Ein wenig Zauberei

Ich hätte es besser wissen können, aber man wird ja leider nicht immer aus Erfahrung klug. Manchmal weigert man sich trotzig, simple Zusammenhänge zu lernen und muss daher vom Leben immer wieder darauf hingewiesen zu werden, wie man sich zu benehmen hat. Man verhält sich im Grunde nicht anders als ein Kleinkind, nur auf etwas anderem Niveau. Ich hatte also schon gestern, als ich in diesem Eintrag hier den Satz „Ich erlebe ja nichts“ schrieb, ein seltsames Gefühl, dachte aber gar nicht daran, auf dieses Gefühl zu achten. Ich erinnerte mich nur dunkel einen Moment daran, dass ich diesen Satz vor Jahren schon einmal geschrieben hatte, das war an dem Tag, bevor ich in der Alster eine Wasserleiche fand. Aber egal, dachte ich, das war natürlich nur ein alberner Zufall damals, so etwas wiederholt sich ja nicht, das wäre nun wirklich an den Haaren herbeigezogen. Ich schrieb den Satz, ich veröffentlichte den Beitrag. Spielte mit den Kindern, machte Abendessen, diskutierte mit der Herzdame die Weltlage, brachte die Kleinen zu Bett, setzte mich an meinen Schreibtisch, machte das aktuelle Manuskript auf. Alles wie immer. Nur roch es etwas komisch in der Wohnung. Ich ging ein wenig herum, witterte in den Zimmern nach einer Erklärung, fand aber nichts. Setzte mich wieder hin, schrieb einen Satz. Dann fand ich, es roch doch irgendwie sehr verbrannt und ging noch einmal in die Küche, um nachzusehen, ob der Herd vielleicht noch an war.  Der Herd war aus, aber der Geruch schien bei genauer Prüfung vom Fenster her zu kommen. Ich machte das Fenster auf – und dann kam diese Nummer, die man aus Film und Fernsehen kennt: Die Feuerwehr anrufen, das Treppenhaus auf Rauch überprüfen, nebenbei schon einmal etwas mehr als den Schlafanzug anziehen, mit der Herzdame die beiden Kinder aus den Betten reißen, den mehr oder weniger schlafenden und ganz und gar nicht willigen Söhnen hektisch etwas Warmes anziehen – eine verblüffend schwierige Übung übrigens – , selbst nach einer Jacke greifen, ein, zwei  extrem wichtige Dinge einsammeln und schnell die Wohnung verlassen. Den Fahrstuhl ignorieren und nach unten hasten, die heranrasende Feuerwehr einweisen und gebannt nach oben sehen, wo aus der Wohnung unter unserer Rauch kommt. Ziemlich viel Rauch. Die Feuerwehr fährt Leitern aus, bricht die Wohnung auf, die Balkontür zerklirrt, Schläuche werden durch das Treppenhaus gelegt, Wasser kommt von oben, ich höre nebenbei die Rufe des Einsatzleiters mit – immerhin ist die Nachbarin nicht da, liegt also nicht mit Rauchvergiftung herum. Essen auf dem Herd gelassen, irgendetwas stand daneben, der Klassiker.  Das Feuer wird schnell gelöscht, die Fachleute sagen nach Prüfung zu unserer Erleichterung, dass wir sogar wieder in die Wohnung können. Sohn I ist kaum von der Feuerwehr zu lösen, er starrt mit offenem Mund und sichtlich angetan auf die Vorgänge, Sohn II sitzt entspannt in seinem Buggy und lächelt satt und müde vor sich hin. Die zwei einzigen extrem wichtigen Dinge, die wir spontan gerettet hatten, waren seine beiden Kuschelhasen, die er jetzt versonnen drückt, man muss eben wissen, was wirklich wichtig ist. Wir diskutieren noch etwas mit den herumstehenden Nachbarn, ich sage, das ist ja wirklich unglaublich hier, neulich der Wasserschaden, seit Wochen der Abriss nebenan, dann der Einbruch im Keller, jetzt ein Feuerchen, fehlen eigentlich nur noch Schädlinge, dann haben wir hier alles durch. Die Nachbarn lachen und schütteln den Kopf.

Heute nachmittag kam ich von der Arbeit, die Herzdame stand gerade auf dem Balkon. „Guck mal“, sagte sie, „wie süß. Ein Mäusenest. Vier Stück!“

23 Kommentare

  1. Himmel! Das ist nicht lustig.
    Wie gut, dass Du das gemerkt hast, man mag es sich wirklich nicht ausmalen. Puh!

    (Und jetzt kündigt doch mal ein paar hübsche Sachen an.)

  2. Ich hab‘ mal auf diesen skandinavischen Gefällt-mir-Button gedrückt. Was ja nicht heißen soll, dass mir die Sache gefällt. Versteht sich. Sie wissen schon.

    Und, ähh: wilde Gegend, in der Sie da wohnen.

  3. @percanta: Ankündigung nach Wunsch: Morgen Bloggeburtstag! 7 Jahre Internetschreiberei! Ihr dürft alle einen Sekt auf eigene Kosten und auf mich trinken! Voll schön, oder? Und es ist auch kein Aprilscherz.

