An Sommerabenden zu lesen

Früher hat man sich im Sommer draußen getroffen, und man hat gar nichts dabei gegessen. Oder man hat ein Picknick gemacht oder Käsebrote gegessen, das war  in meiner Kindheit und Jugend ganz normal. Wenn man heute im Sommer draußen ist und ein zweiter Mensch kommt dazu, dann wird zwanghaft gegrillt. Immer. Schönes Wetter, zwei oder mehr Menschen – Holzkohle! Billigfleisch! Ein soziales Erlebnis unter freiem Himmel ohne schwarz verbranntes Fleisch ist praktisch nicht mehr denkbar. Fleisch minderster Qualität wird solange erhitzt, bis es eine finstere, krebserregende Kruste hat, dann wird es mit Unmengen von Saucen gegessen, Saucen aus Zutaten, die man lieber niemals lesen möchte. Das kann man gerne mal machen, es gibt aber überhaupt keinen Grund, das pausenlos zu machen, den ganzen Sommer lang, an jedem freien Abend. Grillen wird, man muss es endlich einmal laut sagen, geradezu dramatisch überschätzt und wenn man sieht, in welchem Ausmaß an Sommerabenden die Aluschalen der Einweggrills durch die Natur fliegen, dann möchte meinen, die ganze Nation habe einen veritablen Grillklaps. Man geht durch die rauchenden Reste der Fleischverbrennung, man möchte den Menschen zurufen, mehr Brote zu essen, denn das geht einfacher, schmeckt besser und ist billiger, aber egal. Die Welt wird nicht besser, wenn man älter wird, soviel steht fest, sie wird nur anders. Wenn es so weitergeht, werden wir uns in wenigen Jahren komplett von Grillfleisch ernähren, die Feuer werden durchgehend brennen und die Saucen wird man an Tankstellen zapfen können. Meine Enkel werden mich fragen, was ich früher abends ohne Grillfeuer gemacht habe. Ich werde in ein Museum gehen, auf alte Tupperdosen zeigen und ihnen sagen: „Guckt mal – da waren die Brote drin.“

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostseee-Zeitung.

17 Kommentare

  1. Wie wahr, wie wahr!
    Besonders störend für mich als Nicht-oder nur ganz selten gezwungenermaßen-Griller ist der beißende Rauch, der sich über der ganzen Stadt auszubreiten scheint, wenn alles, was Beine hat, auf den Wiesen am Fluss und im Park diesem Ritual nachkommt.
    Da lob ich mir Ihren bestechend kühnen Blick auf dieses Naturschauspiel, Herr Buddenbohm!!

  2. Der Tiergarten in Berlin kann nach Wochenenden mit schönem Wetter wahre Grillorgien-Reste-Wehklagearien singen, da ja auch niemand in der Lage zu sein scheint, die Abfälle von dem Angeschleppten wieder mit nach Haus zu nehmen.
    Dort allerdings konnte ich beobachten, dass die deutsche Nation um Längen von der türkischen Nation geschlagen wird – die erobern dort eindeutig den Grillpokal – aber wahrscheinlich nur deswegen, weil sie nicht so wohlhabend sind, um in ihren eigenen Gärten zu grillen.

  3. Als Sartre sagte „l’enfer c’est les autres“ (die Hölle, das sind die anderen) dachte er sicher nicht an stets brennende Grillfeuer, aber im hier beschriebenen Zusammenhang ergibt das aber durchaus Sinn…

  4. Womit schon gleich das nächste Problem benannt und der nächste Nagel auf den Kopf getroffen wäre.
    Brot mit Gurkenscheiben schmeckt sowieso besser. Oder Radieschen oder Tomaten oder Salat oder Kresse oder …

  5. Unerhoert, dass viele Leute grillen… Man sollte Individualismus erzwingen… Einfach zu machen was alle machen ist boese, egal ob mans gern macht! 😉

  6. für mich gibt es eigentlich nur 2 Gründe zum Grillen:
    1) es ist Silvester
    2) es müsste mal wieder regnen (klappt diese Saison aber auch nicht)

  7. Also der Hass hier auf gemütliche Grillabende macht mich doch ratlos. Wieso diese Abneigung?
    Weil es stinkt? Okay das lässt sich wohl nicht vermeiden. Aber es stinken genüngend Dinge im Leben. Weil es Fleisch ist? Also es gibt doch sicher in euren Lieblingsökoläden irgendwelche Tofugrillsachen. Außerdem ist es mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass man genügend Gemüse auf den Grill schmeißen kann. Brot schmeckt besser? Wieso schmeckt Brot (gegrillt!) oder als Beilage zum Grillen nicht gut? Die Menschenmassen nerven mich? Ja dann würde ich doch einfach nicht in der Stadt wohnen, sondern aufs Dorf ziehen. Grillen ist ein Hype? Nein. Schon die Höhlenmenschen haben gegrillt. Um zu überleben!

  8. Prima, wenn die Höhlenmenschen ein Maßstab sind, dann kann man ja auch wieder mit Speeren nach vorbeistromernden und potentiell gefährlichen Säugetieren werfen. Die elegante Lösung für das Hundekotproblem!

  9. „Grillen wird, man muss es endlich einmal laut sagen, geradezu dramatisch überschätzt“

    JAAA!!! Danke!!!

  10. wunderbare Beschreibung – nur vielleicht ein wenig absolut.
    Ab und zu grille ich auch gerne. Der Wok, draußen auf einem chinesichen Gasbrenner ist auch eine schöne Alternative. Bei dem Gasbrenner weiß ich nur nicht, wie der nach Deutschland kommen konnte. Es ist immer ein wenig Nervenkitzel dabei, wie beim Grillanzünden mit Spiritus. Aber es gibt nichts besseres, dieser Brenner mit einem echten, nicht rostfreien, wahrscheinlich handghämmerten Blechwok…

    @Herr Buddenbohm
    Haben Sie „Wir Ertrunkenen“ von Carsten Jensen gelesen. Der Satz „Die Welt wird nicht besser, wenn man älter wird, soviel steht fest, sie wird nur anders.“ erinnert mich ein wenig an die Gedanken in der Mitte dieses Buchs.

  11. wunderbar – erinnerte mich an 1968 als wir in ein reihenhaus in münchen zogen. ehepaar um die 25zig eine tochter 2-3jahre alt und wir grillten! damit mischten wir die ganzen alten knaker bzw. knakerinnen auf die am lauen sommerabend alle fenster offen und auf der terasse den abend genossen. ein schrei meiner ansonsten ganz lieben übernächsten nachbarin ist mir wieder in erinnerung: fenster zu der junge grillt scho wieda! ja nach einigen Grillsommer wurde aus dem gourmand – glouton ein gourmet und nun genieße ich auch ein schönes stück brot – grille selbst nicht mehr und wenn ich gast bin halte ich mich an die beilagen

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