Unter uns Höhlenmenschen

Vermutlich aufgrund der steinzeitlichen Vergangenheit als umherstreifender Jäger ist es stets der Mann, der am Sonntagmorgen Brötchen holen geht. Weder meine noch irgendeine Frau käme auf den Gedanken, die Wohnung zu verlassen, während der Rest der Sippe noch im Bett herumlungert, für mich und für alle anderen Väter scheint es aber ganz normal zu sein. Eine Art Urtrieb, wir stehen auf und wissen, wir müssen los. Es ist ein seltsamer innerer Drang, ein atavistisches Erbe, eine urmännliche Angelegenheit. Am letzten Sonntag standen immerhin neun Männer vor mir in der Schlange beim Bäcker, das einzige Weibchen, wollte sagen die einzige Frau im Laden verkaufte die Brötchen. Neun müde Männer, im seltsam lässigen Dress des Sonntagmorgens. Neun müde, aber wild entschlossene Männer, die „einer muss ja“ und „Frühschicht“ und „erstmal Beute machen“ knurrten. Zuhause deckten die Frauen den Frühstückstisch, machten die Betten und scheuchten die Kinder ins Bad, die Männer aber stapften durch den kalten Nebelmorgen und sorgten für Nahrung. Hätte ich ein Fell statt meiner Outdoorjacke getragen und wäre ich in eine Höhle statt zu meiner Wohnung zurück gegangen, ein blutiges Stück Mammut in der Hand statt ein paar ofenwarmer Mehrkornbrötchen – wäre die Situation wesentlich anders gewesen? Hat sich in zehntausend Jahren gar nichts geändert, hat das Rollenverhalten von Mann und Frau wirklich ein paar artgerechte Konstanten durch alle Zeiten? Mag sein. Vielleicht war auch schon der Steinzeitmann froh, an die frische Luft zu kommen und um diese Tageszeit bloß nicht reden zu müssen – und vielleicht hat sich auch schon die Steinzeitfrau ebenso wie die Herzdame erfolgreich eingeredet, den Mann geschickt zu haben. Eine evolutionär vollkommen sinnvolle Aufteilung.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

Kleine Anmerkung zur Achtsamkeit

Ich saß am Schreibtisch und arbeitete. Sohn II kam vorbei, legte seinen Kopf auf die Tischplatte und sah mir beim Tippen zu. Zwischen zwei Absätzen streichelte ich seinen nach wie vor haarlosen Kopf, er fühlte sich genauso an wie der von Sohn I, als er im gleichen Alter war. Das Kind hatte auch exakt die gleiche Haltung wie sein Bruder, und genau wie der damals zeigte es brabbelnd auf den Bildschirm und freute sich sehr, wenn da etwas passierte.  Ich streichelte den Kopf und dachte seltsam, ich habe in den letzten Wochen, in denen wir so viel Stress hatten, ganz verpasst, dass der kleine Sohn auch schon bis zur Tischplatte reicht. Der Sohn legte seinen Kopf vor die Tastatur und linste grinsend zu mir nach oben. Das ist wirklich sehr, sehr seltsam, dachte ich. Kaum hat man einmal richtig viel Arbeit und passt ein paar Wochen lang nicht richtig auf, schon wächst so ein Kind einen ganzen Kopf in die Höhe. Ich meinte genau zu wissen, dass er neulich noch viel kleiner war, also nicht nur einen halben Zentimeter, sondern richtig viel. Ich versuchte, neulich genauer zu definieren, das war schwierig. Neulich ist zu dieser Jahreszeit irgendwie alles vor Weihnachten, dachte ich, das hilft nicht weiter. „Ist das Kind eigentlich gewachsen?“ fragte ich die Herzdame, sie sagte, das würde es routinemäßig tun.  Der verblüffend groß gewordene Sohn II lachte mich an. Ich dachte beschämt, so etwas darf eigentlich gar nicht vorkommen. In dem Alter darf man nicht wochenlang nicht aufpassen und sich in Arbeit vergraben, man verpasst tatsächlich etwas.  Man konzentriert sich auf irgendein Projekt und zack, ist aus dem Baby ein Kleinkind geworden, sogar ein recht hoch gewachsenes. Man darf in seinen genauen Beobachtungen einfach nicht nachlassen, niemals, man muss am Ball bleiben und immer genau hinsehen, wenn man Kinder hat. Man bekommt sonst einfach nichts mit. Ich nahm mir fest vor, als Vater wieder wesentlich aufmerksamer zu werden.

