Kleine Anmerkung zur Achtsamkeit

Ich saß am Schreibtisch und arbeitete. Sohn II kam vorbei, legte seinen Kopf auf die Tischplatte und sah mir beim Tippen zu. Zwischen zwei Absätzen streichelte ich seinen nach wie vor haarlosen Kopf, er fühlte sich genauso an wie der von Sohn I, als er im gleichen Alter war. Das Kind hatte auch exakt die gleiche Haltung wie sein Bruder, und genau wie der damals zeigte es brabbelnd auf den Bildschirm und freute sich sehr, wenn da etwas passierte.  Ich streichelte den Kopf und dachte seltsam, ich habe in den letzten Wochen, in denen wir so viel Stress hatten, ganz verpasst, dass der kleine Sohn auch schon bis zur Tischplatte reicht. Der Sohn legte seinen Kopf vor die Tastatur und linste grinsend zu mir nach oben. Das ist wirklich sehr, sehr seltsam, dachte ich. Kaum hat man einmal richtig viel Arbeit und passt ein paar Wochen lang nicht richtig auf, schon wächst so ein Kind einen ganzen Kopf in die Höhe. Ich meinte genau zu wissen, dass er neulich noch viel kleiner war, also nicht nur einen halben Zentimeter, sondern richtig viel. Ich versuchte, neulich genauer zu definieren, das war schwierig. Neulich ist zu dieser Jahreszeit irgendwie alles vor Weihnachten, dachte ich, das hilft nicht weiter. „Ist das Kind eigentlich gewachsen?“ fragte ich die Herzdame, sie sagte, das würde es routinemäßig tun.  Der verblüffend groß gewordene Sohn II lachte mich an. Ich dachte beschämt, so etwas darf eigentlich gar nicht vorkommen. In dem Alter darf man nicht wochenlang nicht aufpassen und sich in Arbeit vergraben, man verpasst tatsächlich etwas.  Man konzentriert sich auf irgendein Projekt und zack, ist aus dem Baby ein Kleinkind geworden, sogar ein recht hoch gewachsenes. Man darf in seinen genauen Beobachtungen einfach nicht nachlassen, niemals, man muss am Ball bleiben und immer genau hinsehen, wenn man Kinder hat. Man bekommt sonst einfach nichts mit. Ich nahm mir fest vor, als Vater wieder wesentlich aufmerksamer zu werden.

Ich knuffte Sohn II freundschaftlich in die Seite, da verschwand er unerwartet von der Bildfläche.  Von unter dem Schreibtisch heulte es beleidigt. Und da habe ich erst verstanden, dass Sohn II gar nicht gewachsen war, sondern eine Kiste zu meinem Schreibtisch geschleppt und mühsam balancierend darauf gestanden hatte.

4 Kommentare

  1. Mal eine ganz andere Frage:
    wer sind eigentlich die anderen Damen Ihres Herzens?
    Von wegen HerzDAMENgeschichten …

    Ein schönes Wochenende!
    🙂

  2. an Petra:
    Die „HerzdameNgeschichten“ haben wohl weniger mit putativen amourösen Ausschweifungen des Herrn Merlix als mit der Verwendung des Fugen-n`s bei Nomenkomposita zu tun.
    Nur ne Vermutung… 😉

  3. tja, aber ab und zu passieren wundersame Wachstumsschübe wirklich. Hatten wir auch, so etwa 5 Monate her. Von 80 cm auf plötzlich 85 cm so in einem Ruck von 3 Wochen. Bumms, war Gr.80 hinüber und wanderte fröhlich in Kisten, da war auch schon 86 zu klein …unsere wächst wie Unkraut, seit wir in Bremen sind … und man muß wirklich aufpassen, die Schübe kommen, wenn man nicht aufpasst. Ich merk das auch andauernt nur per Zufall. Jetzt wo wir Kindergartenmarathon gemacht haben, fiel es mir wieder so auf. Was tut die Deern da so wieder? Hääää? Mit ner Wurstzange werden Ping Pong Bälle von einer Schüssel in die andere befördert, einfach mal so. Staun! Ab zur Messlatte und siehe da, wieder 1 cm mehr. Also wenn die geistig wachsen, wachsen sie auch körperlich … Nur so ne Theorie!

    Aber schön, dass Sohn II mal den Papa ausgetrickst hat :o) ist ja ein ganz schlaues Kerlchen!!! SUPER! Einfach köstlich

  4. Da fällt mir nur ein Satz meiner Schwiegermutter ein, der in etwa so ging.
    „Früher hatten wir gar keine Zeit alles von den Kindern mitzubekommen, erst recht nicht beim sechsten. Das war vielleicht auch besser so….“
    Hintergrund waren die akribischen Notizen meiner Herzdame und meine vielen Fotos zu den Entwicklungsschritten unseres Sohnes und die launischen Bemerkungen meiner Herzdame (die sechste!) dazu, dass von ihr praktisch keine Kinderbilder existieren.

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