Kleine Hochrechnung nach drei Jahren Erfahrung

Wenn man mit einem Kinderwagen, zwei Kindern und den üblichen Gepäckmengen von typischen Eltern an einer jener für Hamburg leider sehr typischen Treppenfallen hängenbleibt – funktionierende Rolltreppen oder gar Fahrstühle sind hier an S-Bahnhöfen eher eine Kuriosität als eine Regel – dann liegt die Wahrscheinlichkeit, daß der freundliche Mitbürger, der sich nach einer kleinen Ewigkeit und gefühlten tausend vorbeihastenden Menschen endlich erbarmt, und einem dabei behilflich ist, mit Wagen, Kindern und Gepäck die Treppe zu überwinden, ein Mensch mit Migrationshintergund ist, grob geschätzt und eher niedrig angesetzt etwa bei neunzig Prozent.

Wenn man an der Treppe beim Warten auf Hilfe aber angepöbelt wird, weil man gerade im Weg steht und so die termingeplagte Meute mit dem Kinderwagen, dem Nachwuchs und dem Gepäck ein klein wenig am reibungslosen Herumrennen hindert, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daß der Pöbelnde ein Deutscher ist, in etwa hundert Prozent.

21 Kommentare

  1. der gemeine hamburger ist stets sehr wurstig, sehr hektisch und sehr wichtig und kann aufgrund all dessen leider nur schwer rücksicht nehmen, schon gar nicht auf menschen, die hilfe nötig hätten. vielleicht noch auf den reichen geschäftspartner oder auf den millionenschweren schwiegerpapa. aber nicht doch auf familienmenschlein, behinderte, senioren und sonstiges fußvolk.

    neulich trug man mir meinen an der supermarktkasse vergessenen geldbeutel hinterher. der nette mensch war schätzungsweise türke und außer mir der einzige typ ohne sansibar- oder tommy-hilfiger-klamotten in den laden.

  2. Mir schlug jüngst ein nörgelnder Rentner die Autotür ins Kreuz, als ich meinen Kleinen aus dem Autokindersitz heben wollte. Ich werde mir jetzt von italienischen Arbeitskollegen ein paar wüste muttersprachliche Beschimpfungsformeln beibringen lassen, die ich bei Bedarf einsetzen werde. Porca Miseria!

  3. In Köln nicht zu vergessen Punker und Obdachlose. Die haben mir in diesen Situationen früher wirklich schnell und unkompliziert geholfen. Immer.

  4. Wenn ich mit den „Öffentlichen“ unterwegs bin, nehme ich nur noch das „Tragedings“ (Bezeichnung der Kids für unsere diversen Tragerucksäcke) und möglichst nicht alle Kids mit. Bloß nicht auf Hilfe angewiesen sein!

    Früher war ich oft in London. Ich war damals immer überrascht, dass mir stets auch weiße Anzug-Typen geholfen haben.

  5. Und wenn einem auf einem engen Gehweg zwei typische Winterhuder Mütter mit Kinderwagen nebeneinander entgegenkommen und mit grosser Selbstverständlichkeit erwarten, dass man auf die Strasse oder in den Dreck ausweicht, dann sind das zu fast 100% auch Deutsche.

    Damit ist ja dann alles ausgeglichen.

  6. same here in Zürich. Damals, als der Sohn noch klein war waren es immer Menschen mit Migrationshintergrund, meist Jugendliche (!) die selbstverständlich und mit freundlichem Lächeln halfen in oder aus Tram und Bus zu kommen mit Kinderwagen und Gepäck. Und heute kann ich meist nicht so schnell aufstehen und helfen wie diese Jugendlichen – beschäftigt mit Handy und coolen Sprüchen, eigentlich – den heutigen Müttern die Kinderkarre aus dem Fahrzeug heben, meist noch mit einem „Gugu“ für den oder die Kleine in der Karre…
    Und die die nölen, rempeln und dem Kind im Kinderwagen im Tram ihre schwere Tasche ins Gesicht rammen sind IMMER Schweizer, gerne Rentner oder Kravattenträger. Oder Werber, coole, schwarz gekleidete. Argh.

  7. Das ist überall so. In Stuttgart habe ich die gleiche Erfahrung wie du in Hamburg gemacht. Selbst Menschen die für die Rettung von Bäumen demonstrieren (Siehe aktuelle S21 Demos) sind genervt wenn man mit einem Kinderwagen versucht irgendwo durchzukommen (Und nein: ich nehme meine Kinder nicht mit auf Demos. Ich würde nicht mal alleine hingehen, aber manchmal finden Demos genau dort statt wo ich mit Kindern dran vorbei muss).

