Im Heimatdorf

Nordostwestfalen mögen klare Ansagen. Aber der Bauer sagt, es klingeln trotzdem viele unten.

Mit dem Nußknacker nach Heiligenhaus

Ich bin schon ziemlich lange nicht mehr mit dem Zug gefahren, obwohl das meist eine erheiternde Erfahrung ist, jedenfalls solange man es nicht täglich tun muß. Unvergeßlich die beiden alten Damen, die auf meiner letzten Bahnfahrt von Hamburg nach Husum neben mir saßen und über die alten Zeiten in ihrem Dorf auf der Halbinsel Eiderstedt sprachen. Der schöne Satz „Früher war mein Mann ja bei jeder Besamung dabei“ wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Ich lese in Blogs, auf Facebook, Twitter etc. viel von Menschen, die mit dem Zug fahren und dabei seltsame Erfahrungen machen. Das liest sich oft ziemlich absurd und abgründig, vieles klingt übertrieben und allzu abgedreht – würde man nicht hin und wieder selber Bahn fahren, man käme nie darauf, daß die Geschichten alle stimmen können.

Ich fahre quer durch Westfalen, auf der Reise zu meiner Lesung in Heiligenhaus. Ich steige am Bahnhof in der Nähe des Heimatdorfs in den Zug, um mich herum nur unverdächtige Menschen. Geschäftsreisende, Familien, ein paar Jugendliche mit Kopfhörern auf, die auf ihren Handys herumspielen. Geht doch, denke ich, man kann auch einmal ganz normal Bahn fahren, mit ganz gewöhnlichen Mitmenschen. Ich lehne mich zurück und klappe mein Buch auf. Da steigt noch jemand zu.

Ein Mann in mittelalterlicher Gewandung, mit einem folkloristisch üppig anmutenden Vollbart. Er trägt einen Sack über der Schulter. Und setzt sich, daran habe ich keine Sekunde gezweifelt, seit ich ihn in der Tür sah, neben mich. Ich habe Irre immer schon magisch angezogen. Der Sack ist groß und schwer, er stellt ihn neben sich ab. Er fummelt an dem roten Band herum, das den Sack verschließt, macht ihn auf und greift hinein. Holt eine Handvoll Nüsse heraus. Ich sehe aus dem Augenwinkel, daß der ganze Sack voller Nüsse ist, Haselnüsse en masse. Der Mann legt einen leeren Sack neben sich und einen weiteren leeren in seinen Schoß. Dann holt er einen Nußknacker aus seiner Tasche und fängt an, die Nüsse zu knacken. Er knackt eine Nuß, läßt den Kern in den einen Sack fallen und die Schalen in den anderen. Dann nimmt er die nächste Nuß. Nanu, denke ich, was ist das denn. Nüsseknacken als Heimarbeit? Zugarbeit? Verkauft der auf Mittelaltermärkten Nußkerne? Mit einem Schild, auf dem „handgeknackt“ steht? Der Mann arbeitet geradezu aufreizend langsam, wenn es sich hier um einen beruflichen Knacker handelt, dann taugt er jedenfalls nicht viel. Wenn man wollte, könnte man die drei- oder gar vierfache Menge Nüsse knacken, während er langsam eine einzelne Nuß aus dem Sack angelt, gemächlich den Knacker ansetzt, sich einen Augenblick besinnt und dann erst kräftig zudrückt. Vielleicht will er sie selber essen, denke ich, aber Nuß um Nuß wird geknackt, ohne daß auch nur eine in seinen Mund wandert.

Das Geräusch einer geknackten Nuß ist vielleicht ganz heimelig, wenn man vor einem Kamin sitzt und Großvater zwei, drei Nüsse für einen zerlegt – wenn man aber eigentlich lesen will, kann man sich bei diesem Geräusch nicht recht konzenKNACK. Genau genommen ist es ganz unmöglich, dabei zu lesen. Immer wenn man gerade in den Text eintaucht KNACK und man ist wieder draußen. Ich überlege. Man könnte sich beschweren, man könnte ihn ermahnen, man könnte ihn freundlich KNACK. Aber dann denke ich, Menschen, die in mittelalterlicher Gewandung herumlaufen, sind vom Leben schon gestraft genug, was soll ich da noch einschreiten, das Schicksal hat ja bereits auf ihn eingeprügelt. Ich starre in mein Buch und lese verbissen immer wieder den gleichen AbKNACK. Andere Passagiere drehen sich um, das Geräusch nervt hier jeden, der blecherne Musiksound auf fremden Kopfhörern ist wirklich nichts daKNACK. Wütende Blicke von allen Seiten. Der Mann knackt und lächelt, die Arbeit scheint ihn glücklich zu machen. Im Grunde ist es ein ganz normales Geräusch, denke ich, immer noch besser als Reisende, die auf ihrem Notebook seltsame Spiele laufen lassen und überhaupt KNACK. Eigentlich wird das Geräusch erst schlimm, weil er so lange für eine Nuß braucht, überlege ich. Ich bin nun einmal Hektiker, es macht mich wahnsinnig, wieviel Zeit der mit einer einzelnen Nuß zubringen kann, als wäre das KNACK eine seltsam weihevolle Handlung. Auf dem Schild neben seinem Marktstand steht nicht „handgeknackt“, da steht wahrscheinlich „kontemplativ geknackt“, male ich mir aus. Ich sehe aus dem Fenster. GüterslohKNACK.

