Neu auf dem Nachttisch

Und wieder ab ins 19. Jhdt., da war ich ohnehin verblüffend lange nicht. Ein Buch über eine deutsche Gesellschaft, die nicht merkt, welch große Umbrüche bevorstehen und wie antiquiert ihre Lebensweise ist, das schadet auch gerade nicht, möchte man meinen. Wilhelm Raabe: Abu Telfan oder die Heimkehr vom Mondgebirge. Ein Roman über einen deutschen Kriegsheimkehrer aus Afrika, genau genommen aus einer Gegend neben dem Königreich Dar Fur übrigens, man sieht direkt zweimal hin. Ein Mann kommt also zurück nach Deutschland und kommt in seinem spießigen Heimatort mit dem schönen Namen Bumsdorf nicht mehr zurecht. Das Buch erschien zuerst 1867 und beginnt so:

„An einem zehnten Mai zu Anfange des siebenten Jahrzehnts dieses, wie wir alle wissen, so hochbegnadeten, erleuchteten, liebenswürdigen neunzehnten Jahrhunderts setzte der von Alexandria kommende Lloyddampfer ein Individuum auf dem Molo von Triest ab, welches sich durch manche Sonderlichkeit im bunten Gewimmel der übrigen Passagiere auszeichnete und selbst den an mancherlei Erscheinungen der Menschen und Völker gewöhnten Tergestinern als etwas neues sich darstellte. Ein verwildertes und, trotz der halbeuropäischen Kleidung, aschanti-, kaffern oder mandigohafteres Subjekt hatte seit langer Zeit nicht vor dem Zollhause gesessen und verblüfft umhergestarrt.“

2 Kommentare

  1. Danke für den Tipp ! Alleine bei den ersten Sätzen kommt vielversprechenderweise schon eine ordentliche Portion Ironie durch …

  2. Wie wunderbar – das geriet mir vor kurzem in den Blick, weil es mich an Karl May erinnerte. Faktisch liegt er vor Karl May – und ich bin auch noch nicht durch. Aber erstens bin ich ganz doll ni Fräulein Einstein verknallt und zweitens bin ich instinktiv davon überzeugt, dass Karl May es kannte – oder meinetshalben auch ungewußt quasi die invertierte Perspektive einahm. Raabe schickt einen Deutschen Heimkehrer durch ein ihm fremd gewordenes Deutschland – und May spiegelte die deutschen Verhältnisse in fremden Ländern… Wie auch immer: Großartiges Buch bisher – allein die Reisestationen zu Beginn sind ganz herrlich bissig geschrieben. Und immer wieder die kleinen Sätze mit satirischer Sprengkraft. Wenn etwa der Onkel beschwingter den Berg hinanspaziert als noch im Jahr zuvor, weil er da noch nicht Witwer war. =)

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