Lobpreisung

Menschen ohne Kinder werden es kaum nachvollziehen können – aber es ist so eine ungeheuer wohltuende Erfahrung, wenn man nach Hunderten von schlecht bis idiotisch gereimten Bilderbüchern, deren Sprachrhythmus oft eine reine Kränkung, deren Versmaß eine Beleidigung für jeden Menschen mit Gehör und deren Wortwahl eine reine Verzweiflungstat gänzlich hilfloser Texter ist, die man nicht einmal Autoren nennen mag und denen man ein paar Tüten mit Scrabble-Steinchen hinschieben möchte, damit es beim nächsten Mal vielleicht besser gelingt, was sie sich erfrecht haben zu versuchen. Es ist so eine ungeheuerliche, befreiende und berauschende Wohltat, wenn man nach all diesem erbärmlichen Sprachschrott, mit dem Kleinkinder bis etwa drei Jahre so gerne behelligt werden, als ob Dichtung für Kleine Dichtung für Arme wäre, wenn man also endlich, endlich in Frieden zu Wilhelm Busch übergehen kann und man förmlich sieht, wie es im Nachwuchs Klick macht und ein anständiger Reim schlagartig verstanden und grinsend wiederholt wird. Weil es Spaß macht. Himmel, ist das schön. Und da wundert man sich fast gar nicht mehr, dass Sohn I zum allerersten Mal überhaupt fragt, wer das Buch geschrieben hat und dann anerkennend wiederholt: „Wilhelm Busch. Gut. Das wollen wir immer und immer wieder lesen.“

Man möchte auf der Stelle an das Grab von Wilhelm Busch fahren und, den Sohn an der Hand, ein Blümchen ablegen und leise mit Blick auf den kleinen begeisterten Nachwuchsleser zum Meister sagen: „Gucken Sie mal – noch eine Generation.“

 

36 Kommentare

  1. Ich bin hier mit der Älteren gerade bei „Emil und die Detektive“. Auch zum zehnten Mal bin ich völlig begeistert von der Geschichte. Und irgendwann machen wir eine Stadttour und versuchen, die Orte und Straßen hier in Berlin nachzulaufen.

  2. Um jedoch beim Thema zu bleiben: Der alte Busch ist ganz große Klasse. Am besten ist, man lernt die Reime als Eltern auswendig, mit Betonung und irrer Mimik. Das macht Eindruck.

  3. Ratsam ist und bleibt es immer
    Für ein junges Frauenzimmer,
    Einen Mann sich zu erwählen
    Und wo möglich zu vermählen.

    Erstens: will es so der Brauch.
    Zweitens: will man’s selber auch.
    Drittens: man bedarf der Leitung
    Und der männlichen Begleitung;

    Weil bekanntlich manche Sachen,
    Welche große Freude machen,
    Mädchen nicht allein verstehn;
    Als da ist: ins Wirtshaus gehn. –

    Freilich oft, wenn man auch möchte,
    Findet sich nicht gleich der Rechte;
    Und derweil man so allein,
    Sucht man sonst sich zu zerstreun.

  4. Und dass der Herr Busch im Prinzip den Comic im Alleingang erfunden hat (Geschwindigkeitslinien, Formverdopplung (der Pianist!!!!!)) und dass er überhauptestens ein GENIALER ZEICHNER war, UUUUND dass er es schaffte, dass die Zeichnungen, die fürs Drucken in Kirschholz geschnitten werden mussten, dabei NICHT DER GERINGSTE Schwung und nichts der Spontaneität verlorenging,

    will ich nur am Rande erwähnen.

  5. Ich habe mit meinen Kindern (jetzt 13 + 15) haufenweise Gedichte gelesen. Viele „Klassiker“. Die Kinder waren begeistert. Mit 5 Jahren konnte meine Tochter „Herrn von Ribbeck…“ komplett auswendig. Sie fand das Gedicht toll. Auch Goethe geht. Meiner Erfahrung nach lieben Kinder Gedichte. Bei uns ist es leider nicht dabei geblieben.

  6. Ja.
    Genau.
    Aber:
    Kannst du abends gar nicht schlafen
    und die Sache mit den Schafen
    funktioniert nicht mehr bei dir
    dann probier
    ein andres Tier
    (Nadia Budde)
    gibts auch

  7. Busch geht immer. Außer Hans Huckebeins Ende, das vertrug ich als Kind schlecht.
    Auch schöne Gedichte, auch für Kleine: Morgenstern und Ringelnatz natürlich, Mira Lobe und Christine Busta (Die Sternenmühle, Die Zauberin Frau Zappelzeh), Eberhart Waechter (Milchzahnlieder, Kindergedichte). Die Wort- und Satzrhythmen stimmen, keine holprigen gekünstelten Reime.

