen Weltbild, über Jahrzehnte des Lernens und der Erkenntnis, über Fragen, Zweifel und Ideen, über Gott und Nihilismus hin zu der mühsam errungenen persönlichen Wahrheit des älteren Menschen.

Ich fand die Frage wirklich beeindruckend. Natürlich habe ich seine Frage bejaht, das versteht sich bestimmt von selbst, das wird sich jeder gedacht haben, wer würde einem Kind von noch nicht einmal drei Jahren hier ein Nein zumuten wollen. Ein resignatives, kaltes, erwachsenes Nein, das typische Nein des Menschen, der alle Illusionen verloren hat, der keinen Zauber mehr in der Welt vermutet – wer würde so etwas an ein Kind weitergeben. Ich mußte die Frage selbstverständlich bejahen. Obwohl die Amsel doch eigentlich für mich singt.