Westerhever

Wir kurven durch die Wildnis bei Westerhever. Hier ist ringsum gar nichts, außer Weiden mit Schafen und Kühen. Hin und wieder ein einsames Reetdachhäuschen, das sich hinter Hecken duckt. Der Regen prasselt auf die Scheiben des Autos, der Wind heult durch den Schiebedachspalt, es ist ungewöhnlich dunkel für einen späten Vormittag.  Die wenigen Büsche da draußen liegen schräg im Wind, Blätter treiben wie im Oktober landeinwärts. Wir halten am Deich, kein Auto weit und breit, ein großer Parkplatz für uns alleine.   Nur Verrückte fahren jetzt hierher, aber ich, ich habe einen Plan.

Ich drücke die Tür gegen den Wind auf und schnalle Sohn I vom Kindersitz, ich sage ihm, daß ich ihm das Meer zeigen werde.  Er sieht mich an, als hätte ich nicht mehr alle beisammen.“Meer!“ sage ich, „schön, endlich am Meer!“ Ich zerre das Kind aus dem Auto und ziehe ihm alles an, was im Auto herumliegt und irgendwie nach Kleidung aussieht. Das Kind sieht nach einer Weile aus wie ein wandelnder Daunenschlafsack für Gnome, ich bin währenddessen schon klitschnaß geregnet.  Ich führe das Kind zum Deich, wir gehen gegen den Sturm die Holztreppen hoch. Hinter dem Deich, sage ich, hinter dem Deich ist das Meer. Der Strand! Wie im Bilderbuch. Der Sohn sagt nichts, er krümmt sich unter dem Wind weg. Wir stehen endlich  auf der Deichkrone, der Wind ist jetzt wirklich unfaßbar kalt für Mai, es fühlt sich an, als würde er direkt vom Nordpol kommen. Vor uns etwas blasses Gras, dahinter sehr viel dunkler Schlick, ganz weit hinten ein schmaler grauer Streifen, die Nordsee.  Das Meer ist natürlich nicht da, die Nordsee ist nie da, wenn ich sie besuche, ich kann mich darauf verlassen. Wir starren einen Augenblick auf den grauen Streifen, dann tränen uns die Augen. „Nordseestrand!“ brülle ich gegen den Wind, zeige auf den Horizont und wiederhole sicherheitshalber: „Nordseestrand!“ Der Sohn nickt zitternd, ihm scheint sehr kalt zu sein. Ich trage ihn schnell zurück zum Auto.

In den nächsten Wochen, wenn es endlich wieder wärmer ist, fahre ich mit ihm mal eben an die Ostsee. Ich zeige ihm fröhliche Menschen in Strandkörben und Kinder, die an der Brandungslinie Burgen bauen. Ich werde mit ihm ein paar Muscheln suchen und dann ein Eis ausgeben. Wir werden Eis essen und auf die blauschimmernde Ostsee sehen, die mit beschaulichen Wellen vor unseren Füßen herumspielen wird.  „Ostseestrand!“ werde ich rufen und dann auf das Meer zeigen, „Ostseestrand!“ Der Junge wird mich ansehen, er wird auf die See gucken und er wird verstehen.

Nichts gegen die Nordsee, aber ich komme nun einmal von der Ostsee und als Traditionsmensch muß ich ihm irgendwie vermitteln, welches das richtige Meer ist. Ich glaube, ich habe meine Methode gefunden.

17 Kommentare

  1. Ach, ich denke Ost- und Nordsee haben beide ihren Charme! ich wohne zwar an der Ostsee und liebe sie, aber ich mag auch das raue der Nordsee, das Watt, den Schlick, den höheren Salzgehalt und damit diesen unbeschreiblichen Geruch…

  2. Ha! Ich kenne das so gut. Ich war zweimal an der Nordsee, glaube ich, und nie war sie da. Nur auf Sylt, da kann sie ja nicht weg.

    Ich bin zwar nur in den Osterferien an der Ostsee aufgewachsen, aber die Prägung bleibt.