  8. Völlig richtig beobachtete, Wunderbares wie „Max und Moritz“ sticht bei alle den sonstiges Katastrophen so wunderbar hervor … vom Herrn von Ribbeck jedoch muss ich abraten, es gibt immer so unangenehme Fragen, wenn der Vorleser unverständlicherweise (fürs Kind) mehr als feuchte Augen bekommt.

  9. Hachz. Die Alten können es halt doch am besten. Weil sie die Kleinen nicht als kleingeistig wahrnehmen (oder die Gedichte nicht für sie geschrieben haben?) Wilhellm Busch ist grossartig! Und der Ribbeck, da muss ich dem Herrn Tilkov widersprechen, ist das Grösste überhaupt. Auch und vor allem gerade wenn der Vorlesende feuchte Augen kriegt. Kann man wunderbar den Tod (und was dann kommt – was auch immer, egal welcher Glaubens- oder Nicht-Glaubensfraktion man angehört) erklären. Schon zweijährigen.

  10. Auch für das Erwachsenenalter hat Busch Prägnantes ausgeheckt, was sich wunderbar als Lebensmotto eignet:
    »Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele: Freude, Schönheit der Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur. Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist´s: Reise, reise!«

  11. @Andrea Koch: Guter Versuch 😉

    Nein, wir fahren am Wochenende in mein Heimatdorf und das liegt nur ca. 30/40 km von Buschs Geburtshaus entfernt.

  12. Wenn Sie neben guten Reimen auch noch gute Musik und tolle Geschichten suchen, dann kann ich Ihnen die Geschichtenlieder von Reinhard Lakomy empfehlen: Der Traumzauberbaum; oder Der Wolkenstein. Das hört sich auch noch für Erwachsene super an.

  13. Meine Großeltern hatten den ersten der beiden Gesamtbände und nachdem ich mehr lesen konnte als Max und Moritz, habe ich mich weiter vorgewagt zur frommen Helene und immer weiter nach hinten in dem dicken Wälzer.

    Vieles habe ich damals gar nicht verstanden, ich habe über Jahre hinweg, vom sechsten Lebensjahr an, in diesem Buch geschmökert. Mit Hans Huckebein ging es mir wie Lalobe, der erhängte Rabe tat mir immer schrecklich leid.

    Seine Bilder fand ich als Kind sehr düster, habe mir aber alles genau angeschaut. Busch, Schnurre und Astrid Lindgren, die haben mich geprägt. Lustige Mischung.

    Nach dem Lesen Ihres Beitrags sehe ich jetzt auch, warum ich so empfindlich gegenüber schlechtem Versmaß bin. Danke, Herr Busch.

  14. Wilhelm Buschens Werke sind fast zeitlos; eines meiner ersten Bücher war eine Busch-Gesamtausgabe, die ich ob ihres Formats kaum tragen konnte. Er ist mir eine literarische Lebensliebe geblieben.

    „Seid mir gegrüßt, ihr edlen Frauen,
    so wunderlieblich anzuschauen !“ –
    „Wa het he seggt ???“

    Und schon gehen die fünf Furien mit ihren Besen auf den armen Reisenden los …

  15. Man muss nur aufpassen, da sind auch ein paar rassistische/antisemitische Tendenzen dabei. Also vorher nochmal kritisch durchlesen und pädagogisch wertvolle Kommentare vorbereiten und dann passt das schon 🙂

  16. Meine Kleinen lieben schon immer Balladen. Natürlich ist Goethes „Zauberlehrling“ unangefochten am beliebtesten. Kein Wunder, das ist so eingängig, dass ich das seit der 5. Klasse vor zwanzig Jahren noch immer auswendig kann.

  17. Sehr schön! Fühlte mich dazu animiert mal zu „flattern“. Hab ich jetzt auch… aber was für ein Krampf. Die Anmeldung. Und so.

  18. Ich hätt‘ mir gern das Szenario ansehen, wenn da oben statt Busch Houellebecq gestanden hätte :))

    Und „erfrechen“ ist ein tolles Wort. hihi. Man möchte sich ein Karnickel suchen, dem man den Kopf kraulen kann.

