Beim Kinderarzt

An der Rezeption eine längere Schlange, ich stelle mich hinten an und warte, ich brauche einen neuen Termin. Ich bin der einzige Vater in der Reihe, vor mir nur Mütter. Mütter mit Kindern auf dem Arm, Mütter mit Kindern an der Hand. Mütter, die Rezepte einstecken, Krankmeldungen, Überweisungen. Viele vereinbaren ebenfalls einen Folgetermin, die Sprechstundenhilfe schlägt jeweils ein Datum vor, die Frauen nicken und gehen. Als ich dran bin und mir ein Termin genannt wird, höre ich die fürsorglich nachgeschobene Frage: „Soll ich es ihnen nicht besser aufschreiben?“

Als Vater halte ich mich oft in Kreisen auf, in denen sonst nur Mütter verkehren, solche Ungleichbehandlungen finde ich dabei immer interessant. Keiner der Frauen vor mir wurde ein Zettel angeboten, alle hatten ihren Termin einfach im Kopf gespeichert, das schien kein Problem zu sein – bis ich dran war. „Sie fragen mich das nur, weil ich ein Mann bin, oder?“ frage ich die Sprechstundenhilfe. Ich finde, man muß solche Vorkommnisse auch benennen. Diskriminierung einfach hinzunehmen, das kann niemals die Lösung sein. „Nein“, sagt die Sprechstundenhilfe, schüttelt den Kopf und sieht mich sehr freundlich an, „wenn eine Frau einen sehr verwirrten Eindruck macht, dann biete ich der auch einen Zettel an.“

1. Advent

Wir haben eine Krippe gekauft, die Söhne müssen schließlich mit gewissen Traditionen vertraut gemacht werden. Robustes Holzspielzeug, da kann man auch bei Kleinkindern nicht viel falsch machen. Das Jesuskind in der Krippe ist immerhin so groß, daß es nicht von Sohn II verschluckt werden kann, wir haben an alles gedacht. Bunt purzeln die Teile aus der Schachtel, Sohn I fixiert den Haufen eine Sekunde lang und stellt umgehend mißbilligend fest: „Ochs fehlt.“ Während alles, was Hörner hat und halbwegs nach Milchvieh aussieht normalerweise bei ihm unter Kuh läuft, wird im Weihnachtskontext plötzlich alles zu Ochs, denn im Stall standen nun einmal Ochs und Esel, es soll keiner sagen, alte Texte hätten keine Macht mehr. „Ochs fehlt“, sagt Sohn I noch einmal und die Herzdame sagt lachend, der wird sich schon anfinden. Stimmt aber nicht, der Ochs ist in dieser Krippenspielversion tatsächlich getauscht worden. Gegen ein Kamel.  Das ist der Weltgegend, in der die Geschichte spielte,  wahrscheinlich angemessen, für Sohn I ist die Sache aber damit schon gelaufen. Er schnippt einen der Hirten lustlos durch das Wohnzimmer und murmelt unentwegt vom fehlenden Ochsen, den er aus bisher ungeklärten Gründen für die wichtigste Figur an der Weihnachtserzählung hält. Sohn II kaut währenddessen auf Maria herum, die sich von Josef seltsamerweise nur durch eine angemalte Schürze unterscheidet. Die Herzdame setzt den geschweiften Stern von Betlehem auf das Dach des Stalls, Sohn I sieht zu und sagt immerhin anerkennend: „Cool, mit Raketenstern“.

Wir balancieren das Ensemble auf das Sofa, damit die Kinder sich alles genau ansehen können, ich hebe an zur genauen Erklärung der einzelnen Figuren, da kommt  Sohn II über die Heilige Familie wie Godzilla über Tokio. „Nur Jussuf steht noch“, sagt Sohn I und zeigt auf das Jesuskind, dessen richtigen Namen er wie auch schon im letzten Jahr konsequent verweigert. Das Jesuskind steht in den Trümmern und lacht über beide roten Bäckchen. „Ja“, sage ich, „das nennt man dann das Weihnachtswunder.“ „OK“, sagt Sohn I und nickt. Im Grunde ist es ganz einfach, etwas Tradition zu vermitteln.

Ratatazong

Da der November noch nicht unterhaltsam genug ist (wie hier bereits kurz angerissen), wird nun noch das Haus nebenan abgerissen. Das Haus nebenan ist nun nicht irgendein Häuschen, sondern ein ziemlich üppiger Bürokomplex, der, damit es auch richtig Spaß macht, auf unserem Badezimmer aufliegt. Wie das genau gehen soll, das Ding wegzuhauen, ohne unsere Wohnung zu demolieren, das können wir uns noch nicht recht vorstellen, aber, wie zu befürchten steht, wir werden es merken. Immerhin müssen wir nicht sehr lange mit Belästigungen rechnen, die folgende Bauzeit wird nur auf zwei bis drei Jahre veranschlagt. Im Moment sind die Arbeiter anscheinend dabei, das Haus nebenan von innen zu perforieren, jedenfalls kann man es sich fast nicht anders vorstellen. Sie beginnen um 7 Uhr 30, mit dem Preßlufthammer zu arbeiten – und sie hören um cirka 17 Uhr 30 damit auf. Mit etwas Glück machen sie eine kleine Mittagspause. Um 7 Uhr 30 morgens gehe ich aus dem Haus, ich öffne die Tür und der Lärm fängt an. „Bauarbeiter“, sagt Sohn I anerkennend und setzt sich solidarisch einen Helm auf, er findet das Geräusch ganz ansprechend.  Seit ein paar Tagen trägt er fast immer Helm.

