Neu auf dem Nachttisch

Zwischendurch etwas gepflegte Comedy – als Dachgeschoßbewohner kann ich bei diesen Temperaturen sowieso nichts anderes mehr konsumieren. Also lese ich jetzt eines der frisch bestellten Sommer-Bücher, die nach der Lektüre dann unweigerlich so mit Melone zugesaut sind, daß man sie schon deswegen behalten muß. Frank Goosen, Radio Heimat – Geschichten von zuhause. Das Buch erschien im Januar dieses Jahres und ist wahrscheinlich der einzige legitime Grund, Bochum zu mögen, was ganz sicher viel heißen will. Es beginnt so:

„An lauen Sommerabenden stehe ich gerne auf der Eisenbahnbrücke am Lohring in Bochum und schaue auf meine Stadt. Ich sehe das Mercedes-Hochhaus der Stadtwerke (das ein bisschen aussieht wie der Monolith aus „2001“), die Türme von Probstei- und Christuskirche, und ganz rechts erkenne ich sogar noch den Förderturm des Bergbaumuseums. Und dann denke ich: Boah! Schön ist das nicht!

Wir im Ruhrgebiet laden Auswärtige gern ein, zu uns zu kommen, um ihren Begriff von Schönheit zu erweitern. Eine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkhäusern und Fürstenresidenzen schön finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: Wat ne geile Gegend!, das muß man wollen. Dafür muss man von hier sein.“

Buddenbohm-TV

Der NDR hat, wie hier und hier bereits berichtet, einen kleinen Beitrag über Buddenbohm & Söhne gedreht, der heute im Hamburg-Journal ausgestrahlt wurde. Das Filmchen kann man über die Mediathek abrufen (hier (Link kaputt)). Bei mir spinnen die Zeitangaben, daher kann ich die Minute nicht benennen, der Beitrag kommt aber jedenfalls kurz vor Schluß. Bleibt noch festzustellen: Das Hemd ist lila, nicht rosa. Und ich bin nicht dick. Das sieht nur so aus und ist eine optische Täuschung, siehe auch der Bulle von Tölz, Günther Strack und Joschka Fischer.

WM-Detail II

Auf der Langen Reihe, der Flaniermeile im Viertel, steht natürlich vor jeder Kneipe, vor jedem Café und vor jedem Restaurant ein Fernseher, Public Viewing ist fester Bestandteil der Straßenkultur geworden.  Vor einem der italienischen Restaurants hängt ein riesiger Flachbildschirm, es ist früher Nachmittag, kurz vor Spielbeginn, die Gäste suchen sich die Plätze nach der Blickrichtung zum Fernseher aus, auf dem bisher allerdings nur graues Gegriesel zu sehen ist. Es ist kein so wichtiges Spiel, keines mit Deutschland oder einem Favoriten, man bleibt noch entspannt. Ein Kellner kommt und drückt an den Knöpfen herum, nichts passiert. Er debattiert auf italienisch mit Kollegen im Inneren des Restaurants, die an Kabeln herumstöpseln, dann drückt er wieder am Gerät und schafft es schließlich, daß man ein Bild sehen kann. Er geht wieder ins Lokal, man hört von den benachbarten Restaurants her schon, daß das Spiel gerade beginnen muß, Hymnenklänge, man hat es also gerade noch rechtzeitig geschafft. Nach einem kleinen Moment merken die Gäste allerdings, daß nicht das richtige Programm eingestellt ist, da laufen gar keine Mannschaften über ein Spielfeld, da steht vielmehr ein bekannter Fernsehkoch vor seinen Töpfen, schlägt ein Ei auf und läßt es in eine Pfanne gleiten. Einer der Restaurantgäste schwenkt stoisch eine Fahne, brüllt begeistert: „Das Ding ist drin!“, der Rest fällt ein und man bejubelt ein paar Minuten lang in unerschütterlicher Feierlaune lautstark die Kochsendung, bis der Kellner endlich wieder vorbeikommt und das Programm umstellt.

Public Viewing hat viel mehr Potential, als man zunächst denkt.