Eine Frau tippt dem Nußknacker auf die Schulter. Ob er das nicht lassen könne, dieses Geräusch, das würde sie wahnsinnig machen, das wäre wirklich fürchterlich, da helfe nicht einmal Musik aus Kopfhörern, das käme wirklich überall KNACK. Der Mann knackt unbeeindruckt eine Nuß, dann lächelt er sehr freundlich und sagt „Na, wenn es sein muß“. Die Frau bedankt sich und geht wieder zu ihrem Sitz, der verblüffend weit entfernt ist, man muß das Knacken wirklich im ganzen Wagen hören. Ich ärgere mich ein wenig, daß ich nicht längst den Mann gebeten habe, mit dem Knacken aufzuhören, das war ja nun wirklich ganz einfach, kein Widerstand, keine Unfreundlichkeit, nichts. Eine einfache Bitte und fertig. Und ich sitze da und mache mir seltsame Gedanken, statt einfach zu handeln. Das soll mir doch wieder eine Lehre sein, beschließe ich. Ich klappe mein Buch wieder auf und lese den letzten Satz zum zehnten Mal. Der Nußknacker faltet die Hände vor dem Bauch, sein Kopf kippt nach hinten. Sein Mund öffnet sich, er schnarcht. Er schnarcht verblüffend laut. Passagiere aus weit entfernten Sitzreihen drehen sich nach ihm um und gucken wütend.

Ich stecke das Buch ein und wechsel das Abteil.

 

Zahlen

„Guck mal die beiden da vorne – die sind zu dritt ganz alleine!“

Sohn I ist in dem Alter, in dem Kinder bis Zehn zählen und halbwegs souverän mit Mengenangaben umgehen können.  Sehr simple Rechenaufgaben gehen auch schon, besonders wenn sich die Fragen um Anzahlen von Gummibärchen drehen. Wenn nur zwei davon auf dem Tisch liegen, ist ziemlich klar, daß drei besser wären, und dazu fehlt eben noch eines, das ist soweit einleuchtend.

Und zwischendurch hört man dann aber überraschend Sätze wie denn oben zitierten,  bei denen man denkt, ach nein, es geht doch alles noch sehr durcheinander in dem kleinen Kopf, bis zur mathematischen Erleuchtung dauert es wohl noch  eine Weile. Bis man genau hinsieht, was das Kind da eigentlich meint. Und plötzlich versteht. Da standen nämlich zwei Dreijährige („die beiden“) vor der Kita, neben einem Kinderwagen,  in dem ein Baby lag („zu dritt“) – aber die Mutter war gerade weit und breit nicht zu sehen („alleine“).

Alles ganz logisch.

Hejo

Sohn I hat eine besondere Vorliebe für deutsches Liedgut. Er kann verblüffend viele Texte auswendig und er ist sehr daran interessiert, beständig noch weitere zu lernen. Wann immer die Herzdame oder ich etwas herumträllern, fragt er genau nach, welches Lied das gerade war, wie das hieß, warum er das noch nicht kannte und ob man es nicht bitte jetzt sofort zehnmal wiederholen könne. Englische Popsongs lehnt er bisher kategorisch ab, deutsche Schlager scheinen ihn ebenfalls eher nicht zu interessieren – aber Volks- und Kinderlieder nimmt er wahllos und gierig in sein Repertoire auf.

So lernt man als Erwachsener die ganzen Texte neu oder auch zum ersten Mal, staunt über die vielen zweiten und dritten Strophen, die man nie vorher wahrgenommen hat, aber jetzt endlich nachliest und wird dafür tagelang von den fürchterlichsten Ohrwürmern geplagt. Und hat zwischendurch ganz besondere nostalgische Momente, weil man natürlich zu all diesen Liedern auch Erinnerungen hat. Erinnerungen an den Kindergarten, an die Grundschule, an den Schulchor. An Klassenfahrten, an Omas Geburtstage, an die Kindermusikschule. Unvergeßlich, wie wir in der Grundschulde jeden verdammten Morgen „Im Frühtau zu Berge“ singen mußten, wozu wir, in gerader Linie ausgerichtet, die Arme vor dem offenen Fenster kreisend zu bewegen hatten, um uns so frische Luft in den Klassenraum hereinzukurbeln. Unvergeßlich auch die späteren wochenlangen Versuche eines Französischlehrers, aus einem verstockten Rudel pubertierender Ignoranten eine bühnenfähige Version von „Sur le pont d’Avignon“ für ein Schulfest herauszubekommen. Unvergeßlich, wie ich im Orgelunterricht an einem Monster von Heimorgel wieder und wieder Ännchen von Tharau spielen mußte und nie erfahren habe, wer das denn bloß war.