Ich knuffte Sohn II freundschaftlich in die Seite, da verschwand er unerwartet von der Bildfläche.  Von unter dem Schreibtisch heulte es beleidigt. Und da habe ich erst verstanden, dass Sohn II gar nicht gewachsen war, sondern eine Kiste zu meinem Schreibtisch geschleppt und mühsam balancierend darauf gestanden hatte.

Programmhinweis

Das Filmteam steht auf der Promenade von Travemünde und sieht sich um, irgendwo muss der Autor von „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ jetzt hin und malerisch etwas vorlesen. Mit Meer im Bild, versteht sich. Vor einem Café stehen halb verrottete Gartenstühle aus Holz, die vor langer Zeit einmal weiß waren. Ziemlich schwere, klobige Trümmer. „So einen“, sagt der Redakteur, „so einen leihen wir uns mal eben aus und schleppen ihn auf den Steg da.“ Er geht zum Café, er will um Erlaubnis bitten, ich sage ihm, dass er sich das sparen kann. Das hier ist Travemünde, das hier ist Winter, wir könnten den halben Ort auf einen Lastwagen verladen, ohne dass jemand protestieren würde. Alles egal. Der Redakteur klopft an die Caféscheiben, drinnen rührt sich natürlich nichts.

Wir schleppen den bröselnden Stuhl auf den Steg, ich setze mich rein, ich lese was vor, mir zittert das Kinn vor Kälte, es weht von Nord. „Nochmal“, sagt der Redakteur, das ist überhaupt die Lieblingsformulierung beim Fernsehen, das sagen sie gerne. Zwei Knirpse stehen neben dem Steg und sehen sich an, wie ich da albern herumsitze, friere und einen Absatz in die Kamera hineinlese. Der Kameramann steht mit einem Fuß in der Ostsee, es scheint ihn nicht zu stören, Kameramänner können was ab. „Nochmal“, sagt der Redakteur. Ich lese ein paar Zeilen, die Knirpse stoßen sich an und schmeißen Steine direkt neben mich ins Wasser, es macht PLATSCH, der Mann vom Ton guckt kritisch und schüttelt dann grinsend den Kopf. „Nochmal“, sagt der Redakteur. „Wir“, rufe ich den beiden Knirpsen aufmunternd zu, „wir hätten früher noch auf den Dichter geworfen, nicht einfach ins Wasser!“

Dann denke ich, ach was, man muss der Jugend ja auch nicht alles vermitteln und sage lieber nichts mehr.
Sollte jemand jedenfalls Interesse daran haben, wie ich vor laufender Kamera am Strand vor Travemünde erfriere und dabei wirres Zeug rede, welches die Fernsehleute nach dem Schnitt mit „Na, Hauptsache O-Ton“ kommentieren: Nächsten Montag im NDR-Kulturjournal um 22:30.

Kulturtourismus

Sonntagmorgen um sieben, da sind noch nicht sehr viele Menschen wach, auch nicht im Zentrum der Millionenstadt. Der Hauptbahnhof fast menschenleer, ein paar Frühstarter mit Koffern, die zu ihrem Gleis hasten, ein paar müde Nachtschwärmer, die sich an einen Kaffee klammern. In den Geschäften und Imbissen werden Zeitungsstapel in Regale gewuchtet, Brötchen in Körbe geschüttet, Säfte gepresst, Sushi gerollt, alles ist in Vorbereitung. Ein junger Mann scheuert den Grill in einem Currywurststand, neben ihm kistenweise Würste, die er später verkaufen wird. Vor ihm stehen zehn Asiaten. Keine Kameras um den Hals, keine Japaner. Alle im fast gleichen Anzug, sagen wir es sind Chinesen. Sie reden auf einen ebenfalls chinesischen Mann mit Plastikschildchen um den Hals ein, das wird der Reiseleiter sein. Der Reiseleiter und der Dolmetscher, wie sich gleich herausstellt, denn der Mann geht nach eindringlichem Gespräch mit seiner Truppe zu dem Verkäufer am Grill und sagt „Zehn Currywürste bitte“, mit schwerem Akzent, aber in sehr korrektem Deutsch. Zehnfach erwartungsvolles Nicken hinter ihm. Der Verkäufer lacht und sagt, dass er noch nicht einmal eine einzige Wurst gebraten habe, er zeigt auf die rohen Würste, auf den zerlegten Grill. Der Dolmetscher nickt und übersetzt.

