Schilksee

Einer dieser Orte, an denen man nur landet, weil die Familie im Auto meutert und genug von Autobahn und Landstraße hat. Ans Meer, an den Strand, und zwar sofort, warum fährt man sonst schon durch Schleswig-Holstein. Was ist östlich rüber, geradeaus durch? Schilksee. Dann eben Schilksee.

Auf dem großen Parkplatz am Olympiazentrum vereinzelte Wohnmobile, an der Bushaltestelle davor ein Bus mit offener Tür, der Fahrer döst zusammengesunken am Steuer. Kein Verkehr, keine Menschen. Nur ganz hinten eine Frau mit Rollator. Sohn I hat eine Gitarre zum Geburtstag bekommen, die er jetzt aus dem Kofferraum kramt: „Ich geh an den Strand, Musik machen.“ Er trägt die Gitarre über der Schulter wie einen Baseballschläger, er sieht sehr entschlossen aus. „Sohn“, sage ich, „mit Gitarre an den Strand, das war in meiner Kindheit schon peinlich und vorgestern, ich möchte dir entschieden davon abraten.“ Er guckt mich irritiert an und sagt: „Das gehört aber doch so.“ Ich frage die Herzdame wie der Sohn auf Gitarrenmusik am Strand kommen kann, sie hat keine Ahnung. Ich frage die Herzdame, ob sie eine ausgeprägte und mir bisher verschwiegene Hippiephase im Leben hatte, die eventuell in den Genen des Kindes lauern könnte. Sie sagt ja, zweifelt aber die Vererbungstheorie an. „Von mir hat er das jedenfalls nicht!“ sage ich, während die Herzdame versucht, dem Sohn die Mütze zu entreißen, weil sie sie statt eines Hutes oder einer Dose umgedreht vor ihn legen möchte, während er spielt. „Ein paar Münzen könnte es ja geben“, sagt sie.

Vorbei an dem grottenhäßlichen Olympiazentrum und unfaßbar scheußlichen Betonwohnsilos, dahinter ein Stück Strand. Eine kleine Schar Strandkörbe, zwei, drei davon besetzt. Eine Handvoll Kinder in Badehosen, schläfrige Erwachsene, ein sehr kleiner Spielplatz, den man bei Einbruch der Dunkelheit verlassen soll, wie ein Schild streng ermahnt. Ich würde ihn gerne sofort verlassen, aber Sohn I setzt sich hier vor die Wellen und klimpert. Wir setzen uns etwas weiter weg und tun so, als wäre es nicht unser Kind. Der Wind weht Fetzen von „Lalelu“ herüber, er singt der Ostsee ein Schlaflied, wie kitschig ist das denn. Er schlägt die Saiten mit einem Eurostück an, es sieht tatasächlich recht fachmänisch aus, obwohl er die Gitarre erst seit Stunden besitzt. Die ersten Töne von Lalelu scheinen verblüffenderweise auch einigermaßen zu stimmen. „Er ist musikalisch“, sage ich zur Herzdame. „Ja“, sagte sie, „das arme Kind, bei den Eltern.“ Wir sind tatsächlich beide musikalisch wie Betonpoller, er wird es mit uns nicht leicht haben.

Die Frau am Rollator zieht schlurfend vorbei, ich schlage vor, weiterzufahren. Sohn I beendet sein Lied und nickt dann langsam, während er die Gitarre streichelt und an den Dingern dreht, mit denen man die Saiten stimmt.

Falls er später mal ein Superstar wird – es fing in Schilksee an.  Gleich neben Kiel. Ausgerechnet.

7 Kommentare

  1. Gelassenheit ist alles!
    Ist doch cool, was Ihr Sohn da macht.
    Das ist ein Kreativer und ein musisch Begabter!
    Da hat die Welt viel zu wenig von.
    Seien Sie stolz!
    Jetzt! 🙂

  2. Ob nun Schilksee oder Falckensteiner Strand – so schlecht sind die Orte nicht, um eine zukünftige Musiklegende hervorzubringen! (Allemal besser als unsere Fußgängerzone! ;-))

  3. Er hat die Gitarre mitgenommen und spielt am Wasser Lalelu? Hach, da freu ich mich! Knuddelt mal beide Söhne von uns und dem Kleinen alles Herzgroßartigste zum Geburtstag! Liebe Grüße!

  4. Wirbel. Die Dinger.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wirbel_(Bauteil)
    Ich verstehe ja immer nicht, warum Leute damit kokettieren, sie seien total unmusikalisch. Das ist so ähnlich wie vor Jahren, als sich manche darin gefielen zu behaupten, sie könnten keinen Videorekorder programmieren. Wobei ich eine Wette wagen würde, die Sie jetzt überraschen mag: Sie sind wohl musikalisch. Denn sie können a) wunderbar schreiben, b) sehr gut fotografieren, und damit ergo auch c) Musik machen. Ist alles dieselbe Aktivitätsregion im Hirn, Kehlkopfkrebs haben Sie ja wohl eher nicht, und die Ohren dürften auch noch einigermaßen in Ordnung sein. Warum also nicht? War’s die böse alte Musiklehrerin damals auf der Schule?
    Aus a) bis c) folgt übrigens der Kracher d): Sohn I hat das eben doch von Ihnen geerbt. Er hat nur noch nicht Ihre antrainierten Hemmungen.

  5. so schön und so bekannt 🙂

    Wenn der Wille groß ist und die Eltern auch noch was lernen möchten (ich denke Oliver hat recht) sind Sie in Hamburg am rechten Ort:
    Einem der wenigen Orte in Deutschland an dem schon 3-jährige Gitarre spielerisch erlernen können. Das ganze geht nach der Suzuki-Methode – nein nicht Motorrad, Musizieren (www.suzuki-gitarre.de).
    Wenn das Kind noch nicht zu sehr verplant ist oder keine Lust auf die Orff-Instrumente de musikalischen Früherziehung hat, ist das vielleicht eine echte Alternative.
    „Der Grundstein wird durch tägliches Musikhören und Üben mit den Eltern gelegt.Im Einzelunterricht werden Kinder und deren Eltern zusammen unterrichtet.“
    Wenn die Gitarre doch nicht soooo interessant ist, kann man das dem Kind auch ersparen.

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