Die Früchte der Erinnerung – nennen wir sie Birnen

Ich sah neulich in einem Buchladen ein Werk von Lars Gustaffson, es trug den schönen Titel „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme.“ Ich erinnerte mich, Lars Gustaffson vor sehr langer Zeit einmal gelesen zu haben, als ich nach dem Abitur gerade nach Hamburg gezogen war und in einem Antiquariat arbeitete. Ich erinnerte mich zwar nicht mehr an den Titel des Buches, und auch nicht einmal ansatzweise daran, worum es ging, aber ich hatte so eine Ahnung, dass es interessant war und mir fiel ein, wie ich damals in dem leeren Laden auf einem Korbstuhl mit kaputtem Geflecht saß, rauchte, Kaffee trank und auf Kunden wartete, die eher selten kamen. Auf dem Tisch vor mir ein historischer Bleistiftanspitzer aus Bakelit mit metallener Kurbel, die ich nebenbei achtlos drehte, während ich las. Auf der Tischplatte grüner Filz, durchgerieben, speckig und staubig. Das Buch war blau und dünn und gut und plötzlich wusste ich wieder ganz genau, wie der Laden damals roch. Abgestandener Rauch, altes Papier, Souterrainmuff. Ich kaufte „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme“ ohne erst hineinzusehen, sozusagen im Dienste meiner Erinnerung. Ich blätterte erst zuhause über die ersten Seiten und stellte fest, dass es ein Buch über die Erinnerung ist.

Gerade vor ein paar Tagen erst kamen hier Birnen in einem Buch vor, bei Grazia Deledda habe ich die Szene zitiert, in der sich der junge Held bei der Birnenernte in seine Herrin verliebt und ich erwähnte nebenbei meine Lust auf Birnen – und den Gustaffson schlage ich an einer beliebigen Seite auf und lese:

„Doch alles, was ich bis jetzt erzählt habe, ist im Grunde unwesentlich. Umso wichtiger ist der Zimtbirnenbaum. Wie wunderbar er im Frühling duftete. Und mit seinen schweren Ästen, voll kleiner, bräunlicher Birnen. Die – sorgfältig geschält, gekocht, mit Zimt in ihrem eigenen Saft in Einmachgläsern konserviert – tatsächlich eine Ahnung vom Paradies vermitteln konnten.“

Ich glaube, ich such mir mal ein Rezept. Zimtbirnen – allein das Wort schon.

Verkehrserziehung

Der größere Sohn ist dreieinhalb Jahre alt und interessiert sich neuerdings für Verkehrsschilder. Das ist gut und wichtig, da spielt man als Vater natürlich gerne mit und erklärt und erklärt. Vorfahrt gewähren, Stop, Sackgasse, Einbahnstraße, nur links abbiegen, alles gar nicht so einfach. Ein Halteverbot, an das sich aber hier keiner hält, es ist wirklich sehr kompliziert. Dann noch ein neues Schild, auf dem eine Frau und ein kleines Kind abgebildet sind, daneben ein Pfeil nach links. „Was soll das denn?“ Ich erkläre ihm, dass Fußgänger die Straßenseite wechseln sollen, wenn so ein Schild da steht. „Warum denn?“ Ich zeige ihm, dass hinter dem Schild gerade ein Haus abgerissen wird, wenn man da nicht die Straßenseite wechselt, dann kann man Steine und Betontrümmer auf den Kopf bekommen, das könnte ungesund sein: „Ach so.“ Das Kind steht immer noch vor dem Schild und denkt nach, es arbeitet sichtlich in ihm.

„Auf dem Schild ist eine Mama mit einem Kind“, sagt er. „Ja“, sage ich, „völlig richtig.“ „Auf dem Schild ist aber kein Papa“ stellt der Sohn fest. „Nein“, sage ich, „da hast du allerdings Recht“. Und ich hoffe im Stillen, dass er mich nicht fragt, warum denn da kein Mann drauf ist, denn dann wird es wahrscheinlich wieder schwierig. Aber der Sohn denkt gar nicht daran, mich etwas zu fragen, der Sohn ist jetzt alt genug, um selbst zu denken. „Da ist bestimmt kein Mann drauf“, verkündet er nach einer angemessenen Bedenkzeit, „weil die Frau ihm dann sowieso schon sagt, was er tun muss, wenn so ein Schild kommt. Oder? “ Er sieht mich fragend an. Ich hocke mich neben das Kind und tätschele erfreut  seinen Kopf. „Mein Sohn“, sage ich, „du hast es verstanden. Du ahnst gar nicht, was du alles verstanden hast.“

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

Annäherung an die Erwachsenenliteratur

Sohn I: „Papa, was liest du da?“

Ich: „Grunewaldsee, ein neues Buch von Hans-Ulrich Treichel. Den mag ich.“

Sohn I: „Warum heißt das Grunewaldsee?“

Ich: „Weil es da spielt. An dem See.“

Sohn I: „Mit Piraten?“

Ich: „Nein, ohne.“

Sohn I: „Ach.“

Ich: „Ja.“

Sohn I: „Was ist denn das für eine Geschichte?“

Ich: „Ein Mann liebt eine Frau, aber sie leben in verschiedenen Städten.“

Sohn I: „Und am Ende heiraten sie?“

Ich: „Das weiß ich noch nicht. Aber ich glaube nicht. Wie gesagt, es ist alles eher schwierig.“