Zehn empörte Chinesen. Sie reden unwillig auf den Dolmetscher ein, sie wirken ganz so, als würde man ihnen eine fest zugesagte Attraktion in Deutschland, womöglich gleich eine der ersten, ohne zwingenden Grund vorenthalten, sie wirken aufgebracht. Einer zeigt mehrfach auf einen Zettel, vielleicht der gebuchte und festgelegte Speiseplan für den Tag in Hamburg. Sie scheinen zu wollen, dass der Dolmetscher noch etwas fragt, er schüttelt den Kopf, sie zeigen immer wieder auf den Currywurststand. Schließlich gibt er nach, geht noch einmal zu dem jungen Mann, der gerade den Rost wieder auf den Grill setzt: „Sie möchten wissen, ob man die Currywürste nicht auch roh essen kann.“

Franz Latte

Wann immer ich in meinen Texten, sei es im Blog, auf Facebook oder auf Twitter, erwähne, dass ich ein Franzbrötchen frühstücke, gibt es Menschen, die nachfragen. Menschen, die nicht wissen, was ein Franzbrötchen ist, Menschen, die das Wort nie gehört haben, Menschen die – man kann es sich als Hamburger schwer vorstellen – etwas anderes zum Frühstück essen. Ein Franzbrötchen ist einfach zu erklären, es ist in erster Linie ein Frühstück. Der hanseatische Körper braucht morgens ein Franzbrötchen und einen Kaffee und sonst nichts, das ist hier vergleichsweise einfach geregelt, der Hamburger hat schließlich seit Jahrhunderten einen Hang zur Effizienz und Vereinfachung. Wer braucht 20 Produkte auf dem Frühstückstisch, wenn eines reicht. Wer braucht überhaupt einen Frühstückstisch, wenn man das Franzbrötchen doch auch essen kann, während im Büro der Computer hochfährt.

Franzbrötchen kommen tatsächlich aus Hamburg und heißen eventuell so, weil sie dem französischen Croissant nachempfunden sind. Vielleicht aber auch nicht. Es gibt ein Buch darüber, da kann man das genau nachlesen, ein Buch über ein Brötchen. Kann auch nicht jedes Gebäckstück von sich behaupten. Franzbrötchen verbreiten sich aus unklaren Gründen nur sehr schleppend in das restliche Deutschland hinein oder gar ins Ausland. Es gibt eine Seite [mittlerweile nicht mehr], auf der diese Ausbreitung, dieser Siegeszug im Schritttempo, akribisch festgehalten wird, da wurde zum Beispiel gerade ein Franzbrötchen aus Singapur gemeldet.

Das Franzbrötchen ist ein Plundergebäck, sagt Wikipedia, mit Zimt und Zucker.

Der Hamburger Angestellte kauft sich morgens auf dem Weg zur Arbeit ein Franzbrötchen, seit ein paar Jahren auch einen Kaffee zum Mitnehmen dazu. Wenn man hier morgens an einem beliebigen S-Bahnhofkiosk verschlafen und schlecht gelaunt „Franz Latte“ murmelt, dann hält das niemand für eine Vorstellung, dann bekommt man ganz selbstverständlich ein Brötchen und einen Latte Macchiato to go.

