Wie es so ist

Über uns der Presslufthammer, neben uns der Abrissbagger. Es dauert natürlich eine Weile, bis so ein Büroklotz abgerissen ist, da hat man etwas davon, wenn man genau daneben wohnt. Der Büroklotz neben unserem Haus, der seit Wochen platt gemacht wird, war nicht gerade klein, auf das Gelände passen hinterher gleich ein paar große Neubauten, nicht nur einer. Unser Haus wackelt und schaukelt, man fühlt sich manchmal wie auf einem Schiff. Ein Nachbar sagt, das große Erdbeben in Guatemala, bei dem er damals dabei war, das habe auch so angefangen. „Und das sollen die Wände abkönnen?“ fragt die Herzdame skeptisch. Ich sage, dass ich keine Ahnung habe und sehe aus dem zitternden Fenster. Unten laufen emsige Männer in Schutzanzügen herum und sammeln gelben Dichtungsschaum in Säcke. Sie haben einen Firmenaufdruck auf den Overalls, ich schlage die Firma im Internet nach: Asbestbeseitigung. Die Männer laufen ohne Helm herum, während der Abrissbagger schon neuen Schutt aus den oberen Etagen herunterholt, überhaupt ist so ein Helm ein eher uncooles Accessoire in der Branche, wie es scheint. Vor ein paar Tagen haben sie einen Arbeiter mit dem Krankenwagen von der Baustelle geholt, ein Bein seltsam verdreht. Danach war ein paar Stunden Ruhe. Letzte Woche ist ihnen eine ganze Betonwand auf die Straße gefallen, hat ein wenig die Richtung verfehlt und glatt die etwas improvisiert wirkende Absperrung ignoriert. Es kam aber gerade kein Auto und die sonst eher gemächlichen Bauarbeiter wurden dann plötzlich sehr schnell, um die Trümmer von der Fahrbahn zu beseitigen.

Am Freitag hat der Presslufthammer ein wenig über die Stränge geschlagen, seitdem haben wir kein Licht mehr im Treppenhaus, dafür aber einen Wasserfall aus der Stromleitung der Deckenlampe neben dem Fahrstuhl. Es fühlt sich ein wenig an, als würde man durch eine Tropfsteinhöhle gehen, da merkt man wieder, dass eine Taschenlampe doch ein nützlicher Besitz ist. Die Söhne sind begeistert, wir eher weniger. „Trocknet ja wieder“, sagt die Hausverwaltung.

Nachts spielt der Wind mit dem halb abgerissen Haus neben uns und wirbelt die aus den Betondecken ragenden Metallteile herum, dass sie scheppernd an die Wände schlagen. Er heult in den offenen Etagen, er zerrt an Abdeckplanen und schiebt sich den Schutt zu kleinen Häufchen zurecht, die er dann wieder verteilt. Wir liegen im Bett und lauschen in die Dunkelheit, der Soundtrack eines Horrorfilms ist nichts dagegen. Irgendetwas stößt gegen unser Dach und rutscht darüber hinweg, eines der zerborstenen Fenster in den Trümmern drüben schlägt in den Angeln hin und her, immer wieder. Es stürmt da draußen, Orkanwarnung für Norddeutschland. Der Wind grollt heiser an der Baustelle vorbei, er schlägt hier zu, als wäre so ein halber Abriss ein Ärgernis, das es aus dem Weg zu räumen gilt – und er gibt sich wirklich Mühe. Zwischendurch langgezogene Klagetöne, wenn der Wind in den Trümmern ein paar offene Röhren findet. „Hier spricht Edgar Wallace“, sage ich zur Herzdame, aber die sagt nichts, weil sie gerade ein paar Minuten schläft, trotz des unglaublichen Krachs. Sie hätte es wahrscheinlich eh nicht verstanden, falscher Jahrgang.

Zum Karneval in der Kita demnächst möchte Sohn I gerne als Bauarbeiter gehen, die Umwelt prägt das Bewusstsein. Wir haben eine entsprechende Latzhose bestellt, die gestern ankam. Er hat sie anprobiert, uns glücklich angestrahlt und dann sofort versucht, die Wohnzimmerwand mit seinem Spielzeugwerkzeug einzureißen. Kindheit muss Spaß machen.

Neu auf dem Nachttisch

Sachbücher kommen mir ja eher selten unter die Finger, aber manchmal ist es ja ganz nett, etwas dazuzulernen. James Hamilton-Paterson: Vom Meer – Über die Romantik von Sonnenuntergängen, die Mystik des grünen Blitzes und die dunkle Seite von Delfinen (man mag sich gar nicht vorstellen, wie lange das Marketing im Mare-Verlag für den Titel gebraucht hat – ich höre förmlich jemanden rufen „Der Delfin muss rein, Delfin läuft immer!“ Und alle so: yeah.). Das Buch wurde übersetzt von Thomas Bodmer und ist in diversen Feuilletons geradezu hymnisch besprochen worden. Es enthält Reportagen über Inseln, Fischerei, Meeresbewohner und ähnliche Themen, durchweg sehr unterhaltsam und dümmer wird man auch nicht. Die hymnische Besprechungen kann ich nicht nachvollziehen, ich würde es einfach für ein gutes Buch halten, nicht für eine Offenbarung. Aber als gutes Buch kann man es allemal empfehlen, besonders die Beiträge über Fischerei haben es in sich, bergen aber auch das Risiko, dass man seine Fischmahlzeit hinterher mit etwas anderen Augen betrachtet – oder gleich ganz ausfallen lässt.

Eine der geradezu bezaubernden Erkenntnisse aus dem Buch: Zu den erfolgreichsten Lebewesen auf diesem Planeten gehören die Quallen, die seit 500 Millionen Jahren ohne großen Änderungsbedarf an Gestalt und Bauweise durch die Weltmeere dümpeln und es, so vermutet der Autor, auch noch dann tun werden, wenn wir Menschen uns längst aus der Geschichte verabschiedet haben. Quallen können eine beträchtliche Größe erreichen, haben einen interessanten Aufbau, raffinierte Jagdmethoden und eine seltsame Art der Fortpflanzung. Was sie aber zu dem Riesenerfolg ihrer endlosen Laufbahn nicht gebraucht und daher bis heute nicht entwickelt haben: ein Gehirn. Oder auch nur ein zentrales Nervensystem. Denken Sie mal drüber nach.