  19. In Österreich gibts die Mira Lobe… wunder-wunderschöne Bücher, wie ich finde, auch gereimt.
    Haben unserem Neffen in Deutschland eines geschenkt (das kleine ich bin ich in dem Fall), der wird dann bald vier, hat aber trotz „österreichischer“ Sprache das Buch verstanden. In Reimen, und obwohl ich es als Kind vor 20 Jahren vorgelesen bekommen habe, immer noch topaktuell wie ich finde… (Ein paar Ausdrücke vielleicht veraltet, aber im Großen und Ganzen, wie gesagt hat er es verstanden, und, wie ich glaube, auch mögen!)

    Das eine, „Die Geggis“ hier steht Altersempfehlung 5-7 Jahre, geht um die Sumpfgeggis und die Felsengeggis, die Grünen und die Roten, die sich gegenseitig verachten, obwohl sie sich gar nicht kennen, und zwei kleine neugierige Geggis versöhnen dann diese zwei Sippen.

    Das andere „Das kleine Ich-bin-Ich“, Altersempfehlung 4-5 Jahre, da geht es um ein Tier, das nicht weiß wer es ist, und nach seiner eigenen Identität sucht, und dann zuletzt draufkommt es ist das „ich-bin-ich“. Wird dann in der Pubertät wieder aktuell auch… 😉

    Und ein Gedicht von ihr, um auf den Geschmack zu kommen (obwohl das ist wohl eher für noch Kleinere, ist auch nur ein Spaßgedicht…):
    Zwei Elefanten
    die sich gut kannten,
    hatten vergessen
    ihr Frühstück zu essen!
    Da sagte der Eine: „Was ich jetzt brauch
    sind zweiundzwanzig Bananen in Bauch!“
    Da sagte der Andere: „Ich auch!“

    http://www.amazon.de/Die-Geggis-Mira-Lobe/dp/3702655840/ref=sr_1_5?ie=UTF8&qid=1299096805&sr=8-5

    http://www.amazon.de/Das-Kleine-Ich-bin-ich/dp/370264850X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1299096805&sr=8-1

    Vielleicht magst du der Mira Lobe ja eine Chance geben!
    Ich kann nur sagen, ich finde sie ganz toll, und ich glaube in Ö gibts in jedem Kindergarten das Kleine Ich-bin-Ich. Zumnindest in den guten Kindergärten 😉

  20. Ich kam durch die Verlinkung in Anke Gröners Logbuch hierher.
    Nen Tusch für Busch! Ich fand seinen Wortwitz schon als Kind wunderbar und fand es besonders schön, dass ich mit ihm den Geburtstag teile (15. April). Die Busch-Lektüre trug definitiv dazu bei, dass ich so ein wortverspieltes Wesen wurde.

    Ein Buch voller Reime und Verse, noch dazu wunderschön illustriert:

    „Oh Verzeihung, sagte die Ameise“ von Josef Guggenmos und Nikolaus Heidelbach.

    http://www.amazon.de/Oh-Verzeihung-sagte-die-Ameise/dp/340774076X/

  21. ja wunderbar als kind die bilder und der reim, als jugendlicher die anzüglichkeiten und nun im alter die lebensweisheit. dieser autor (ist eigentlich zu wenig)kann einen ein leben begleiten und bietet sowohl einem kind wenn man vorträgt – ritze ratze voller tücke in die brücke eine …
    dann werden kinderaugen groß und bei älteren semestern – er hat nun mal einen hang zum küchenpersonal – wissende glitzeraugen. tat gut die erinnerung nun bin ich gespannt auf grazia deledda (Zia Maria)

  22. Lese gerade bei der Arbeit(Kinderstation eines Fachkrankenhaus)“Der kleine Mann“ von Kästner vor, sobald ich die Worte spreche, spricht in meinem Kopf Hans Clarin und ich versuche, diese liebevolle und menschliche Art zu sprechen zu übernehmen. Und wenn zum Schluss ein Kind mich mit leuchtenden Augen anschaut und fragt:“Morgen gehts doch aber weiter, oder ?“, weiss ich, der Funke ist übergegangen.

  23. Eine schöne Preisung, in die ich aus voller Kehle einstimme! Buschs Reime habe ich geliebt, seit ich denken kann — obwohl ich immer um Witwe Boltes arme Hühner, Hans Huckebein (ausgerechnet!) und sämtliche zu Unrecht geprügelten Hunde in seinen Geschichten weinen mußte. Bis das Seelchen Hornhaut hatte.

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