Touristen, die das Hamburger Frühstück probieren, verfallen dem Geschmack in aller Regel augenblicklich und vermissen in ihren Heimatstädten fortan diesen Genuss schwer. Hamburger, die aus Karrieregründen die Stadt wechseln und versehentlich in ein Gebiet ziehen, das franzbrötchenmäßig unerschlossen ist, kehren in aller Regel bald nach Hause zurück.
Allerdings stehen Touristen oft ratlos vor den Auslagen der Bäckereien oder Kioske und staunen über die zahlreichen Sonderformen der Franzbrötchen. Welches nimmt man wann? Was ist richtig? Ich liste hier als Serviceleistung die Sonderformen kurz auf und gebe die jeweilige Zielgruppe an. Wenn Sie Hamburg besuchen, und wer würde das nicht irgendwann tun, sortieren Sie sich einfach in die richtige Gruppe ein und alles wird gut. Wenn Sie sich für einen normalen Menschen in normaler Lebenssituation halten, dann kaufen Sie ein normales Franzbrötchen. Ansonsten:

1) Rosinenfranz: Ist partiell süßer als die ohnehin zuckrige Normalausgabe, nämlich immer dann, wenn man auf eine Rosine beißt. Es ist nicht dramatisch süßer, wie etwa ein Schokofranz (siehe dort), sondern nur ein wenig. Ein fein dosierter Extragenuss. Menschen, die Rosinenfranz kaufen, nehmen es gerne genau und achten auf Maßeinheiten. Sie haben sich im Griff und neigen zur Exaktheit. Menschen, die Rosinenfranz kaufen, sind im Zeichen der Jungfrau geboren und werden im Volksmund auch gerne Korinthenkacker genannt. Nun wissen Sie auch warum. Andererseits ist ein Rosinenfranz natürlich besser als gar kein Obst.

2) Streuselfranz: Der Kalorien-Gau, wie Butterkuchen mit Sahne oder Karamell in Honig. Menschen, die Streuselfranz kaufen, neigen zu Übertreibungen, nicht nur bei ihrem Körpergewicht. Eine falstaffmäßige Lebenslust kennzeichnet die Streuselfranzesser, man erkennt sie leicht am Gewicht. Wer Streuselfranz kauft, möchte eigentlich Sachertorte zum Frühstück. Nur die gesellschaftliche Konvention hält ihn davon ab.

3) Schokofranz: Das Brötchen für die Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Frisch verlassene Ehemänner oder –frauen, IT-Experten kurz vor dem Launch eines neuen Programms, Medienmenschen kurz vor dem finalen Abbau ihrer Redaktion, Studenten kurz vor dem Abschluss ihres hektischen Studiums. Schichtarbeiter im Morgengrauen, Eltern von zahnenden Babys, Autoren oder Übersetzer zwei Tage vor Manuskriptabgabe, freie Social-Media-Berater, die von einem Großkonzern angerufen wurden. Das Schokofranz ist ein Panikbrötchen, die Zielgruppe sind nervliche Wracks aller Art. In anderen Städten kaufen Eltern für ihre Kleinkinder in Apotheken sogenannte Notfallbonbons oder -tropfen, die sie in besonderen Krisensituationen beruhigen sollen, in Hamburg kauft man einfach Schokofranz.

4) Vollkornfranz: Der gesunde Snack für zwischendurch. Für Eltern mit hungrigen Kindern, die unterwegs abgefüttert werden müssen. Denn ein Franzbrötchen ist kein Kuchen, enthält daher auch per definitionem keinen Zucker und Vollkorn ist sowieso super. Viele Hamburger Babys dürfen bis zum vollendeten ersten Lebensjahr keinen Zucker essen, nur hin und wieder ein Franzbrötchen. Darüber lacht hier niemand, das ist Ernst. Über Franzbrötchen macht man keine Witze. Das Vollkornfranz schmeckt gleichzeitig süß und freudlos, das Hamburger Kleinkind wird damit bereits im Kinderwagen auf die Ambivalenz des Lebens vorbereitet. Erwachsene, die freiwillig Vollkornfranz essen, haben auch sonst an nichts Spaß und neigen zu Depressionen.

5) Franzbrötchen mit Kürbiskernen, genannt Kürbisfranz: Für den Mann ab Mitte 40. Wird gerne betont leise bestellt. Gibt es auch von Ratiopharm.