Humtata

In Hamburg, einer Stadt, in der man bis vor kurzer Zeit erfolgreich gegen Kindergärten wegen Lärmbelästigung klagen konnte, gibt es gerade einen kleinen Medienaufruhr um einen findigen Menschen, der eine Schallkanone entwickelt hat, mit der er Jugendliche von einem Bolzplatz vertreibt, der an sein Grundstück grenzt. Er fühlt sich von dem Gegröle der dort herumhängenden Jugendlichen belästigt, von ihren nervigen Handysounds und ihrer sonstigen Geräuschentwicklung. Die Schallkanone sendet einen hohen Ton, den Jugendliche als unangenehm empfinden, während ihn Menschen gestandenen Alters dank früh einsetzendem Hörverlust gerade im hohen Tonbereich oft gar nicht mehr hören können. Der Erfinder dieser Schallkanone heißt, und das ist kein Witz, Herr Qualmann – obwohl es vielleicht doch der beste Witz an der Sache ist. Herr Qualmann hat einerseits bereits Anfragen von etlichen anderen Bürgern, die sich ebenfalls von Jugendlichen belästigt fühlen, andererseits wird er sicher in absehbarer Zeit von irgendwem wegen Körperverletzung verklagt werden.  Eine durch und durch unschöne Situation.

Man kann den Nachrichten der Stadt zurzeit allerdings auch entnehmen, daß Hamburg dramatisch sparen muß. Streichlisten werden veröffentlicht und Etats diskutiert. Museen werden geschlossen, Weihnachtsgelder werden gestrichen, Polizeifahrräder verhökert. Die Liste ist der Einzelposten ist lang, natürlich sind sie alle umstritten. Man mokiert sich aber allgemein und einmütig darüber, daß ausgerechnet das Hamburger Polizeiorchester erhalten bleiben soll. Ein Orchester, das erstaunliche Summen im Jahr verschlingt, wenig einbringt und auch nicht eben oft auftritt – bei irgendwelchen Polizeifesten eben oder bei bunten Nachmittagen in Altenheimen und Krankenhäusern. Dieses Orchester bleibt ausdrücklich auf persönlichen Wunsch des Hamburger Bürgermeisters erhalten. Mehr muß man über diesen Bürgermeister wahrscheinlich auch gar nicht wissen.

Wenn man nun eins und eins zusammenzählen kann, dann kommt man natürlich sofort darauf, daß dieses Orchester mit seinem polizeitypischen Humtatasound verblüffend gut geeignet sein müßte, Jugendliche von Bolzplätzen zu vertreiben. Wenn sich ein Anwohner gestört fühlt, sollte er die Belästigung einfach der Stadt melden. Und dann müßte  umgehend das ganze Hamburger Polizeiorchester – immerhin 35 Mann – aufmarschieren, in schicker Uniform, im schmissigen Gleichschritt und Klassiker wie „Oh when the saints“ schmetternd, vielleicht auch so etwas wie „Rosamunde“ oder den Radetzky-Marsch. Von Körperverletzung könnte dabei überhaupt keine Rede sein, die Jugendlichen wären sicherlich dennoch weg und die gestandenen Erwachsenen könnten sich auch noch an dem frisch intonierten Liedgut ihrer Generation erfreuen. Man könnte für die Auftritte selbstverständlich eine kleine Gebühr nehmen. Die Stadtkasse hätte neue Einnahmen und Herr Qualmann müßte sich nicht mehr an den Grenzen der Strafbarkeit entlang hangeln.

Manchmal erscheint mir alles sehr einfach.

6 Kommentare

  1. In meinem inneren Kino erscheint da sofort die Szene
    aus dem Film Full Metal Village, in der große Massen von Metal-Fans beim Wacken Open Air die Wackener Feuerwehrkapelle headbangend bejubeln.

  2. Habe die Geschichte von Herrn Qualmann auch gelesen und schweres Bauchgrummeln bekommen. Es ist diese typisch hamburgische Mischung aus Ignoranz, Wir-wollen-unsere-Ruhe, Selbstjustiz und Bürgerwehr, die einem die Tränen in die Augen treibt. O.k., ich hätte auch nicht gern lärmende Teenies neben meinem Haus, aber hey – es ist ein Bolzplatz! Der ist da schon lange, vielleicht länger als das Qualmann-Haus. Und dann geht einer hin und baut eine Waffe, die er einsetzt, wann es ihm beliebt. Und kriegt Lob dafür von den anderen rechtschaffenden Bürgern. Und hat damit eine Marktlücke entdeckt, die er nun auszufüllen gedenkt, Nachfrage ist ja reichlich da.
    Mann, oh Mann, Hamburg ist wirklich Weltspitze in Piefigkeit und Borniertheit. Von diesem Bürgermeister fang ich jetzt gar nicht an, dann müsste ich mich übergeben. Der älteste 40-Jährige (!) der Welt, dieser Kommentar des Abendblatts (!) muss reichen.
    Aber jede Stadt kriegt die Regierung, die zu ihr passt, gell, Herr Qualmann?
    Merlix, die Polizeiorchesteridee ist Gold wert. Ich hätte gerne sofort einen Einsatz vor der auf Steuerzahlerkosten kugelsicher ausgebauten Althaus-Villa in der Elbchaussee. 7 x 24 Stunden, das sollte vorerst reichen.

  3. Ach, das gibt’s in München auch.
    Gerne zieht man in ein Viertel mit vielen Kneipen, um sich dann lauthals über den Lärm der Kneipenbesucher zu beschweren.

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