Sohn I: „Warum schwierig?“

Ich: „Weil sie sich lieben, aber nicht zusammen sein können.“

Sohn I: „Ja und?“

Ich: „Na, das ist doch schwierig, wenn der, den man ganz doll  lieb hat, nicht da ist.“

Sohn I: „Dann kann man sich doch selber lieb haben. Auch ganz doll. Und das Heiraten kann man spielen. Mit Verkleiden.“

Ich: „Äh…“

Sohn I: „Lies mal was vor, bitte.“

Ich: „Den ersten Tag im Haus verbrachte er mit dem Einräumen des Zimmers. Er stellte fest, daß ein Kleiderschrank fehlte.  In seinem Schlafraum gab es nur ein Holzregal mit einem Vorhang davor, in das er Hemden und Wäsche legte. Alles andere…“

Sohn I: „Ich glaube, ich möchte jetzt doch lieber noch einen Film sehen.  Mit Piraten.“

Warme Gedanken

Minus acht Grad am frühen Morgen, mit Frühling ist mitten im Februar nicht unbedingt zu rechnen.  Ich sehe angewidert auf das Thermometer, dem Thermometer ist das egal. Ich sage der Herzdame, dass es draußen verdammt kalt sei, die Herzdame weist jede Zuständigkeit von sich und sagt, sie müsse ja nicht raus.  Ich stopfe die Kinder in Schneeanzüge, bringe sie zur Kita und gehe dann zu Fuß zur Arbeit, der Mensch braucht Bewegung, sagt man, gerade bei diesem Wetter.  Wer viel draußen ist, wird weniger krank, wer bei jedem Wetter viel draußen ist, der friert weniger und  ist fitter. Sagt man. Ich stehe im Nordwind an der Ampel einer Riesenkreuzung, ein Thermometer in einem Apothekenschaufenster sagt minus 10. Ich denke, dass man auch sagt, dass Scott die Kälte nicht überlebte und vergrabe mich tiefer in meiner Jacke.  Ich zittere mich durch den Tag, ich werde handgreiflich, als Kollegen versuchen zu lüften, ich krieche  am Abend unter drei Decken und starte einen literarischen Rettungsversuch. Einfach ein Buch aus einer möglichst heißen Gegend lesen, gute Sommerbeschreibungen, glühender Süden, das macht dann schon warm von innen.  Grazia Deledda, einer der eher vergessenen Nobelpreisträgerinnen, eine Sardin. Zu Sardinien fällt mir nicht viel ein, Insel, Italien, da unten  irgendwo, nette Landschaft vermutlich.  Bestimmt brennt auf den ersten Seiten schon irgendwo die Sonne. „Zia Maria“, erschien zuerst 1896, wurde übersetzt von Hans-Norbert Hubrich und beginnt so:

„Pietro Benu blieb einen Augenblick lang vor der Kapelle des Rosario stehen. Erst ein Uhr, dachte er, vielleicht noch zu früh, um bei der Familie Noina vorzusprechen-. Sie werden womöglich schlafen. Reiche Leute können sich solche Annehmlichkeiten leisten. Er zögerte, setzte dann aber seinen Weg fort und wandte sich in Richtung Sant‘ Ussula, am äußersten Ende von Nuoro.  Es war Anfang September. Die Sonne brannte noch immer erbarmungslos auf die menschenleere Straße.“

Immerhin, da brennt tatsächlich die Sonne. Überzeugend warm wird einem dennoch nicht, aber die Liebesgeschichte, die sich auf den folgenden Seiten zwischen Knecht und Herrin entwickelt, die ist dann doch eine schöne Ablenkung vom Hamburger Winterrest, keine Frage.  Etwas irritierend vielleicht, dass ich bei einer Liebesszene, die während der Birnenernte spielt, plötzlich wahren Heißhunger auf Birnen bekomme, und nicht etwa auf die beschriebene sardische Schönheit, die die Früchte in der Schürze trägt, aber egal. Vermutlich ist es auch dafür zu kalt.

Sohn I am Abend

Programm aufmachen, Ordner aufmachen, Datei aufmachen. Von Bild zu Bild klicken, bis Sohn I irgendwo drauf ist: Ich! Diashow anmachen, Diashow ausmachen. Das Bild drehen, da steht es auf der Seite, noch einmal, auf dem Kopf, noch einmal, wieder auf der Seite, noch einmal, wieder richtig. Noch einmal drehen, aber ganz schnell: Purzelbaum! Bild vergrößern, bis man das Loch im Turnschuh genau sieht, das sieht man sonst nämlich gar nicht, guck mal, guck doch mal. Mit der Maus ins Bild klicken, den Ausschnitt noch größer ziehen, nichts als Pixel, alles ganz komisch. Mit der Maus von Bild zu Bild klicken, mit den Pfeiltasten von Bild zu Bild klicken, das geht ja genau gleich! Guck! Mal! So oder so! Noch einmal alle Bilder durchklicken, den Finger auf den Pfeiltasten lassen, der Sohn starrt auf ein rasendes Daumenkino. Einen Bildtitel eingeben, mit viel B und E, die mag er am liebsten. Die Maus loslassen, das Bild zumachen, den Ordner zumachen, das Programm zumachen, den PC ausmachen, warten, bis der Bildschirm schwarz wird:

„OK, Papa, jetzt können wir ins Bett gehen. Ich habe genug gearbeitet.“