  3. Ach, Ostsee ist dach nur was für Rentner. Schlaffes Wasser, kein Windchen, ist doch öde und richt nach nix.

  4. Pah
    Ostsee is doch für Mädchen …
    Nordsee ist eins. Nich da wenn du sie willst sondern nur wenn sie will. Baden gehn wann immer man will is doch was für Warmduscher.

  5. Wer lieber an den Ostsee als ans echte Meer fährt, der schneidet auch die Ränder von seinem Weizentoastbrot ab!

  6. als Nordsee kann man sich es eben leisten, die Leute nach seiner Tide (an)tanzen zu lassen… is eben die Diva unter den deutschen „Meeren“

  7. Die Ostsee kann zwar mit dem Salzgehalt der Nordsee nicht mithalten, sie ist aber kein Süsswassergewässer. Und übrigens: Man nennt sie auch Mare Balticum = Baltisches Meer, also nichts von wegen „der Ostsee“.

  8. Ich (Ostseekind) sollte von meinem Freund (Nordseekind) schon des öfteren überzeugt werden, dass die Nordsee ja so toll, einmalig und viel schöner als die Ostsee wäre. Und immer wenn wir dann an der Nordsee waren war diese eben nicht da. Ich kann mich auch darauf verlassen.

  9. @Jule
    Das kenne ich nur zu gut! Bin ebenfalls ein Ostseekind und sollte schon öfters „bekehrt“ werden. Aber nicht mit mir!

    Und unserer Tochter (5 Monate) werde ich Pfingsten auch gleich mal die Ostsee zeigen (Besuch bei den Uromas). Damit da ja keine falschen Überzeugungen geweckt werden 😉

  10. 2 Daumen hoch!!!!!!!!!! Ich stimme sowohl mit Deiner Ansicht über Ost- und Nordsee überein wie mit der perfiden Art und Weise, wie Du Deinen Sohn zum richtigen Glauben erziehst! Genau solche Väter braucht das Land!!! Ostsee rules!!!!!!!!!! (Schon immer das bessere Meer gewesen! :))

  11. Ich wollte noch einmal meine Begeisterung zu dieser Seite loswerden. Nach jedem Lesen sitze ich gut gelaunt und schmunzelnt vor dem PC und hoffe dass Sie bald Nachschub liefern.
    Vorallem die Geschichten über Ihren Sohn sind einfach wundervoll zu lesen.
    Weiter so!

  12. Ich habe schon tolle Urlaube an der Ostsee verbracht und auch einen schönen Tag an der Nordsee in Cuxhaven (das Wasser war überraschenderweise vorhanden). Und um mich jetzt mal als Warmduscher zu outen: Am besten gefällt mir das Mittelmeer in Griechenland mit angenehmen 27 Grad, ohne Quallen der Ostsee, immer da, wenn man spontan baden möchte und ein laues Lüftchen weht vom Meer und bringt Abkühlung statt Erkältung.

  13. soooooooooo wahr
    kommst du an die nordsee isse nicht da und bei der suche nach dem wasser versinkst du im wat
    aber an der ostsee da hast du schöne saubere sandstrände und immer wasser 🙂

  14. Wer nie am Nordseestrande war
    der weiß auch nicht was Vorland ist.

    …und wer die Ostsee für harmlos hält, sollte mal nach Westfehmarn fahren und sich bei 6 Windstärken in die Brandung stellen (aber bitte nur mit Rettungsring oder Surfboard)

    Nordseekind und Ostseefan Paula.

  15. Egal welches ‚Meer‘, welcher See oder was auch immer – seid euch gewiss, und vermittelt es euren Kinder, Wasser hat keine Balken!!!
    Ich liebe jede Art von Wasser, habe aber einen grossen Respekt davor.
    Bin gesegelt von St. Petersburg nach Kiel und habe meine kleine Lieblingsschwester auf einem Binnensee bei einem tödlichen Segelunfall verloren.
    Immer wachsam bleiben – egal an welchem Gewässer!!

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