Am Nebentisch

Wir saßen beim Portugiesen und frühstückten, als sich ein junger Mann an den Nebentisch setzte. Gutaussehend, gepflegt gekleidet, ein wenig zu förmlich für einen entspannten Sonnabendmorgen vielleicht. Cordsakko, Weste darunter, Oberhemd, Krawatte. Er holte eine Bibel im abgegriffenen Ledereinband aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch, daneben legte er einen ziemlich großen Taschenrechner. Blätterte ein wenig in der Bibel, tippte dann ein paar Zahlen. Bestellte sich einen Milchkaffee, riß das Zuckerpäckchen auf und schüttete den Inhalt sinnend auf die Milchschaumkuppel über dem Kaffee. Beobachtete mit grübelndem Blick, wie der Zucker langsam einsank und unterging, er hatte jetzt die Augen weit aufgerissen und sah seltsam leidend aus, als würde er mit jedem Zuckerkrümel eine verlorenen Seele in einen höllischen Abgrund verschwinden sehen, unwiederbringlich. Er legte die Fingerspitzen zusammen, vielleicht im Gebet, vielleicht nur konzentriert. Na, dachte ich, wenn der mal nicht soeben den Bibelcode geknackt hat und dabei den Weltuntergang errechnet hat. Zumindest guckt er so. Und wenn das hier eine Filmanfangssequenz wäre, dann würde man jetzt garantiert Musik hören, in der man irgendwie gregorianische Gesänge verwurstet hätte und es würde ein ziemlich unheimlicher Film werden.

„Das Ende ist nah“, sagte ich im Verschwörertonfall flüsternd zur Herzdame, die den Scherz aber leider nicht verstehen konnte, weil sie mit dem Rücken zu dem Priester – oder was immer er war – saß. Nein, sagt die Herzdame energisch und leicht gereizt, das Ende sei nicht nah und ich möge doch bitte mit der ewigen Hektik aufhören, sie müsse jetzt erst noch ihren Kaffee in Ruhe austrinken und überhaupt würde ich ihr auf die Nerven gehen und zwar schwer, schon dieses geschwollene Deutsch immer, es sei manchmal wirklich nicht einfach mit mir.

Nun ja. Das Leben ist kein Mystery Thriller.


Abends

Sohn I kann nicht einschlafen. Das ist auch kein Wunder, denn im Urlaub war er abends immer länger und noch länger auf, und nun soll er plötzlich wieder früh ins Bett, nur weil der Kindergarten wieder anfängt, wie soll das auch gehen. Er liegt im Bett und guckt ratlos an die Decke. Dann sagt er, er müsse noch etwas lesen und holt sich einen riesigen Stapel Bücher ins Bett. Er fängt an zu blättern. Ich gehe an meinen Schreibtisch, das Kind ist jetzt wohl alt genug, um mit der Situation allein zurechtzukommen. Er ruft mir nach und bittet mich, die Tür zu schließen, er möchte von seinen Eltern nicht dauernd beim Lesen gestört werden. Ich denke kurz an all die Kinder, die zum Einschlafen eine offene Tür mit Licht im Flur brauchen und frage mich, was bei uns eigentlich anders ist. Sohn II krabbelt währenddessen an mir vorbei, er kann auch nicht schlafen und hat seinen Platz im Elternbett verlassen, um sich etwas Besseres zu suchen.  “Na”, sage ich, “soll ich dir vielleicht noch eine Milch geben?” Er beachtet mich nicht und krabbelt weiter, zum Kinderzimmer. Richtet sich an der Tür auf und hämmert dagegen. Von innen hört man Schritte, dann geht die Tür einen Spalt auf, der große Bruder guckt nach, was da los ist. Er sieht Sohn II an der Tür lehnen, streckt ihm eine Hand entgegen und sagt: “Na, dann komm rein, mein Kleiner.” Die Tür wird wieder geschlossen. Die Herzdame und ich schleichen uns auf Zehenspitzen an und lauschen dem Gemurmel, das schwach zu hören ist. Eindeutig: Sohn I liest Sohn II vor. Durchs Schlüsselloch kann man erahnen, wie die beiden zusammen in einem Bett sitzen. Natürlich kann Sohn I noch gar nicht lesen, aber er zählt einfach alles auf, was er sich bei unserem Vorlesen gemerkt hat, und das ist eine ganze Menge. Genug jedenfalls, um ein Baby ziemlich lange vollzutexten.

Dieser Eintrag hat keine Pointe, er ist nur ein freundlicher Hinweis am Rande, für all die Eltern, die bisher nur ein Kind haben und noch überlegen.  Sollten Sie allerdings bereits drei Kinder haben und ähnliche Idyllen für diese Variante schildern können – erzählen Sie es uns besser nicht.


Westerhever

Westerhever

Alte Regel: Kein Nordfrieslandurlaub ohne Leuchtturmbild. Manchmal ist es einfach.

Sommerloch

Sohn I und sein Kumpel spielen Fußball mit dem zerbissenen Gummispielzeug eines Hundes, irgendwo auf der dritten Deichlinie der Halbinsel Eiderstedt. Sohn II und sein Kumpel lassen sich dazwischen kichernd deichabwärts rollen, um dann den langen, langen Weg wieder nach oben zurückzukehren. Auf dem Feld gegenüber reifes Korn, dahinter eine Weide, dahinter hört man Schafe. Auf der anderen Seite Kühe, eine davon steht bis zum Euter in einem algengrünen Tümpel, um sich abzukühlen. Wir essen Brötchen mit fingerdick geschnittenen Mettwurstscheiben vom Markt. Eine Wolke von Bienen belagert die Kletterrosen vor den Fenstern unter dem Reetdach. Das Wetter wird ganz, ganz langsam schlechter, wenn es so weitergeht, wird man in wenigen Tagen noch irgendwas mit langen Armen anziehen müssen – wenn man es denn wiederfindet. Dunkel dämmert uns, so etwas einmal besessen zu haben. Die Seite mit dem Wetterbericht baut sich gemächlich und Zeile für Zeile auf dem Bildschirm auf, das Internet ist hier langsam wie eine Wanderdüne. Wir schlagen „Regen“ im Lexikon nach und erinnern uns.

Und mehr ist gerade nicht los.