  4. Hui, was für ein Erlebnis! Reicht ja erstmal für die nächste Zeit.
    Zum Glück ist es glimpflich ausgegangen.
    Das eigene Haus steht aber nicht mit auf der Abrissliste?

  5. Wunderbar: bei den „zwei extrem wichtigen Dingen“ kurz überlegt und gedacht: sicher Datenstick oder sowas. Dann bei der „Auflösung“ gut gelacht… wie konnte ich nur an sowas Banales denken. Vorbildliche Eltern!

  6. Danke!
    PS: Wieso Ihr in der Situation ausgerechnet den Buggy all die Treppen runterwuchtet, ist wahrscheinlich so gut durchdacht gewesen wie meine Reaktion auf mein erstes Erdbeben im Klassenraum – erstmal alle Bücher und Arbeitsmaterialien einpacken, dann 25 Kinder retten…
    Aber vielleicht hat da auch der Lektor geschlampt und eigentlich saß Sohn II bei der Herzdame auf dem Arm. Oder im Löschwasser. Oder so.

  7. 4 Mäuse. Wie niedlich. Also – viel niedlicher als zum Beispiel 4 Marder 🙂
    (Alles andere, das mit dem „Glück gehabt“ und so hab ich ja schon an anderer Stelle …)

  8. meine güte.
    aber bei zwei, drei wichtigen sachen, da würde mir so schnell auch nix einfallen. im elternhaus (reetgedeckt) stehen die versicherungspolicen in einem koffer neben der haustür. weil man ja im fall des falles auch immer durch die haustür das haus verlassen würde.

    und: lieber in der wohnung drunter als drüber..wegen des wasserschadens.

  9. Das ist Schorsch, das gibts nur hier! Ein hoch auf Ihre feine Nase und funktionierendes Bauchgefühl. Und gut das nichts schlimmeres passiert ist. Und alle heile. Eigentlich habt ihr doch jetzt alles durch, oder?

    Lieben Gruß vom Ende der LR, hier brennts ja auch ständig (ja ständig!), und so, nur die Mäuse fehlen noch, unser Haus steht noch, aber die Knochen tun weh weil es dauern zittert. Gestern bis 20.30 Uhr.

    Solidarischen Gruß vom anderen Ende!

  10. Ach du liebe Zeit! Damit habt ihr hoffentlich euer Pensum an unerwünschten Zwischenfällen für die nächsten 73 Jahre durch.

    (Alles Gute zum Bloggeburtstag!)

  11. Herrje! Hoffen wir, dass der Zauber auch in die andere Richtung wirkt und die Schädlinge die letzte Aufregung waren. Immerhin: Hätte die Wohnung über Ihnen gebrannt, hätten Sie den Wasserschaden gleich ein zweites Mal zu Gast. Das ist doch mal Glück im Unglück.

    Herzlichen Glückwunsch außerdem zum Bloggeburtstag.

  12. @percanta: Der Buggy war sehr wichtig! Wer will denn gleich 2 schlafende Kinder tragen? Und wer weiß, wie lange man bei so einem Feuer nicht in seine Wohnung kann? Und so hat man ein Bett gleich dabei, auch wenn man stundenlang im Schlafanzug durch die Gegend geistert. Und außerdem wirklich hektisch war nur der Mann…..

    @Christian: Ich wollte Dir eigentlich noch geschrieben haben, dass es doch nur Mäuse waren. Jetzt kam mein Kerl mir zuvor. Ja, Gott sei Dank nur 4 niedliche Mäuse.

    @Chemser: Auf jeden Fall ist Umzug eine Option…. Wenn wir eine brauchbare, bezahlbare 4-Zimmer-Wohnung in St. Georg finden. Und bezahlbar und St. Georg schließen sich eigentlich quasi aus.

  13. Wie geht doch gleich dieser chinesische Fluch? „Mögest du in interessanten Zeiten leben…“

  14. Glückwunsch zum Bloggeburtstag! Darauf reiß ich glatt ’ne Flasche badischen Winzersekt auf. Cheers!

  15. Liebe Buddenbohms.
    Definiert doch bitte bezahlbar – und nötige Größe.
    Eventuell passt das ja irgendwann mit einer Wohnung in der RS – den Häusern zwischen Koppelkindergarten und Realschule?
    Oder man hört noch anderes – da ich vielleicht noch ein paar andere Menschen vom anderen Ende des Dorfes kenne.
    Kurz-Meldung auch im 6erBüro des 1.OG innerhalb der bekannten flokati-sierten Räumlichkeiten am Kanal möglich.

  16. Da kommt mir doch folgendes Zitat in den Sinn:

    „Whatever other perils humanity may face in the future that lies ahead, boredom is not among them.“
    (Arthur C. Clarke)

    Ich mag ja gelegentliche Langeweile – in Maßen genossen durchaus bekömmlich und inspirierend, wenn der Kopf mal halbwegs leer ist und eigentlich nichts passiert…dann spielen meine Gedanken Pingpong im leeren Kopf, was rauskommt, kann so belanglos wie spannend sein. 😉

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