Neu auf dem Nachttisch

Es ist natürlich vollkommen verständlich, daß ein Verlag seine Produkte in Superlativen beschreibt und anpreist. Man darf es aber doch seltsam finden, daß die Presse sich so oft so begeistert an diesem Spiel beteiligt und verblüffend freigiebig mit Jubeltexten um sich wirft, die bestenfalls mittelmäßige Bücher über den grünen Klee loben. Manche Bücher werden durch diese Superlative in den Besprechungen erst richtig schlecht und wären vielleicht doch ganz nett gewesen, hätte man sie vorher korrekt als ganz nett beschrieben gefunden. Ich habe nichts gegen ganz nette Bücher, ich schreibe schließlich sogar selber welche. Es gibt einen großen Markt für ganz nette Bücher und es gibt überhaupt keinen Grund, sie als Meilensteine der Literatur zu bezeichnen.

Seltsame Jubelarien findet man zum Beispiel für Grégoire Boullier: Ich über mich. „Großartig geschrieben“, „sprühender Humor“, „äußerst amüsant“, höchst unterhaltsam“…

Und dann liest man die ersten zwanzig Seiten, guckt ratlos hoch und versteht die Welt nicht mehr, das Buch schon gar nicht und die Rezensenten erst recht nicht. Nichts ist komisch, nichts ist unterhaltsam, es spritzt nichts, es amüsiert nichts und unter großartig geschrieben stellt man sich auch etwas anderes vor. Die Lektüre ist ein Fall von Interruptus.

Das Buch erschien 2010, wurde aus dem Französischen übersetzt von Oliver Ilan Schulz und beginnt so:

„An einem Sonntagnachmittag kommt plötzlich meine Mutter in unser Zimmer, wo mein Bruder und ich spielen, jeder in seiner Ecke: „Kinder, glaubt ihr, dass ich Euch liebe?“ Ihre Stimme ist eindringlich, ihre Nasenflügel phantastisch. Mein Bruder gibt eine klare Antwort. Ich zögere, eigentlich bin ich erst sieben Jahre alt. Ich bin mir der Gelegenheit bewusst und fürchte zugleich die Folgen. Schließlich murmle ich: „Vielleicht liebst du uns ein bisschen zu sehr.“ Entsetzt starrt mich meine Mutter an. Sie verharrt einen Moment fassungslos, geht zum Fenster, reißt es auf und will sich aus dem fünften Stock stürzen. Vom Lärm aufgeschreckt, erwischt mein Vater sie auf dem Balkon, als sie schon mit einem Bein über dem Abgrund hängt. Meine Mutter heult auf und schlägt um sich. Ihre Schreie erfüllen den Hof.“

6 Kommentare

  1. und ich dachte, Engländer hätten ein schwarzen Humor! na ja, den Auschnitt kann man leider nicht so recht beurteilen. Vielleicht gibt es ein Übersetzungsfehler? Interpretationsfehler? Sind wir denn bis zum Ende gekommen oder haben wir nach den 20 Seiten vor Lachen schlapp gemacht?

    LG

  2. Nein, ich glaube nicht, daß der Übersetzer geschlampt hat. Aber es ist ein französisches Buch.

    Und manche französische Bücher lesen sich, wie man einen stilechten französischen Film sieht: von 90 Minuten sind 60 nur Situationsschilderung, damit in den folgenden 20 irgend etwas passiert, wovon man dann aber vielleicht versteht, warum, weil man ja die Situation genau kennt. und die letzten 10 Minuten lösen die Verwicklung auch nicht, aber zeigen: es geht möglicherweise irgendwie weiter. Oder auch nicht. Denn das Leben ist ein langer, ruhiger Fluß.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.