Ein kleiner Moment

Das Kinderturnen ist vorbei, das Licht in der Turnhalle geht aus. Die ersten Kleinen sind schon wieder umgezogen und entfliehen den entnervten Müttern, die noch fluchend in der Umkleidekabine sitzen und wirr durcheinanderfliegende Kleidungsstücke zu entwirren versuchen, ausgelaufene Saftflaschen wieder verschließen, Kekskrümel auflesen und Kinderwagen bepacken oder Babys wickeln.  Die angezogenen Kinder rennen ungeduldig zur Tür, sie wollen jetzt raus, sofort. Sie drücken mit vereinten Kräften dagegen, die Tür fliegt krachend auf, ein wilder Pulk stürmt kreischend und lachend die paar Stufen runter auf den Schulhof, ein Knäuel  wirbelnder Kleinkinder mit offenen Jacken, nicht gebundenen Schnürsenkeln und sehr schief aufgesetzten Mützen. Abrupt bleiben sie alle vor dem Kirschbaum stehen, der schlagartig  aufgeblüht ist und in voller Pracht da steht, eine unerwartete Frühlingsorgie in sattem Rosa. Die Kinder stehen für eine Sekunde mit offenem Mund, dann rennen sie zum Baum. Ohne jede erkennbare Absprache zerfällt der Kinderhaufen spontan in zwei Teile. Die Mädchen pflücken Blüten von den Zweigen, stecken sie sich ins Haar, bestaunen sich kichernd, drehen sich voreinander um und säuseln in den höchsten Tönen, man versteht Begriffe  wie etwa „Prinzessin“ „Zauberschmuck“ und „Schön“ und „Wunderwunderschön“.

Die Jungs haben den Baum gar nicht erreicht, sie sind vorher bei dem großen, eisernen Mülleimer stehengeblieben, der neben der Kirsche an das Schulhofgeländer gekettet ist. Sie treten den Eimer johlend um, rasseln mit der Kette, suchen im verstreuten Inhalt nach essbaren Resten, treten Verpackungen über den Hof und bewerfen sich schreiend mit angenagten Äpfeln. Man versteht Begriffe wie „Abschießen“, Beute“ und „Kanonen“ und „Piraten“.

10 Kommentare

  1. Aber wenn irgendwo aus den Tiefen der Umkleidekabinen das wohlbekannte typische Ploppen ertönt, das beim Öffnen einer Tupperbox entsteht, dann stehen ALLE parat und wollen ALLE nur das eine: Apfelschnitze, Salzstangen, Dinkelkekse (oder was da sonst so drin ist).
    Wetten?!

  2. 30 Jahre Barbie, Lilyfee, Monsterfiguren und Ballerspiele haben ihre Zielgruppen erreicht, klarer Fall. Denn in den Achtzigern konnte man noch Mädchen in blauen Latzhosen herumtoben sehen und so manch kleiner Junge mit langen Locken wäre auch sofort zum Kirschbaum gelaufen.
    Genetische Unterschiede, pah!

  3. Großartig…so ist es…!
    Dazu paßt:
    In diesem Winter der 1. Schnee, Tochter:“Oh, wie schön Mama … sacht fallen die Flocken!“. Sohn:“BOAH ,… Schneeballschlacht !“
    Noch Fragen?

  4. @Paula

    nun stellt sich die Frage, was war oder ist ein natürliches Verhalten von Mädchen und Jungs? oder sagen wir der Mehrheit von Mädchen und Jungs?

    Während heute auf der Webseite http://www.gender-mainstreaming.net des Bundesministeriums für Familie etc. steht:
    „Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.“
    gab es in den 80er eine „Genderdiskussion“ die oft daran orientiert war „warum können Jungs nicht so sein wie Mädchen“. Und frau hat versucht Jungs zu Mädchen zu machen.

    Gott sei Dank haben sich damals, wie heute auch eine Menge Kinder dagegen gewehrt einem Klischee oder einem Erziehungswahn zu enstprechen. Und so sehe ich auch heute Mädchen, die toben und im Dreck wühlen und Jungs die sich an Kirschblüten freuen. Ja, und es gibt welche, die beides können.
    Unser Sohn hat mich an einem Morgen mit seiner Freude an den toll blühenden Bäumen überrascht, obwohl er sonst wohl eher zu den „typischen Jungs“ zählt.
    Trotzallem müsste ich unseren Sohn verbiegen um ihn geschlechstneutral zu schaffen. Seine Gene sind eindeutig „Junge“ und so soll er bleiben, weil er so ist.
    Und ich bin froh, dass sich so langsam ein Genderbegriff herauskristallisiert, der die Unterschiede zulässt und doch die Gleichberechtigung als Basis hat.

  5. Hach, immmer wieder schön, solche Momentaufnahmen zu lesen, besonders, wenn sie von Ihnen stammen! Danke!

    So etwas ganz Ähnliches hat auch Dylan Thomas geschrieben, als er die Träume der kleinen Jungen und Mädchen in „Under Milk Wood“/“Unter dem Milchwald“ erzählerisch ausmalte:
    „Young girls lie bedded soft or glide in their dreams, with rings and trousseaux, bridesmaided by glowworms down the aisles of the organplaying wood.
    The boys are dreaming wicked or of the bucking ranches of the night and the jollyrodgered sea.“
    Leider steht mir die deutsche Übersetzung nicht zur Verfügung, aber im Grunde geht es um die Mädchen auf ihrer Traumhochzeit und die Jungen auf hoher See.
    Unterm Strich: Sie können sich bereits mit literarischen Größen messen! 😉

  6. Als alleinerziehende Mädchen-Mami und (auch mehr Mädchen-Designerin) bewege ich mich ja sehr auf der weiblichen Seite und kann nicht wirklich mitreden – habe aber natürlich erstmal schallend gelacht!

    Und sonst frage ich mich auch mal wieder warum is´ das oft so? Gestern auf NDR 2 die Frage: Wann ist ein Mann ein Mann und auch diese Antworten waren nicht wirklich befriedigend!
    Zitat: „Wenn es in seinem Ausweis steht“ (von einem Mann) oder „Ein Mann kann ruhig ein Typ sein und Ecken und Kanten haben“ (auch von einem Mann glaube ich) und Frauen müssen dann immer rund sein? Ein Frau sagte: „Männer dürfen auch mal weinen und soft sein“ (In welchem Jahrhundert lebten wir nochmal?) Schei** Klischees, aber auch „im Kleinen“ scheint es ja oft zu passen!

    In diesem Sinne LG, Nicola

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