Kulturtourismus

Sonntagmorgen um sieben, da sind noch nicht sehr viele Menschen wach, auch nicht im Zentrum der Millionenstadt. Der Hauptbahnhof fast menschenleer, ein paar Frühstarter mit Koffern, die zu ihrem Gleis hasten, ein paar müde Nachtschwärmer, die sich an einen Kaffee klammern. In den Geschäften und Imbissen werden Zeitungsstapel in Regale gewuchtet, Brötchen in Körbe geschüttet, Säfte gepresst, Sushi gerollt, alles ist in Vorbereitung. Ein junger Mann scheuert den Grill in einem Currywurststand, neben ihm kistenweise Würste, die er später verkaufen wird. Vor ihm stehen zehn Asiaten. Keine Kameras um den Hals, keine Japaner. Alle im fast gleichen Anzug, sagen wir es sind Chinesen. Sie reden auf einen ebenfalls chinesischen Mann mit Plastikschildchen um den Hals ein, das wird der Reiseleiter sein. Der Reiseleiter und der Dolmetscher, wie sich gleich herausstellt, denn der Mann geht nach eindringlichem Gespräch mit seiner Truppe zu dem Verkäufer am Grill und sagt „Zehn Currywürste bitte“, mit schwerem Akzent, aber in sehr korrektem Deutsch. Zehnfach erwartungsvolles Nicken hinter ihm. Der Verkäufer lacht und sagt, dass er noch nicht einmal eine einzige Wurst gebraten habe, er zeigt auf die rohen Würste, auf den zerlegten Grill. Der Dolmetscher nickt und übersetzt.

Zehn empörte Chinesen. Sie reden unwillig auf den Dolmetscher ein, sie wirken ganz so, als würde man ihnen eine fest zugesagte Attraktion in Deutschland, womöglich gleich eine der ersten, ohne zwingenden Grund vorenthalten, sie wirken aufgebracht. Einer zeigt mehrfach auf einen Zettel, vielleicht der gebuchte und festgelegte Speiseplan für den Tag in Hamburg. Sie scheinen zu wollen, dass der Dolmetscher noch etwas fragt, er schüttelt den Kopf, sie zeigen immer wieder auf den Currywurststand. Schließlich gibt er nach, geht noch einmal zu dem jungen Mann, der gerade den Rost wieder auf den Grill setzt: „Sie möchten wissen, ob man die Currywürste nicht auch roh essen kann.“

5 Kommentare

  1. Nachdem ich einmal an einem Frühstücksbuffet in einem Hotel in einer chinesischen Provinz teilgenommen habe, das offensichtlich nur für Chinesen hergerichtet wurde, glaube ich, dass manche Chinesen eher eine rohe Currywurst essen würden, als ein Franzbrötchen zu versuchen.
    Die Eigenarten der echten, stark lokal gefärbten chinesischen Küche erschließen sich uns ähnlich gut, wie die der grünen Männchen vom Mars. das hat nichts mit dem duetschen Chinarestaurant zu tun. Vieles ist durchaus sehr lecker sein, doch manches sieht und schmeckt für uns, sagen mal eher ungewöhnlich.
    Nehmen wir ein paar normalere Beispiele: Hühnerfüße mit Krallen, gebacken, gekocht, gegrillt oder frittiert gab es bei uns fast zu jeder Mahlzeit. Und, das besten vom Fisch ist offensichtlich der Kopf. Wobei weniger die in Deutschland geliebten Bäckchen gemeint sind… Oder eine tagelang gekochte Hühnersuppe, wo die inzwschen sandig gewordenen Knochen mitgegessen werden….
    Das alles habe ich auch zum Frühstück angeboten bekommen und so manches was da lag, war auch roh….. also warum keine rohen Currywürste essen. Guten Appetit

  2. Roh sind die ja eh nicht, die Würste. Nur nicht gebraten. Also, wenn sie meinen. Ich hätte ihnen eine Currywurst-Kalt zum probieren gemacht.

  3. Was die chinesische Küche anbelangt, so gibt es auch landesintern große Differenzen – eine Region mokiert sich jeweils über die Essgewohnheiten der anderen Regionen, und natürlich machen auch westliche Einflüsse nicht Halt vor der chinesischen Küche (die es so verallgemeinernd in China aufgrund der Größe des Landes ja gar nicht gibt). Die erwähnten Hühnerfüße heißen übrigens „Phönixkrallen“ und gelten als große Spezialität; in ein paar authentischen und viel von Chinesen frequentierten Chinalokalen in Wien werden sie ebenfalls angeboten. Der für Chinesen köstlichste Teil der Pekingente ist übrigens jene Suppe, die aus deren Knochen gekocht wird. Serviert wird sie in der Weise, dass die Knochen aus der Suppenschüssel herausragen – vermutlich, um Langnasen abzuschrecken. 😉

    btw: Mich würde sehr interessieren, wie die Currywurst bei den asiatischen Besuchern beworben wurde …

  4. @walküre: das würde mich auch sehr interessieren und vor allem, was noch so alles auf der Touristen-Must-Do-Liste gestanden hat

    Gleichzeitig ein riesiges Dankeschön an Maximilians Beobachtungsgabe – wie sonst sollte ich an einem Sonntagmorgen schon Tränen lachen….

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.