  8. Ich würde nicht grundsätzlich widersprechen, habe aber als ich diesen Sommer mit Krücken unterwegs war, auch erstaunlich positive Erfahrungen mit vermutlich deutschen Jugendlichen und Rentner gemacht. Vielleicht liegt das daran, dass ich in einer kleineren Stadt wohne?

  9. In Berlin baut die S-Bahn, trotz sonstiger Dummdösselikeit, bei Modernisierung von Bahnhöfen inzwischen grundsätzlich Fahrstühle ein.
    Und das auch noch, gerade bei alten Bahnhöfen wichtig, auch noch architektonisch (nun ja) ansprechend.
    In Berlin sind oft Touris unkompliziert bereit zu helfen, aber der (echte) Berliner packt schon auch zu, manchmal erst nach Zuruf, so auf die nette Tour. `Junger Mann vll könnten Sie der Dame mal mit der Kinderkutsche helfen!`

  10. Jau, genau, hier im Pott ist das auch oft so. Aber die Punks und die Obdachlosen sind hier auch ganz schnell zur Stelle, wenn man Hilfe braucht, mir haben einige Obdachlose auch schonmal aus ner brenzligen Situation mit einem seeehr aufdringlichen Verehrer geholfen…
    Als ich hochschwanger war durfte ich in der Bahn immer stehen, da hat nicht einer der deutschen Mitbürger es nötig gehabt, mal aufzustehen… aber die alte Omi, die stand auf, obwohl die selber kaum stehen konnte!!

  11. Einige Male schon habe ich an der Heimat-U-Bahn-Sation, die nur eine lange, steile Treppe aufweist, entgegen meiner Laufrichtung Kinderwagen mit hinaufgetragen.
    Mittlerweile bitte ich dabei die Mütter/Väter, dass ich dann die Seite mit dem Griff übernehme. Es ist nicht recht einzusehen, warum meine Hilfe auf der Achsenseite sonst mit total schlammigen Dreckhänden belohnt wird.
    Eine Bitte daher an alle Eltern: bietet es von Euch aus an, den „dreckigen Part“ selbst zu übernehmen. Dann hilft gewiss der ein oder andere mehr als nur einmal.

  12. Wenn man sich in Hamburg vorwiegend in „In“-Quartieren rund um Alster und Innenstadt bewegt, in denen eine „termingeplagte Meute“ die Lebensqualität – meistens unter reichlicher Zuhilfenahme von BMW X5 u.ä. – kaputt-cappucinoiert, dann könnte diese Schilderung womöglich einen subjektiv richtigen Eindruck wiedergeben.
    Ansonsten erlebe ich auf meinen täglichen und umfangreichen Fahrten im Hamburger ÖPNV – die meisten davon abseits von Winterhude, Ottensen & Consorten – anderes: Da bekommen Omi, Muddi und Kinderwagen jederzeit unerfragte Unterstützung, reichlich, von jedem.
    Pöbeleien habe ich „im HVV“ auch noch nicht wahrgenommen, außer, „Danke“ und „Da nich für“ zählten dazu.
    Wo fahren Sie denn, Herr Buddenbohm?

  13. Naja…davon ab das ich da bisher keinen Trend ausmachen konnte (also zwischen Hamburgern/Deutschen und Migranten bzw. deutschen mit Migrationshintergrund) stelle ich mir ab und zu die Frage warum man denn im Berufsverkehr mit seinem Kinderwagen rumturnen muss bzw. beim Einkaufen denn die ganze Familie (also Mutter, Vater, großes Kind + Kind im Kinderwagen) dabei sein muss.

    Ich hab selber früher immer versucht zu vermeiden dann mit der Kinderkarre unterwegs zu sein wenn ich weiß das gerade viel los ist.

  14. Kann ich nicht bestätigen. Und bin im gleichem Revier unterwegs. Allerdings war unsere Kinderwagenzeit nur auf wenige Monate beschränkt, da das Kind eher ein Tragling und dann recht schnell ein Laufling war. Aber für die Shoppingtüten fand ich das Gefährt dann doch recht praktisch. Und meine Mitmenschen immer sehr hilfsbereit. Vielleicht fehlen Ihnen die langen Haare und das Lippenstiftlächeln ;-)?