Und irgendwas war auch an „Hejo, spannt den Wagen an“ unvergeßlich, ich kam nur heute morgen zuerst nicht darauf, was es war. „Denn der Wind treibt Regen übers Land! Holt die goldnen Garben, holt die goldnen Garben“ sang die Herzdame beim Duschen. „Was sind Garben“, fragte Sohn I. „So ging der Text?“ fragte ich und hatte ein seltsames Gefühl dabei. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich pfiff ein paarmal die Melodie nach, ich sang den alten Text, und dann fiel es mir erst wieder ein. Als ich etwa 12 Jahre alt war, da haben wir dieses Lied anders gesungen. Mit anderem Text, mit sehr viel anderen Leuten zusammen und auf der Straße. Damals hieß das: „Hejo, leistet Widerstand, gegen das Atomkraftwerk im Land! Schließt euch fest zusammen…“ Ich sang vergnügt den alten Demo-Text, die Herzdame sah mich erstaunt an. Diese Version kannte sie nicht. „Die andere Version ist aber richtig“, sagte sie kopfschüttelnd.  Wir sangen das Lied noch einmal, sie den historischen Text, ich die nicht ganz so alte Version. Sohn I summte unverbindlich die Melodie mit und wartete die weitere Entwicklung vorsichtshalber erst einmal ab. „Es ist ein Volkslied“, sagte die Herzdame entschieden und sang „hejo, spannt den Wagen an…“noch einmal. Ganz langsam, damit der Sohn auch alles mitbekam.“Gut“, sagte ich, „ist ja richtig.“

Ich ging mit den Söhnen zum Kindergarten. Vor dem Haus nahm ich Sohn I auf meine Schultern und sang ihm raunend vor: „Hejo, leistet Widerstand…“ Denn es ist ein Volkslied. „Volkslieder, das sind sind übrigens Lieder, die schon die Väter gesungen haben“, erklärte ich.

Ausgehtip

Im Altonaer Theater, übrigens gleich neben dem Altonaer Museum, das der Hamburger Senat bekanntlich gerade schließen möchte, läuft noch bis 07. November „Tadellöser & Wolf“. Der Roman von Kempowski wurde von Axel Schneider, dem Intendanten des Hauses, für die Bühne bearbeitet. Das Stück ist, so schreibt das Hamburger Abendblatt, „brav“, und der Rezensent dort meinte das im Sinne von flau und flach. Wie fast immer ist es sehr leicht, mit dem Hamburger Abendblatt nicht einer Meinung zu sein. Mir hat der Abend sehr viel Spaß gemacht. Das Stück ist selbstverständlich eng am Roman, wenn das denn die Definition von brav ist, dann sollten solche Stücke und übrigens auch alle Literaturverfilmungen bitte stets kreuzbrav ausfallen. Das Bühnenbild von Ulrike Engelbrecht beinhaltet diverse erkennbare Gegenstände, wenn das die Definition von brav ist, kann ich damit auch ganz gut leben. Die Schauspieler kamen ohne das Versprühen von Körperflüssigkeiten durch das Stück, auch das halte ich nach diversen anderen Erfahrungen mit großen Hamburger Bühnen für durchaus akzeptabel. Wenn das brav ist, mir ist es recht.

Hannelore Droege in der Rolle der Mutter ist ein Erlebnis, schon dafür lohnt sich übrigens der ganze Abend, und zwar sehr. Ich kannte den Roman, ich kannte den Film, der Theaterabend war dennoch eine vollkommen sinnvolle Ergänzung. Man möchte sich sofort mehr Romane in dieser Art bearbeitet wünschen.

Vor Beginn der Vorführung stand ich mit der Herzdame an der Garderobe und besah mir die Menge der hereinströmenden Gäste. Es war, was mich im Theater in Hamburg immer wieder verblüfft, kaum ein Mensch unterhalb der Rentengrenze zu sehen. Ich bin Mitte vierzig und bestimmt nicht mehr als jung zu bezeichnen, aber hier trug ich doch erheblich zur Senkung des Altersdurchschnitts bei. Sehr seltsam. Als ob Theater eine Seniorenangelegenheit wäre.

Das Publikum gleichwohl liebenswert hamburgisch. Es gibt da eine Stelle im Stück, an der die Mutter der Familie sich über die Bayern wundert, die sie auf ihrer mißlungenen Hochzeitsreise kennengelernt hat. Sie sagt, daß das ja nun alles sehr komische Leute seien und überhaupt: „ … daß das nun auch alles Deutsche sind!“ Als das Stück für die Bühne geschrieben wurde, konnte man sicherlich von Seehofers aktuellen Ausfällen noch nichts ahnen, aber dieser eine Satz sorgte gestern tatsächlich für nicht eingeplanten minutenlangen Szenenapplaus. Da mag man seine Stadt doch wieder sehr.