Der Weihnachtsmann kommt aus Rußland und spielt Akkordeon

Der alte Weihnachtsmann sitzt am Ausgang der S-Bahnstation Hammerbrook, in einem Stadtteil, in dem kein Mensch wohnt, hier gibt es nichts als Bürohäuser ringsum. Häßliche Neubauten, breite Straßen, ein paar Imbisse. In dieser S-Bahnstation sitzt er jedes Jahr, ab Anfang Dezember. Die Menschen, die schon länger in dieser Gegend arbeiten, die kennen ihn schon. Der alte Weihnachtsmann trägt eine rotblinkende Mütze, hat eine sehr dicke Brille, ist eher verhungert als dicklich, sitzt auf einem kleinen Klapphocker und spielt Akkordeon. Dazu singt er, mit dünner, brüchiger Stimme. Russisch.

Der alte Weihnachtsmann sitzt reglos auf seinem Hocker, er ist nicht besonders dick angezogen, aber er scheint nie zu frieren, vielleicht ist er aus Moskau oder woher auch immer viel schlimmere Temperaturen gewohnt als unsere lächerlichen minus vier Grad. Er guckt vor sich auf den Boden, auf die schmutzigen Kacheln, und wirkt etwas weggetreten. Neben ihm geht die Treppe hoch zum Bahnsteig, wo gerade eine S-Bahn ankommt, man hört die Türen aufgehen, “Zurückbleiben bitte“ und dann Schritte. Viele Schritte, eilige Schritte, das Heer der Sachbearbeiter drängt sich die Stufen hinunter. Eiliger Gang, Zeitung in der Hand, Zigarette im Mund, der deutsche Sachbearbeiter raucht immer noch. Hochgezogene Schultern, Pappbecher in der Hand, manche noch mit dem Finger im Buch, Die Säulen der Erde und was man so liest, in der S-Bahn zum Büro. Bestsellerlisten rauf und runter. Die Sachbearbeiter kommen die Treppe runter wie eine Invasionsarmee im Vormarsch, der Weihnachtsmann schultert schnell sein Akkordeon und fängt an zu spielen. Russische Weisen, Tanzlieder, heitere Stücke. Er singt mit seiner dünnen Stimme, sie kippt ab und zu weg, aber er gibt sich doch alle Mühe, sie fröhlich klingen zu lassen, geradezu jauchzend. Guckt die Passanten strahlend an, versucht, einen Blick zu erwischen, zwinkert, legt den Kopf schief. Er legt alles in ein kurzes Musikstück, was an lustigem Rußland nur hineinpaßt. Viel ist das nicht. Die Sachbearbeiter rennen vorbei, sie hören ihn vielleicht auf dreißig Schritten, dann verschwinden sie schon in der Bäckerei oder im Eingang der Versicherung oder in der Bank oder im Autoteilehandel. Der alte Weihnachtsmann muß aufpassen, daß die Sachbearbeiter seinen kleinen Klappstuhl nicht umrennen, der Ausgang der S-Bahnstation ist schmal, die Menschen drängeln und schieben und einige sehen ihn erst sehr spät. Weiße Kabel in den Ohren, die hören kein Akkordeon, da kann er noch so viel jauchzen und jubilieren. Irritiertes Ausweichen, Haken schlagen, Bremsmanöver. In einer Minute sind Hunderte von Menschen vorbei. Vor dem Weihnachtsmann steht ein kleines Körbchen für Kleingeld, ausgelegt mit einer papierenen Weihnachtsserviette, Engelchen an Engelchen, darauf liegt: nichts.

Der alte Weihnachtsmann läßt das Akkordeon sinken und starrt vor sich hin, er räuspert sich und bewegt die Finger über der Tastatur hin und her, ohne sie zu berühren. Dann rückt er seine Mütze zurecht. In fünf Minuten die nächste Bahn.

11 Kommentare

  1. Eine phantastische Erzählung – absolut plastisch. Ich konnte die Situation bei Lesen richtig vor Augen sehen – ich glaube, ich habe ihn sogar gehört. 🙂

  2. Boah!

    Gänsehaut. Was für eine großartige Erzählung, sehr bewegend, aufrüttelnd. Wer wie ich im gleichen Quartier arbeitet und jeden morgen an derselben S-Bahn-Haltestelle aussteigt, dem muss förmlich ein Film vor dem geistigen Auge ablaufen.

  3. Was denn? Was denn? Erzählung? Was wird hier gelobt, in den Kommentaren? Denkt denn keiner an das Schicksal des Mannes? Ich hoffe, du hast was auf die Serviette gelegt. HOFFENTLICH!!!!

  4. Zwar nicht slawischer, sondern eher afrikanischer Herkunft, aber sonst ganz ähnlich habe ich sie gesehen, in den Verbindungstunnels der Pariser Untergrundbahn „Métropolitain“. Sie werden beinah umgeworfen und mitgerissen vom Strom der eilenden Passagiere, aber unbeirrbar sitzen sie mitten im Gang und spielen und singen ihr Lied.

    Die Jüngeren machen es pfiffiger: sie fahren ein, zwei Stationen weit mit und singen und musizieren im Zug. Dann steigen sie um und fahren zurück. Wer im Zug auf seine Station wartet, hat mehr Muße, ein Geldstück herauszukramen, als die Hetzenden im Fußrennertunnel.

  5. Das ist so traurig! Uns ist oft gar nicht bewusst, wie gut es uns geht. Solche Geschichten rütteln auf. Danke!

  6. dann steig ich heute mal auf der anderen seite aus. die seite vom bahnhof wo ich immer raus und rein lauf sitzt kein weihnachtsmann also muss es ja die andere seite sein.

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