Vollkorn-Spezial

Morgens auf dem Weg zur Kita. Sohn I reitet auf meinen Schultern, Sohn II, seit vierzehn Tagen auch in der Kita, rasselt vergnügt im Kinderwagen unter der durchsichtigen Plastikabdeckung. Wir schieben durch den Regen. „Zum Bioladen!“ dirigiert Sohn I, auch so ein Wort, das ich mit drei Jahren ganz gewiß nicht kannte, denke ich. Was möchtest du denn da, frage ich ihn, obwohl wir da jeden Morgen hingehen und er natürlich jeden Morgen das gleiche haben will. Rituale müssen sein. Ein Rosinenbrötchen, sagt er. Ich erinnere ihn an unsere Abmachung, daß er ein Rosinenbrötchen nur dann haben kann, wenn er es selbst bestellt und bezahlt, ein wenig Herausforderung darf schon sein. Der Sohn grummelt ein wenig. Wir gehen in den Bioladen, Sohn I sagt von meinen Schultern herab zum Verkäufer: „Ich möchte ein Rosinenbrötchen bitte, aber das muß mein Papa bestellen, weil ich bin doch so schüchtern.“ Gut, sagt der Verkäufer, packt das Brötchen ein und reicht es über den Tresen, das würde er sehr gut verstehen, das sei schon in Ordnung.

„Und für mich ein Vollkorn-Spezial“, sage ich und warte, daß der Verkäufer mir auch eine Tüte gibt. Ich stecke sie ein, um das Brötchen später zu essen, genau genommen auf dem Rückweg von der Kita. „Kein Rosinenbrötchen für dich?“, fragt Sohn I. „Nein“, sage ich, „man kann nicht immer nur Süßes essen. Vollkornbrötchen sind gesund, machen tolle Zähne und super Verdauung, solltest du auch mal essen. Viel besser als dein Zuckerzeug.“ Sohn I beißt in sein Rosinenbrötchen und sagt nichts mehr, leise rieseln mir die Krümel um die Ohren. „Denk mal drüber nach“, sage ich väterlich wohlmeinend und schiebe den Wagen weiter. Ich bringe die beiden zur Kita, gehe wieder nach Hause und esse jetzt erst in Ruhe mein eigenes Brötchen. Und hoffe im Stillen, daß es noch eine ganze Weile dauert, bis Sohn I dahinter kommt, daß „Vollkorn-Spezial“ ein neuerdings zwischen dem Verkäufer und mir vereinbartes Codewort für ein Schokobrötchen ist. Rituale müssen sein.

Neu auf dem Nachttisch

Bücher, die man aus eigentlich unerfindlichen Gründen noch nicht gelesen hat, obwohl alle sie gelesen haben, obwohl sie gut sind, obwohl sie in Nachbarklassen sogar auf dem Lehrplan standen, obwohl man den Inhalt schon mitsingen kann, weil er längst zum Allgemeingut geworden ist, auch durch Verfilmung. Seltsam. Walter Kempowski: Tadellöser & Wolff. Mit Kempowski hatte ich früher ein wenig Pech. Als ich mich vor langer Zeit in einem Smalltalkgespräch unter Studenten gegenüber einer höchst attraktiven jungen Frau betont lässig und abfällig über ihn äußerte, obwohl ich ihn nie gelesen hatte, teilte sie mir in nicht eben freundlichen Worten mit, daß sie ihn erstens für ein Genie halte und zweitens gerade seine Assistentin sei. Unsere Beziehung hat sich dann nicht weiter vertieft.

Der Roman erschien zuerst 1971 und ist natürlich ungemein lesenswert. Klare Sache und damit hopp. Für den eigenen Schreibstil ist er aber ein Desaster, weil sich die typischen Wendungen ins Gehirn fräsen und immer wieder abspulen, da ist das Schreiben dann hinterher völlig verbumfeit. Durch solche Bücher muß man schnell durch, dann ist der stilistische Einfluß hoffentlich bald wieder erlederitzt. Gut dem Dinge! Der Roman beginnt so:

„Morgens hatten wir noch in der alten Wohnung auf grauen Packerkisten gehockt und Kaffee getrunken (gehört das uns, was drin ist?). Helle Felder auf den nachgedunkelten Tapeten. Und der große Ofen, wie der damals explodierte. Zu Mittag sollte schon in der neuen Wohnung gegessen werden. Die Zimmerpalme wurde dem Gärtner geschenkt, die würde man nicht mehr stellen können. Wunderbar, wie die sich in all den Jahren entwickelt hatte. Den gelben Onkel nahm man mit, mit dem gab es ab und zu „hau-hau!“ Schön würde es werden in der neuen Wohnung, wir würden schon sehn: zauberhaft. Vom Balkon eine Aussicht – wonnig. Und keine Öfen zu heizen, das war auch was wert.“