Neu auf dem Nachttisch

Eines dieser Bücher, die einem in Hände fallen, wenn im Regal nach etwas ganz anderem sucht und an deren Lektüre man sich nicht mehr recht erinnern kann, außer einem diffusen „war nett“. Also noch einmal genau nachgesehen: Erich Kästner – Als ich ein kleiner Junge war. Das Buch erschien zuerst 1957. Nach den ersten Seiten erscheint es mir wesentlich onkelhafter, als ich Kästner eigentlich erinnere und der allzu üppige Gebrauch von Ausrufezeichen nervt doch sehr, aber wahrscheinlich bin ich einfach nur schlecht gelaunt. Das Buch beginnt so:

„Wer von sich selbst zu erzählen beginnt, beginnt meist mit ganz anderen Leuten. Mit Menschen, die er nie gesehen hat und nie gesehen haben kann. Mit Menschen, die er nie getroffen hat und niemals treffen wird. Mit Menschen, die längst tot sind und von denen er fast gar nichts weiß. Wer von sich selber zu erzählen beginnt, beginnt meist mit den Vorfahren.“

Und meine schlecht gelaunte innere Stimme sagt schon zu diesem ersten Absatz: „Nein, was für ein Unsinn. Warum hat denn das “meist” keiner gestrichen? Wo es doch so offensichtlich nicht stimmt?“

Der böse Blick

Der Mann vom NDR sagt, die Herzdame solle einmal böse gucken, das sei ja typisch für Familienszenen bei uns. „Genau“, sage ich, „super, so machen wir das. Ich spiel hier lustig mit den Kindern rum und sie guckt böse und schlecht gelaunt. Alles wie immer. Los geht’s.“

Ich wippe Sohn II auf und ab, Sohn I buddelt vor uns herum, die Herzdame steht etwas weiter weg und lächelt wie eine Madonna. „Böse gucken“, sagt der Mann vom NDR, „wie im Buch.“ Die Herzdame grinst wie ein Honigkuchenpferd. „Da stimmt etwas mit deinem Gesicht nicht“, sage ich. Die Herzdame strahlt mich an, als wäre ich Prince Charming in Person. „So hast du mich zuletzt bei der Hochzeit angesehen“, sage ich, „das wird mir hier gleich unheimlich.“ Die Herzdame dreht sich um und massiert ihre Wangen. „Ich krieg’s nicht weg“, sagt sie und grimassiert bedenklich, „ich kann nicht aufhören. Die Kamera. Das geht so alles nicht.“ Der Mann vom NDR sagt, wir könnten auch einfach etwas warten. Ich sage ja, zwei Minuten müßten reichen, länger als zwei Minuten freundlich zu gucken sei extrem wesensfremd für Nordostwestfalen. Die Herzdame strahlt wie auf Drogen.

„Schluß jetzt“, sage ich, „sonst kneife ich dieses Kind hier, dann hast du einen Grund für böse Blicke.“ Die Herzdame lacht. Sie legt den Kopf schief wie ein Wellensittich und guckt mich lächelnd an. „Vielleicht sollten wir eine andere Frau filmen“, schlage ich vor, „irgendeine schlecht gelaunte Dame wird hier ja leihweise zu finden sein.“

Die Herzdame macht die seltsamsten Gesichtsausdrücke, ein böser ist nicht dabei. „Was hat Mama denn?“ fragt Sohn I und guckt besorgt. „Mama versucht nur normal zu sein“, sage ich, „alles in Ordnung. Glaube ich.“ Die Herzdame sieht aus, als würde sie das Beißen in Zitronen pantomimisch nachspielen, nach einer Weile gehen ihre Mundwinkel wieder nach oben, wie an Fäden gezogen. „Nichts zu machen“, sagt sie, „wenn das mal bloß kein bleibender Schaden ist.“ Die Frau an der Kamera sieht genervt in den Himmel, der Mann vom NDR sieht sich nach anderen Motiven um. Dann gehen sie zur Schaukel und besprechen etwas.

Die Herzdame guckt entnervt und fragt, ob sie gehen kann. „Jetzt“, rufe ich, „jetzt ist der Blick da!“. Die Kamerafrau dreht sich um und schultert ihr Gerät, das Gesicht der Herzdame heitert sich sofort auf, als würde sie den Musikantenstadl moderieren. „Hoffnungslos“, sage ich. Die Herzdame sagt, sie könne sich das gar nicht erklären, das sei anscheinend ein bisher nicht bekannter Lächelzwang vor Kameras, sie könne leider absolut nichts dagegen machen. „Ja“, sage ich, „nicht zu übersehen. Interessante Sache. Könnten wir nicht vielleicht im Schlafzimmer eine Kamera an die Wand montieren?“

Und da hat sie dann endlich richtig finster geguckt. Aber da haben die vom NDR schon wieder über ihrem Drehplan gebrütet.