Neu auf dem Nachttisch

Und noch ein Simenon: „Der Mann aus London“, übersetzt von Stefanie Weiss. Ein Roman, der vielleicht nicht so bemerkenswert wäre, wenn man nicht etwas länger über die Antwort auf ein paar Fragen nachdenken würde. Weiß man nach dem Roman, wie die Stadt, in der er spielt, Dieppe, aussieht? Ja, das bildet man sich tatsächlich ein. Hat Simenon sie beschrieben? Kaum. Weiß man, warum die Hauptfigur tut, was sie tut? Ja, das weiß man. Hat Simenon ihr Innenleben beschrieben? Kaum. Nun ja. Genie ist eben Genie.

Der Roman erschien zuerst 1933 und beginnt so:

„Im Augenblick denkt man, es seien Stunden wie andere auch, und merkt erst hinterher, daß etwas Außergewöhnliches daran war. Hinterher, da spürt man mühsam dem Faden nach, der sich durch das Geschehen hindurchzog, und man versucht die einzelnen Minuten sinnvoll wieder zusammenzufügen. Warum war Maloin an dem betreffenden Abend schllechtgelaunt von zu Hause weggegangen. Sie hatten wie gewöhnlich um sieben zu Abend gegessen. Es hatte gebratene Heringe gegeben, es war die Jahreszeit dafür.“

Junge Liebe

Am Nachmittag Sohn I von der Kita abgeholt, wo er draußen im Garten mit seiner Freundin im Sandkasten spielte. Bei einem kleinen Gespräch festgestellt, wie weit die Beziehung zwischen den beiden schon gediehen ist.

Ich: „Na, was macht ihr beide, backt ihr Kuchen?“
Sohn I: „Äh, backen wir Kuchen? Oder was?“
Freundin von Sohn I: „Ja, wir backen Kuchen.“
Sohn I: „Sie sagt, wir backen Kuchen. Dann stimmt das.“

Wir nennen es heiratsfähig.

Der wettertaugliche Mann

Es ist unvermutet warm und regnet. Sohn I hüpft und freut sich, er darf endlich wieder Gummistiefel tragen. Damit kann man in Pfützen springen, wie toll ist das denn. Ich ziehe ihn an und greife dann nach meinen Büroschuhen. „Hast du keine Gummistiefel?“ fragt er mich mitleidig. „Nein“, sage ich, „habe ich nicht.“ Der Sohn holt mir hilfsbereit die Gummistiefel der Herzdame, es sind lila Exemplare mit Blümchenmuster. „Leiht sie dir“, raunt er, „macht sie bestimmt.“ Ich sage, es ginge schon, mit meinen Büroschuhen, ich sei es ja gewohnt. Wir gehen raus, es regnet wirklich üppig. Der Sohn hat Spaß, ich habe nach zehn Metern nasse Füße. Super, denke ich, Gummistiefel sind vielleicht doch eine Option. Warum sollen nur Frauen nützliche Mode tragen? Warum müssen Männer im Anzug nasse Füße kriegen?

Im Fenster des Schuhgeschäftes etliche Damengummistiefel, mit bunten Mustern und Applikationen. Alle schick und geradezu kostümtauglich. Ich frage nach der Auswahl für Herren. Es gibt  nur ein Paar. Es ist natogrün, seltsam klobig und das Profil erinnert an Treckerreifen. Ich sehe aus, als würde ich mich auf ein Outdoor-Abenteuer in einer abgelegenen Sumpflandschaft vorbereiten. So etwas morgens auf dem Weg ins Büro – undenkbar. Ich frage nach anderen Modellen, ratlose Gesichter. Man holt schließlich doch noch ein Paar, schlank, schwarz, einfach, aber der Absatz ist verdächtig hoch. Der Karton verrät: ein Damenmodell. Nein, sage ich, Damenmodelle nicht, da bin ich eigen. „Wir haben sonst nur diese traditionellen, knallgelben Stiefel“, sagt die Verkäuferin. „Im Kanalarbeiterlook?“ frage ich. Sie nickt. Ich lehne ab.

Der Mann soll bei Regen gar nicht vor die Tür. Die Herzame muss die Söhne bei Mistwetter in den Kindergarten bringen, die Schuhe geben die Rollenverteilung sehr klar vor. Man muss Mode nicht nur einfach hinnehmen – man muss sie auch deuten können.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

Die Logik des Echos

Dreijährige Kinder neigen mit jedem Monat mehr zu Unfreundlichkeiten. Sie nehmen im Kindergarten ein Schimpfwort nach dem anderen auf und verwenden die Kollektion mit großer Freude in den unpassendsten Situationen, wobei ich zum Beispiel auch das abendliche Zubettbringen als unpassend empfinde, ich lasse mich dabei nur ungern beschimpfen.  Dreijährige unter sich reden fast nur noch in dramatischen Vokabeln, und es kann etwa ein Jahr dauern, bis sie wieder zu einem halbwegs normalen Sprachgebrauch übergehen, zumindest meiner Erfahrung mit den älteren Kindern in der Nachbarschaft nach. Den Sprachgebrauch im Kindergarten kann man natürlich als Elternteil nicht beeinflussen, dass muss man so hinnehmen, dass diese Einrichtung  eine gewisse Derbheit in den Alltag bringt und das Kind beim Abholen schon mal wütend wird, wenn es seine verdammten Kackstiefel nicht sofort findet, die sich irgendwo in der pissblöden Umkleide verstecken, die dämlichen Scheißteile. Das kann man sich nur anhören, direkte Korrekturen sind sinnlos, schon gar in einem Umfeld, in dem eine ganze Horde Kinder die Schimpfwörter begeistert aufnimmt, umformuliert, ausgestaltet und weiter im Chor herumbrüllt.

Nein, man muss warten, bis man zuhause ist. Erst dort kann man versuchen, durch dezidierte Höflichkeit eine andere verbale Richtung einzuschlagen und das Kind zurück auf den goldenen Weg der Freundlichkeit zu locken. Ein schweres Unterfangen, aber natürlich ein lohnendes – und eines, das immerhin Aussicht auf Erfolg hat.  Kinder passen sich von Natur aus gerne an, wenn man also nur lange genug Freundlichkeiten vorlebt, werden sie irgendwann ebenso antworten. Sagt man.

Ich: „Na, mein Küken?“

Sohn I: „Na, du alter Hahn?“

Logisch

Herzdame: „Wieso haben diese Kühlkompressen eigentlich neuerdings immer Pinguinform?“

Ich: „Weil Pinguine auf dem Eis leben, mein Schatz. Kälte, du verstehst? “

Herzdame: „Aber diese Kühlkompressen hier kann man doch auch erhitzen.“

Ich: „Na und? Pinguine auch.“