  15. @ John Steven: würde ich auch gerne, dann wenn niemand auf der Strasse hektisch herum läuft. Dummerweise haben mir die Ämter immer zu den spezifischen ungünstigen in der Mittagsruheliegende Termine gegeben und auch in Bremen hat man dann den Stress im Trouble von hektischen, unterzuckerten und miesgelaunten Menschen regelrecht aus der Strassenbahn geworfen zu werden. Da ist das WURSCHT, wie der Bayer so schön sagt, egal wie viel Uhr und wo, immer gibt es Menschen, die gehören ermordet.

    Mir ist es oft auch so passiert, dass genau die am wenigsten Vermuteten helfen. In Bayern waren es meistens die Ausländer, Mütter mit Kinderwäääägen (bay.Pl.), Studenten. Rest, dreht sich gern mal weg, hastet vorbei und meckert. Vorallem aber das ALTE VOLK mit den lieben Sprüchen: DAMALS …
    In Bremen ist es nicht anders. Die gleiche Geschichte nur in Grün. Sie sehen wie man mit dem sperrigen Teil und schreiendem Kind einsteigen will und es drängeln sich die Deppen dann an der Seite vorbei just zu der Lücke wo nur Kinderwagen und Rollstühle sollen. JA MEI, WAS FÜR DEPPEN KRUZEFIX UND HEILANDSACK, DA WIRD MAN DEPPART, KRUZDIENESEN UND SAPRALOT NOCHMAL! Ja ich hab die Schimpfwörter schon dazu gelernt, nach 10 Jahren sollte die auch aus dem ff sitzen.

    SERVUS und lasst euch nicht ärgern, im schlimmsten Fall einfach Pöbeljunky unauffällig folgen und versehentlich rammen … OOOOH!

  16. Und, mal in die Runde geworfen: Hunde mit Migrationshintergrund (einmal die Straße rauf und runter) und großer gefährlicher Schnauze im Vordergrund sind in aller Regel gesünder und leben länger als der deutsche Rassehund.

    Mh.

  17. Und was ist mit den Deutschen mit Migrationshintergrund?
    Oder sind mit den pöbelnden Deutschen diejenigen ohne Migrationshintergrund gemeint und mit den Menschen mit Migrationshintergrund auch diejenigen inkludiert, die einen deutschen Pass haben, oder…. ähhm (schwitz)

  18. Oh fein, ich hol mir mal eben Popcorn 🙂

    Selbst hab ich keine Kinder, sehe diese Situation aber sehr oft am Bahnhof, wobei die Nationalität der Helfenden mir nicht besonders aufgefallen ist bisher. Nur, dass es nicht viele tun.

    Allerdings geht mir die „Buggy-Mafia“, wie ich sie nenne, oft auf den Keks – junge „Muttis“, die ihre Kinderwagen rücksichtslos überall durchrammen oder sie im Geschäft mitten im Gang parken, wenn sie was suchen. Oder die zu mehreren mit Buggys den Durchweg blockieren, um zu quatschen. *gna*

    (Zur „Mafia“ würde ich Sie und die Herzdame jetzt rein nach Gefühl aber nicht zuordnen ;))

  19. nun, liebe Frau Lakritz und Schokolade, mit fällt es schon auf dass es in der überwiegenden Zahl der Fälle Jugendliche (männlich, habe glaub ich noch Mädels erlebt die helfen, egal welcher Nationalität) mit eher dunklerer Hautfarbe als Normal-Schweizer und oft auch erkennbar frisch-eingewandert oder allenfalls Secondos (will heissen: Jugendliche die als Kinder/Jugendliche in die Schweiz kamen oder eben die knapp zweite Generation).

    Die „Buggy-Mafia“, wie Sie das so schön nennen geht auch mir gewaltig auf den Keks wie sie da so schön im Weg rumstehen. Nur: ich weiss dass z.B. Ämter und Ärzte ihre Lücken gerne mit ebenjener Mütter-Brigade aufüllen, weil die haben ja Zeit und eh nix zu tun…

    Und inzwischen grinse ich herzhaft wenn so ein Kleines im Tram oder Bus lauthals seinen Unmut über was auch immer kundtut – weil: es ist nicht meins, ich kann der oft genervten (kann ich verstehen) und peinlich berührten (warum denn?) – Mutter zulächeln und mich daran freuen dass es nicht meins ist, d.h. spätestens wenn ich oder sie aussteige ist das Problem für mich gelöst 🙂

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