Post aus dem Urlaub

Die Familienkarawane zieht schwer bepackt zum Strand, da bleibt die Herzdame plötzlich stehen und sagt „Postkarten!“ „Ja“, sage ich, „gibt es hier überall, ich weiß auch nicht warum, ganz seltsam.“ Die Herzdame hebt einen Finger und sagt: „Wir müssen Postkarten schreiben. Sofort.“ „Wieso“, sage  ich, „ wir können doch auch eine Mail schreiben, wenn was ist. Im Hotel stehen PCs. Aber es ist ja auch gar nichts.“

Die Herzdame ignoriert mich souverän und steuert einen Strandkiosk an, vor dem Drehständer mit Postkarten angekettet sind. Sehr viele Drehständer. Sie fängt an in den Karten zu blättern und murmelt:  „Also die Omas, die Patentanten, die Kita, die Krabbelgruppe…“ Ich unterbreche sie, um zu retten, was zu retten ist und weise freundlich aber bestimmt darauf hin, daß ich keine Karte zu schreiben gedenke – keine einzige. Nicht eine Zeile.  Kein Wort. Die Herzdame sagt wieso, ich würde doch auch sonst immer schreiben, ich unterbreche sie triumphierend und sage:  „Ha! Genau der Dialog! Schon hundertfach geführt, der kommt sogar im Buch vor! In meinem Buch!“ Die Herzdame weist mich betont ruhig darauf hin, daß sie das Buch nie gelesen habe und daher nicht wissen könne, was sie alles angeblich schon einmal gesagt haben soll.  Und daß ich nun einmal für das Schreiben zuständig sei.  Ich drehe mich um und sehe mir in aller Ruhe den Strand an. Die Herzdame rüttelt nach einer Weile an meinem Arm und hält mir einen dicken Packen mit Karten hin: „Einen Kuli wirst du ja haben, so als Dichter.“ Ich nehme die Karten und sortiere sie wortlos in die Ständer zurück, die Herzdame sieht plötzlich gefährlich unfroh aus. Um konstruktiv zu bleiben schlage ich vor, Sohn I die Karten schreiben zu lassen. Ich schlage weiter vor, das kluge Kind zu bitten, jeder Person ein Bild zu malen, das wäre doch sowieso eine gute Idee für einen Strandtag, damit könnten wir uns stundenlang beschäftigen, ohne uns naß oder sandig machen zu müssen. Und weil es für Kinder gut ist, sich frühzeitig einbringen zu können, könnte er auch gleich die Karten aussuchen, immerhin sollen sie von ihm sein. Auch an Urlaubstagen kann man pädagogisch wertvolle Szenarien konstruieren, wenn man guten Willens ist. „Sohn“, sage ich, „such doch mal ein paar von diesen tollen Karten aus, wir wollen den Lieben zu Hause gerne Mallorca-Bildchen schicken, und du kannst uns jetzt dabei helfen. Welche Karten gefallen dir denn so?“

Der Sohn geht mit Feuereifer zu den Ständern und betrachtet die Karten ganz genau, er nimmt so etwas nicht auf die leichte Schulter. Er fängt bei dem Ständer ganz außen an und arbeitet sich systematisch durch die ganze Reihe. Ich streite mich derweil mit der Herzdame über Postleitzahlen. Sie ist der Ansicht, man müsse die Postleitzahlen der nahestehenden Menschen auswendig wissen, ich bin der Ansicht, keinen Platz im Hirn für so einen idiotischen Ballast zu haben, den man an jedem Computer nachschlagen kann, mit dem man dann, wenn man schon einmal daran sitzt, auch gleich eine Mail schreiben könnte, das wäre ja ohnehin viel einfacher. Der Sohn zieht an meiner Hose und hält mir einen Packen Karten hin. „Gut“, sage ich, „wir zahlen die Dinger und los geht’s. Du schreibst die Adressen, er malt ein Bild, ich werfe sie ein.  Und der Jüngste guckt zu. Im Urlaub alles zusammen und so. Super Sache.“

