Fastenzeit

Sieben Wochen ohne, das habe ich immer für eine absurde Idee gehalten. Bis ich merkte, dass mir kein Anzug mehr passte und ich eine lange Konferenz mit eingezogenem Bauch überstehen musste. Den Abdruck der Gürtelschnalle konnte man lange sehen, ein rotes Mahnmal des allzu nahrhaften Alltags. Na gut, essen wir eben sieben Woche keine Schokolade. Alles andere schon, nur keine Schokolade, das kann man sicherlich schaffen. Der erste Tag ist gar kein Problem, der zweite geht ganz leicht, der dritte Tag ist ein Kinderspiel, wo ist denn eigentlich die Herausforderung?  Das kann jeder, das ist überhaupt nicht schwer. Am vierten Tag fahren wir nach Helgoland. Durchatmen in bester Luft, Spaziergänge auf dem Oberland, Sonne und Wind, man fühlt sich gleich gesünder und besser durchlüftet. Endlich den Rücken gerade machen und durchatmen. Plötzlich passt viel mehr Luft in mich hinein, ich spüre es bei jedem Atemzug.  Allerdings werde ich das seltsame Gefühl nicht los, dass auch mehr Essen in mich hineinpasst. Auf dem Weg zurück zum Hotel kommen wir an der zollfreien Einkaufsmeile vorbei und eine innere Stimme sagt ganz deutlich zu mir: „Los, kauf mir 500 Gramm Toblerone. Jetzt.“

Ich bleibe vor dem Laden stehen, in dem sich die Schokolade in großen Paketen im Schaufenster stapelt, und plötzlich weiß ich, dass ein Leben ohne Schokolade sinnlos ist. Wie aber erkläre ich das der Herzdame, die das Fasten sicher länger durchhält als ich? Ich sage ihr einfach die Wahrheit, beschließe ich, nämlich dass ich eine innere Stimme gehört hätte und kurz in den Laden müsse, um eine Kleinigkeit zu besorgen. Es sei quasi eine göttliche Eingebung. Soll sie mich für verrückt halten, das ist mir egal, das tut sie eh seit Jahren, darauf kommt es jetzt nicht mehr an. Ich kann jetzt nicht diskutieren, ich muss in den Laden, mein Leben hängt davon ab, ich spüre es deutlich. Ich lege mir die Worte zurecht und erkläre die Lage.

Die Herzdame fragt, wieso ich ihre klare Anweisung als meine innere Stimme bezeichnen würde, und ob ich bald mal starten könne, sie würde es sonst nicht mehr lange aushalten.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

Gute Nacht

(Hamburg Sankt Georg, Hansaplatz. Ein paar Meter neben dem Straßenstrich, in letzter Zeit bekannt für Menschenhandel und Zwangsprostitution mit Frauen aus Südosteuropa .)

Danke

Und auf Helgoland waren wir dann mit einem Schwarm seltsamer Schnapsdrosseln mit der besten Blogger-Reisegruppe,die sich nur denken lässt, in einem absolut sehenswerten Hotel, dem für den Sonderpreis noch einmal ausdrücklich zu danken ist. Und ich danke Gruppe, Insel und Hotel einfach mit diesem Herz, gefunden auf dem noch geschlossenen Minigolfplatz der Insel, auf dem freundlicherweise ein herrenloser Ball im Gebüsch lag, so dass Sohn I mit seinem roten Kinderspaten als Schläger verblüffend ambitioniert ordentlich was einlochen konnte, nach dem Sohn II die Bahnen getrocknet hatte, in dem er ausdauernd durch die Pfützen robbte. Und das war dann auch noch super, wie eigentlich alles. Sagt Sohn I, der immer und immer wieder nach Helgoland möchte. Und das Kind hat Recht.

Mehr zu der Reise auch drüben bei Isa und bei Little Jamie [nicht mehr] und bei Sven und bei Extramittel..

Reif für die Insel

Ein Ausflug nach Helgoland, kurz mal raus, das soll ja gut tun. Theoretisch. Praktisch haben wir zwei Kinder und kein Auto dabei, auf Helgoland gibt es nämlich gar keine Autos. Das Gepäck für alle vier Buddenbohms muss also in zwei Rucksäcke passen, was in etwa so einfach ist, wie zehn Kästen Bier in eine Hotelminibar zu stapeln, um es einmal besonders nachvollziehbar auszudrücken. Die Herzdame türmt Berge von Kleidung vor sich aufs Bett, für alle Eventualitäten. Ich sage ihr, dass es nur um zwei Nächte geht, nicht um sieben Wochen, sie murmelt, was da alles passieren kann. Regen! Sturm! Frost! Sonnenbrand!  Monsterwellen! Verschüttetes Sonstwas! Kinder brauchen immer alles für alle Fälle. Ich stapel die Kleiderberge in einen Rucksack, drücke mit aller Kraft darauf herum und sage okay, aber wir, wir können dann ja umso weniger mit nehmen. Eine Jeans, ein dicker Pullover, Unterwäsche, Zahnbürste, fertig. Zack, ganz einfach. Sie sagt ja, aber wenn! Dann hebt sie eine Hand, wahrscheinlich möchte sie an den Fingern Unwägbarkeiten aufzählen. Ich hasse es, wenn Menschen mir an den Fingern etwas vorzählen wollen. Ich sage Schluss, in meinem Alter gibt es kein wenn mehr, ich springe nicht in Pfützen oder beklecker mich mit irgendwas. Ich reiße mir keine Hosen an Dornen kaputt, ich lasse keine Schokolade auf meinen Hemden schmelzen und ich reibe auch keine Bonbons in meine Jacken oder meine Haare. Und bei Regen stelle ich mich unter. Die Herzdame sieht mich skeptisch an. Gut, sagt sie dann, machen wir es also minimalistisch. Sie geht an ihren Schrank und holt für sich nur drei Hosen heraus, nur fünf Pullover, nur drei Paar Schuhe, dazu nur ein Paar Gummistiefel und nur ein paar ganz wenige Jacken, nur gerade so für alle denkbaren Temperaturszenarien auf der nördlichen Halbkugel. Zwischendurch fragt sie, ob ich denn eigentlich unterwegs immer den schwereren Rucksack tragen würde, so als Mann. Ich sage selbstverständlich, aber bei Überlastung müsse ich dann leider unterwegs gelegentlich Ballast abwerfen, wie ein Heißluftballon, ich käme ja sonst nicht vorwärts. Sie sagt, ich sei ein erlesen garstiger Mensch und andere Männer, richtige Männer  würden ihre Frau auf Händen durchs Leben  tragen. Ich frage sie, was ich denn noch alles tragen soll. Sie guckt pikiert.

Ich weiß nicht, wieso man sagt, Reisen seien Fluchten aus dem Alltag. Mich befördern sie nur immer tiefer hinein.