Ey!

Sohn I: „Darf ich bitte etwas von deiner Apfelschorle abhaben? Das würde mich freuen.“

Kumpel von Sohn I: „Ja, mein Freund, bitte sehr.“

Der Sohn und sein Kumpel sind fast drei Jahre alt, beide können eigentlich noch kein perfektes Deutsch, aber man merkt doch, sie fangen jetzt an, sich Höflichkeiten zu drechseln, teilweise in einem geradezu bizarren Ausmaß. Sie haben erstaunlich viel Spaß daran, sich mit Bitte und Danke zu bewerfen, sie schnappen immer neue und immer kompliziertere Floskeln auf und bauen sie sofort ins Spiel ein. Zwischendurch fallen sie dann aber unvermittelt wieder in das Kleinkindgemäße:

Sohn I: „Abhaben! Durst“

Kumpel von Sohn I: „Neehee! Weg!“

(folgt Schlägerei)

Sie schlingern im Niveau, und was eben noch ein unfaßbar höfliches Kind war, ist im nächsten Moment ein gröhlender Wüterich ohne rationale Kontrolle. Aber allmählich spielt es sich doch ein, sie gewinnen mit jeder Woche deutlicher einen Sinn für den richtigen Moment und das passende Vokabular. Sie verstehen jetzt, daß nicht jede Formulierung in jede Situation paßt. Manchmal kann man sogar schon den Eindruck gewinnen, daß sie ohne jedes Nachdenken perfekt und adäquat auf die Art der Ansprache reagieren. Sie erahnen darin womöglich die Anfänge der jahrtausendealten Tradition des guten Benehmens.

Ich gehe mit Sohn I an einer Hilfseinrichtung für schwule Stricher aus dem Ausland vorbei, das ist hier eben ein Bahnhofsviertel, hier ist manches anders als im Rest der Stadt. Vor der Tür wird herumgelungert, man steht rauchend in Grüppchen auf dem Fußweg. Sohn I brettert mit seinem Laufrad mitten durch, auszuweichen ist ihm bei menschlichen Hindernissen noch nie in den Sinn gekommen. Einer der Jugendlichen, den er im Vorbeifahren rammt, dreht sich um und ruft: „Ey!“ Sohn I hält, dreht sich langsam wie in einem Italo-Western um, schiebt seinen Sonnenhut in den Nacken, sieht sich den Typen über ihm genau an und fragt dann in einem bemerkenswert schnodderigen Tonfall: „Ey, hassu gerade ey gesagt?“


9 Kommentare

  1. das nennt man Intergration! Super und das in dem Alter!!!

    Ja das mit dem Nettsein und dann zum Mutanten wechseln, hab ich auch mit meiner nun fast 2 Jährigen Monsterfrau. Find ich immer wieder fasinieren, wenn meine mit ihrer Freundin sich herzlichst umarmen, knutschen und dann BUMMS ZACK ZISCH drescht man sich mal kurz zusammen … Und dann AY AY sagen und streicheln, dann noch ne Runde knutschen und vorallem beim Abschied weiter knutschen und drücken. Köstlich ist aber, wenn sie beide kreischend beide an der Hand die Strasse entlang rennen und kreischen und kreischen und kreischen

  2. Herrlich. Unser Zweijähriger fängt jetzt auch an. Hält uns die Tür auf, kuckt hoch und sagt:“Dankeschön…Dankeschön!“

  3. Mit zwei Jahren schon den Western im Blut zu haben – chapeau! Und: Eine „Hilfseinrichtung für schwule Stricher aus dem Ausland“ – kann es so etwas wirklich geben?

  4. vermutlich hat sohn I, ohne dass du auch nur das geringste davon mitbekommen hast, unter der hand fix einen stein crack klar gemacht. und los!

  5. Machen Sie sich nie Sorgen um Sohn I. Er hat das Leben voll im Griff! Ist das nicht etwas Wunderbares für Eltern, diese herrliche Sicherheit…

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