Die Herzdame sieht die Karten durch und sagt nein, das ginge so nicht. Ich reiße ihr die Karten kurzentschlossen aus der Hand, gehe zum Kiosk und bezahle den ganzen Schwung ohne weitere Diskussion, denn manchmal muß man einfach der durchsetzungsfähige Familienvorstand sein, Tatsachen schaffen und Dinge regeln, manchmal ist es gut, einfach durchzuregieren, sonst passiert nie etwas. Ich gehe zur Herzdame zurück und sage: „So. Schluß mit lustig, das wäre fertig. Ich stehe hier doch nicht den ganzen Tag vor dem blöden Kiosk und gucke mir Karten an.“ Die Herzdame fragt, ob ich mir die Auswahl des Sohnes angesehen hätte, ich sage ihr, daß Mallorcabildchen sowieso eines wie das andere aussehen und überhaupt, wen interessieren schon Postkartenmotive, als ob die jemals jemand zur Kenntnis nehmen würde. Die Herzdame lächelt seltsam, schüttelt den Kopf und geht vor, zum Strand. Der Sohn guckt mich fragend an, ich erkläre ihm, daß seine Mutter manchmal nicht nachvollziehbar detailverliebt sei und seine bestimmt tolle Postkartenauswahl gerne noch einmal revidiert hätte.  „Hab ich schöne Bilder ausgesucht“, sagt der Sohn. Ich tätschel seinen Kopf und sage „aber ja, das hast du ganz sicher.“ Dann habe ich mir die Karten angesehen und nichts mehr gesagt.

Unsere Verwandten erhalten nun Postkarten, auf deren Vorderseite ein Pitbull an einer barbusigen Schönheit herumschlabbert, wozu in Sprechblasen sexistische Witze von der Art zitiert werden, wie sie nur in der alleruntersten britischen Unterschicht jemand witzig finden kann. Auf der Rückseite findet sich jeweils nichts als ein blasser Buntstiftstrich, denn der Sohn hat beim Malen gerade eine minimalistische Phase und weigert sich kategorisch, mehr als eine Linie aufs Papier zu bringen.

Aber die Herzdame hat in Schönschrift Adressen eingetragen, Sohn II hat zugesehen und ich habe die Postkarten wie beschlossen eingeworfen. Man muß den Kindern konsequentes Verhalten vorleben, das ist sehr wichtig.


Urlaubslektüre

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern. Ein gutes, deprimierendes  Buch mit Artikeln über Deutschland, darunter ein ganz wundervoller Beitrag gegen Günter Grass, der allein  schon das ganze Geld wert ist. Sehr gerne gelesen. Das Buch erschien 2010 und beginnt so:

„Sabine Christiansen lutscht einen Pfefferminzbonbon und erklärt kurz, was sie heute vorhat: Ein positiver Ausblick auf das just begonnene Jahr soll es werden, mit Stars und auch ganz normalen Menschen. In der Garderobe warten Wolfgang Joop, Fiona Swarovski, Reinhold Messner, Mikka Häkkinen, Oliver Bierhoff und noch viele, viele andere ähnlich normale Gäste; die Kanzlerin wird zugeschaltet.“

Thomas Glavinic: Das bin doch ich. Laut Klappentext und Umschlag ein Bestseller, ein aberwitziges Spiel mit der Wirklichkeit, eine furiose Egomanie. Tatsächlich geht es, wie originell! – um einen Autoren, der der Autor selbst ist und der, wie originell! – trinkt. Unkomisch, langweilig, abgebrochen und weggelegt.

