Abends

Sohn I kann nicht einschlafen. Das ist auch kein Wunder, denn im Urlaub war er abends immer länger und noch länger auf, und nun soll er plötzlich wieder früh ins Bett, nur weil der Kindergarten wieder anfängt, wie soll das auch gehen. Er liegt im Bett und guckt ratlos an die Decke. Dann sagt er, er müsse noch etwas lesen und holt sich einen riesigen Stapel Bücher ins Bett. Er fängt an zu blättern. Ich gehe an meinen Schreibtisch, das Kind ist jetzt wohl alt genug, um mit der Situation allein zurechtzukommen. Er ruft mir nach und bittet mich, die Tür zu schließen, er möchte von seinen Eltern nicht dauernd beim Lesen gestört werden. Ich denke kurz an all die Kinder, die zum Einschlafen eine offene Tür mit Licht im Flur brauchen und frage mich, was bei uns eigentlich anders ist. Sohn II krabbelt währenddessen an mir vorbei, er kann auch nicht schlafen und hat seinen Platz im Elternbett verlassen, um sich etwas Besseres zu suchen.  „Na“, sage ich, „soll ich dir vielleicht noch eine Milch geben?“ Er beachtet mich nicht und krabbelt weiter, zum Kinderzimmer. Richtet sich an der Tür auf und hämmert dagegen. Von innen hört man Schritte, dann geht die Tür einen Spalt auf, der große Bruder guckt nach, was da los ist. Er sieht Sohn II an der Tür lehnen, streckt ihm eine Hand entgegen und sagt: „Na, dann komm rein, mein Kleiner.“ Die Tür wird wieder geschlossen. Die Herzdame und ich schleichen uns auf Zehenspitzen an und lauschen dem Gemurmel, das schwach zu hören ist. Eindeutig: Sohn I liest Sohn II vor. Durchs Schlüsselloch kann man erahnen, wie die beiden zusammen in einem Bett sitzen. Natürlich kann Sohn I noch gar nicht lesen, aber er zählt einfach alles auf, was er sich bei unserem Vorlesen gemerkt hat, und das ist eine ganze Menge. Genug jedenfalls, um ein Baby ziemlich lange vollzutexten.

Dieser Eintrag hat keine Pointe, er ist nur ein freundlicher Hinweis am Rande, für all die Eltern, die bisher nur ein Kind haben und noch überlegen.  Sollten Sie allerdings bereits drei Kinder haben und ähnliche Idyllen für diese Variante schildern können – erzählen Sie es uns besser nicht.


10 Kommentare

  1. Schöne Anekdote – wie immer!

    Nein, ich kann Ihnen nur empfehlen, jetzt mit dem Kinderkriegen aufzuhören. Wir haben 6 (Patchwork) und es funktioniert nur mit großer Anstrengung und viel Geschrei. 2 sind perfekt – für jede Hand ein Kind!

  2. Wir werden unserem Sohn I (14 Monate) noch ein paar ruhige Monate als Einzelkind gönnen, bevor wir uns ihren Vorschlag des zweiten Kindes überlegen.

  3. Also, wir haben ebenfalls zwei – eine Große, die ist fast acht (Jahre) und eine Kleine, die ist ebenfalls acht (Monate). Und mir graut es jetzt schon davor, wenn die Große mit den Großeltern nächste Woche im Urlaub ist, da muss ich dann nämlich die Kleine den ganzen Tag selber bespaßen, was ich natürlich längst nicht so lustig, umfassend und ausdauernd kann wie die Große. Doch – zwei ist gut!

  4. Na gut, keine weiteren Idyllen. Aber drei haben immerhin zur Folge, dass immer irgendwie eine absolute Mehrheit entsteht. Dass die Eltern generell in der Unterzahl sind. Dass das Kind sich nicht nur aussuchen kann, ob oder ob es nicht mit Geschwistern spielen möchte, sondern sogar noch, mit wem. Dass das Auto mal richtig voll wird. Dass jegliche „Also an sich finden wir Kinder richtig toll“-Einstellungen auf die Probe gestellt werden. Dass die Chance für beide Geschlechter ziemlich zunimmt. Dass einem in fast jedem Smalltalk das „So jung und schon drei Kinder!?!“ gewiss ist, egal, wie alt man ist.

    Und dann natürlich noch die Sache mit den guten Dingen, die wohl drei seien sollen.

  5. Hier eine Anekdote von heute Mittag:

    Die Söhne (gerade 3 und 5 Jahre) waren zu Besuch bei den Großeltern. Es wurde nur ein kurzer Zwischenstop hier gemacht, um die Fahrräder ins Auto zu laden. Ich stand mit dem Baby (4 Monate) auf dem Arm in der Tür um die Garage zu öffnen und beide Jungs riefen den Namen des Babys. Ich sollte zu ihnen kommen, damit sie die Kleine begrüßen und herzen können – da geht einem das Herz auf. Und lassen Sie es sich gesagt sein: das dritte Kind ist das tollste und drei Kinder haben zu dürfen ist einfach unglaublich schön.

  6. Und wir warten ab, wenn alle Kinder mehr oder weniger gleichzeitig pubertieren – wie einem dann das Herz aufgeht. Oder die Faust in der Tasche …

    Nein ehrlich, alles hat Vor- und Nachteile. Jeder so, wie er mag, dabei aber auch den Kopf nicht ganz ausschalten. Liebe, Zeit, Geld … je mehr Kinder, desto weniger ist für jedes einzelne Kind möglich. Und spassig ist im fortgeschrittenen Alter (ca ab Grundschule) die Koordination der Freizeitaktivitäten, denn jedes Kind möchte meist etwas anderes machen.

  7. Also ich hab 2 Jungen (18 und 11) und 1 Mädchen (4), also alle 7 Jahre 😉 …
    Der Große ist ja jetzt schon eine Weile raus, aber er hat seit der 1. Klasse meistens dem Kleinen vorgelesen. Und jetzt macht der Mittlere das bei der Kleinen. Aber auf Wunsch lesen auch Mama, Papa und Oma vor. Und die Kleine „liest“ ihren Püppis vor. Das ist bei uns Familientradition

  8. In unserer Familie entspannte sich der „Streß“ mit jedem weiteren Kind. Irgendjemand von den Vieren hatte immer Zeit zum Vorlesen, Mathe-erklären, Vokabeln abfragen, das hat unter den Geschwistern besser funktioniert als mit uns Eltern. (Knapp 10 Jahre Altesunterschied zwischen Erstgeborener und unserem „Kleinen“) Auch während der Pubertät wurde untereinander aufgepasst, klar gab es auch mal Zickenkrieg, aber die Wellen schlugen nie zu hoch, weil man nicht allein war. Heute besucht der „Kleine“ in den Ferien seine Geschwister in ihren Unistädten und zu Hause gehts am Wochenende auch mal zusammen weg.
    Nur Mut!

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