WM-Detail II

Auf der Langen Reihe, der Flaniermeile im Viertel, steht natürlich vor jeder Kneipe, vor jedem Café und vor jedem Restaurant ein Fernseher, Public Viewing ist fester Bestandteil der Straßenkultur geworden.  Vor einem der italienischen Restaurants hängt ein riesiger Flachbildschirm, es ist früher Nachmittag, kurz vor Spielbeginn, die Gäste suchen sich die Plätze nach der Blickrichtung zum Fernseher aus, auf dem bisher allerdings nur graues Gegriesel zu sehen ist. Es ist kein so wichtiges Spiel, keines mit Deutschland oder einem Favoriten, man bleibt noch entspannt. Ein Kellner kommt und drückt an den Knöpfen herum, nichts passiert. Er debattiert auf italienisch mit Kollegen im Inneren des Restaurants, die an Kabeln herumstöpseln, dann drückt er wieder am Gerät und schafft es schließlich, daß man ein Bild sehen kann. Er geht wieder ins Lokal, man hört von den benachbarten Restaurants her schon, daß das Spiel gerade beginnen muß, Hymnenklänge, man hat es also gerade noch rechtzeitig geschafft. Nach einem kleinen Moment merken die Gäste allerdings, daß nicht das richtige Programm eingestellt ist, da laufen gar keine Mannschaften über ein Spielfeld, da steht vielmehr ein bekannter Fernsehkoch vor seinen Töpfen, schlägt ein Ei auf und läßt es in eine Pfanne gleiten. Einer der Restaurantgäste schwenkt stoisch eine Fahne, brüllt begeistert: „Das Ding ist drin!“, der Rest fällt ein und man bejubelt ein paar Minuten lang in unerschütterlicher Feierlaune lautstark die Kochsendung, bis der Kellner endlich wieder vorbeikommt und das Programm umstellt.

Public Viewing hat viel mehr Potential, als man zunächst denkt.

9 Kommentare

  1. *klugscheißer-modus-on*
    Den meisten ist immer noch unbekannt, dass angelsächsische Mitjubelnde sich immer noch heimlich still und leise an den Kopf tippen, wenn unsereins von „Public Viewing“ spricht… bedeutet es doch an sich: Leichenschau!
    *klugscheißer-modus-off*
    😉

  2. schön, dass wir auch noch gleich an dieselbe quelle gedacht haben, mct. anatol stefanowitsch for president, sag ich ja immer. 🙂

  3. So super, auch die Kommentare wieder nur herrlich.
    Und ich entdecke gerade ein neues Buch – ach nee wat ist dat schön.

  4. Hmmm….
    also ich lasse mich immer gerne eines Besseren belehren.

    Und ich habe das auch nicht irgendwo aufgeschnappt, sondern ganz einfach in zwei dictionaries nachgeschlagen. Weil’s mich selbst interessiert hat, ob es denn auch stimmt.
    Und da stehts halt drin.
    leo.de sagt es u. a. auch, und da hab ich es dann als gegeben hingenommen.
    Es sei mir also verziehen, dass ich nicht eine dritte Quelle wie den „Uni-Blog von Bremen“ zur simplen Verifizierung eines Ausdrucks herangezogen habe, wenn ich in der Nähe von Frankfurt wohne.
    (Menschenskinder – DA hätt‘ ich aber mal wirklich nachgucken müssen!!!)
    Ich gelobe Besserung.
    *Thema-Ende*
    🙂

  5. @Hypno-Babe: Ich wollte Niemanden persönlich angreifen… wir Ostwestfalen werden einfach immer missverstanden…
    Im übrigen nutze ich auch gern und häufig leo.org der Uni MÜNCHEN obwohl ich doch aus OWL bin ;o)
    @Jen: Ja, die Seite von Anatol Stefanowitsch ist wirklich toll. Hätte als Laie nie gedacht, dass das Thema so interessant sein könnte.

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