Der Roman erschien zuerst 2007 und beginnt so:

„Ich gehe ins Bad. Bevor ich die Unterhose ausziehe, wende ich mich vom Spiegel ab. Den Kopf starr gerade haltend, damit mein Blick nicht doch noch auf mein Geschlechtsteil fällt, steige ich in die Duschkabine. Unter den üblichen Verrenkungen dusche ich. Beim Rausgehen, als ich den Blick in den Spiegel nicht vermeiden kann, kneife ich die Augen zusammen. Ich recke den Hals und trockne mich ab. Die Verkrampfung löst sich erst, als ich wieder angezogen bin.“

Adam Haslett: Hingabe. Ein Band mit Erzählungen, die sich mit psychischen Störungen beschäftigen, sehr schön übersetzt von Pociao und Roberto de Hollanda. Lange keine Kurzgeschichten mehr gelesen, die mir wirklich gefallen haben, hier gab es dann endlich wieder welche. Das Buch erschien 2010 und beginnt so:

„Zwei Dinge will ich von Anfang an klarstellen: Ich hasse Ärzte, und ich bin in meinem ganzen Leben keiner Selbsthilfegruppe beigetreten. Mit dreiundsiebzig werde ich mich auch nicht mehr ändern. Die Psychiatrie kann mich mal; ich werde ihre nutzlosen Wundermittelchen nicht nehmen und mir auch nicht den Schwachsinn von Leuten anhören, die höchstens halb so alt sind wie ich. Ich habe auf den Schlachtfeldern der Normandie Deutsche erschossen, sechsundzwanzig Patente angemeldet, drei Frauen geheiratet, alle überlebt und stehe jetzt im Visier der Steuerfahndung, die genauso viel Aussicht hat, von mir etwas zu kriegen, wie Shylock auf sein Pfund Fleisch. Bürokratien können nicht logisch denken. Ich hingegen bin vollkommen klar im Kopf.“

Hartmut Lange: Der Therapeut. Ich habe mit Hartmut Lange eine gewisse Tradition, alle paar Jahre lese ich etwas von ihm, verstehe ihn nicht und lege ihn wieder weg.  So auch dieses Buch. Ich weiß nicht, was er mir sagen will, ich hasse es, wenn Geschichten nicht aufgelöst werden, ich möchte nach jedem Text „Na und?“ fragen.  Er ist ein vielgelobter, hochdekorierter Autor, vielleicht hakt bei mir einfach etwas.  Das Buch erschien 2007 und beginnt so:

„Wernigerode ging leicht gebeugt. Seine hellblonden AHaare waren schütter, so dass die Kopfhaut zu sehen war, und wenn er lächelte, entstand da eine Heiterkeit, der man sich nicht entziehen konnte. Er lebte mit einer Araberin zusammen, die, so wurde jedenfalls behauptet, kein Deutsch verstand.“

Walter Kappacher: Der Fliegenpalast. Ein Buch über ein paar Tage im Leben des alternden Hugo von Hofffmansthal.  Das Buch ist, ich drücke das einmal im Wortsinne des neunzehnten Jahrhunderts aus, eine hübsche Sache. Gerne gelesen.  Es erschien zuerst 2009 und beginnt so:

„An einem der ersten Tage hatte er überlegt, ob er womöglich zu alt geworden war, für diesen Ort, mit dem ihn seit Kindertagen zwiespältige Gefühle verbanden. Hatte die Erinnerung an die glücklichen Tage und Wochen hier, vor so vielen Jahren, ihm einen furchtbaren Streich gespielt? Was sich in Bad Fusch jetzt Grand Hotel nannte, war in Wirklichkeit ein Hotel dritter Klasse, ein besserer Gasthof.“

Sven Regener: Herr Lehmann. Das haben natürlich alle schon gelesen, außer mir, da muß ich also nichts mehr zu sagen. Hinten drauf steht, daß M2R beim Lesen gelacht hat, was will man mehr. Das Buch erschien 2001 und beginnt so:

„Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herrn Lehmann nannten, weil es sich herumgesprochen hatte, daß er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging.“