True Love

Der siebte Hochzeitstag. Die Herzdame und ich gehen abends in ein Restaurant, wozu wir nicht eben häufig kommen. Wir gehen durch eine verregnete Hamburger Hauptstraße, Touristengewimmel um uns herum, lauter Menschen, die ausgehen. Paare, die Arm in Arm gehen, ich nehme die Hand der Herzdame. An einer roten Ampel bleiben wir stehen und drücken uns. Es ist dunkel, wir sind draußen, wir sind zusammen. Zeit für uns. Die Herzdame guckt nachdenklich. Dann fällt ihr etwas ein.

Herzdame: „Verdammt.“

Ich: „Wie meinen?“

Herzdame: „Ich hab gar kein Buch fürs Restaurant mitgenommen.“

Ich: „Oh.“

Neu auf dem Nachttisch

Ein Notkauf am Bahnhofskiosk, weil ich in der Stadt eine halbe Stunde auf die Herzdame warten mußte und nichts zu lesen dabei hatte, was natürlich ein vollkommen inakzeptabler Zustand ist. Ferdinand von Schirach: Verbrechen – Stories. Äußerst lesbar, obwohl Bestseller, das kann man ja auch nicht gerade jeden Tag behaupten. Spannend, gut geschrieben, vielleicht ein wenig sehr hard-boiled, aber auf keinen Fall schon im peinlichen Bereich, wie es deutschen Autoren sonst sehr, sehr leicht passiert, wenn sie sich auf diesen knappen, trockenen Stil einlassen. Sehr gelungen, sehr unterhaltsam. Das Buch erschien zuerst 2009 und beginnt gleich mit der besten Geschichte des Buches, „Fähner“, eine Geschichte, die sich schon wegen des letzten Satzes lohnt, aber den gebe ich hier natürlich nicht wieder. Die Geschichte beginnt so:

„Friedhelm Fähner war sein Leben lang praktischer Arzt in Rottweil gewesen, 2800 Krankenscheine pro Jahr. Praxis an der Hauptstraße, Vorsitzender des Kulturkreises Ägypten, Mitglied im Lionsclub, keine Straftaten, nicht einmal Ordnungswidrigkeiten. Neben seinem Haus besaß er zwei Mietshäuser, einen drei Jahre alten Mercedes E-Klasse mit Lederausstattung und Klimaautomatik, etwa 750000 Euro in Aktien und Obligationen und eine Kapitallebensversicherung. Fähner hatte keine Kinder. Seine einzige noch lebende Verwandte war eine sechs Jahre jüngere Schwester, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Stuttgart lebte. Über Fähners Leben hätte es eigentlich nichts zu erzählen gegeben.
Bis auf die Sache mit Ingrid.“