„JA“, sagt die Herzdame, „SUPER BAUARBEITER“. Die Herzdame arbeitet zu Hause, sie hört den Lärm den ganzen Tag, während die Söhne und ich zumindest ein paar Stunden außer Haus sind. Seit ein paar Tagen spricht sie nur noch in Großbuchstaben mit uns. „Noch ein Kuß, Mama“, sagt Sohn I zu ihr und sie küßt ihn in Großbuchstaben. Ja, das geht. „Schönen Tatatatatatatag“, sage ich. Ich rede im Gegensatz zur Herzdame noch ganz normal, ich passe mich nur allmählich dem dauerhaft vibrierenden Gebäude an.  „DANKE“, sagt die Herzdame. Sie gibt mir einen SCHMATZ, ich gebe ihr einen Kukukukukukukuß, wir entdecken ganz neue Formen der Zärtlichkeit, es ist eine Zeit der Freude.

So demoliert der Abriß allmählich unsere Gehirne, einzig Sohn II wirkte bis gestern vergleichsweise unbeeindruckt. Er schläft bei dem Krach seelenruhig ein, er spricht weiter ganz normal, was aber auch kein Kunststück ist, wenn der Sprachschatz gerade mal drei Wörter umfaßt. Ich dachte schon, der Abriß würde ihm nichts ausmachen. Bis er gestern abend mit erstaunlichem Kraftaufwand, dem man einem Einjährigen gar nicht zutrauen würde, eine Fußleiste aus dem Laminat riß und eine Weile über der Schulter durch die Wohnung trug, wobei er noch breitbeiniger ging als ohnehin schon. Kurz darauf warf er im Kinderzimmer den Kaufmannsladen von Sohn I um, bevor er brummelnd ins Bad ging und mit einem Ruck den Duschvorhang abriß. Wir überlegen momentan, ihn morgens nicht mehr in der Kita, sondern einfach auf der Baustelle abzugeben, wo sich auch sein großer Bruder mit dem Helm ganz gut machen würde.

Die Herzdame sagt: „FAST ALLE MEINE VORFAHREN WAREN IM BAUGEWERBE“. „Ja“, sage ich „ das papapapapapaßt schon.“

Werden wir den Abriß mental überleben? Werde ich trotz allem noch weiter Texte produzieren können? Die Spannung steigt. Warten Sie es ababababababab.

Neu auf dem Nachttisch

Mit herzlichem Dank an meine Lektorin bei Rowohlt, die mir nach diesem Blogeintrag ein Buchpaket zur Beruhigung schickte. Daraus frisch aufgeschlagen: John Updike: „Fällige Betrachtungen – Essays“. Deutsch von Susanne Höbel.

Essays zu einer erstaunlichen Vielzahl von Themen, über Allgemeines, Reisen, Bücher, Autoren, Kunst, Musik… Und wenn man da so quer liest, kommt man schnell zu dem Schluß, daß man eine so umfassende Allgemeinbildung in diesem Leben wohl nicht mehr erreichen wird.  Aber wenn man das Buch durch hat, ist man doch wieder ein klein wenig näher dran, immerhin. Das Buch ist dick und die Themen sind wirklich enorm breit gefächert,  ich las zuerst einmal, was mir bekannt vorkam, eine Rezension zu „Im Krebsgang“ von Günter Grass. Sehr fein formuliert, was Updike da über das Buch schreibt, voller Hintergrundwissen und angenehm vorsichtig im Urteil.  Wohlwollend, ohne das Buch wirklich zu mögen und dabei wiederum ganz ohne herablassend zu sein, eine sympathische Art, über Literatur zu schreiben. Anders als deutsche Rezensenten, die immer gerne scharf urteilen, sei es positiv oder negativ.

Das Buch erschien zuerst 2007. Ich zitiere einen Absatz aus dem Essay „Büchern den Rücken gestärkt“, in dem es um E-Books geht.

„Wie Umzugsleute und alle, die einmal umgezogen sind, wissen:  Bücher sind eine schwere Fracht, das Gewicht von Kühlschränken und Sofas, auf mehrere Kartons verteilt. Ihretwegen zögern wir, bevor wir unsere Adresse ändern. Wer weiß, wie viele ältere Paare beschlossen haben, an Ort und Stelle zu bleiben, weil sie nicht wissen, wohin mit den Büchern. Wie viele  Scheidungen abgewendet wurden, wegen der Liebe zur gemeinsamen Bibliothek. Bücher geben uns Bodenhaftung, sie wirken als Gegengewicht zu unserem unbeständigen und flatterhaften Wesen. Im Vergleich dazu mangelt es jedem elektronischen Lesegerät an Substanz. […] Ohne Bücher könnten wir geradewegs in die Luftwellen aufsteigen und wären nichts weiter als ein paar Piepse im All.“