Aufrüstung, Abrüstung

Es ist früh am Morgen, die Söhne stolpern kreischend aus dem Fahrstuhl und stürmen aus der Haustür. Hüte fliegen in die Luft, Rucksäcke baumeln an nur einem Riemen, Jacken hängen auf Halbmast an schmalen Schultern, lose Schnürsenkel künden von Eile. Die Sonne scheint, die Büsche um den Spielplatz funkeln noch regennass vom letzten nächtlichen Guss in blendendem Grün, die Amseln toben schimpfend durchs tropfende Laub, ein Mops auf Morgenrunde wendet sich indigniert von den Krachvögeln ab, sein Herrchen ebenso.

 Ein neuer Tag voller Abenteuer liegt vor den beiden Jungs. Sohn I sammelt Stöcke auf, einen sehr langen und einen sehr kurzen, also einen für sich und einen für den kleinen Bruder. Er drückt Sohn II das wichtige Accessoire, ohne das man als Junge besser nicht aus dem Haus geht, in die Hand, sieht sich zufrieden um und stellt fest: „Okay, wir haben ein Laserschwert und eine Pistole…“ Sohn II nickt begeistert, schwenkt seinen Stock und sagt: „…tole.“ Er wiederholt gerne die letzten Silben von allem, was der große Bruder sagt. „Ein Laserschwert und eine Pistole“, wiederholt Sohn I und wirft mir einen prüfenden Blick zu: „Und sonst haben wir ja auch noch Papa. Jetzt aber los.“ „Jessabalos“, sagt Sohn II. Und dann rennen sie schreiend los und sehen nach, ob hinter der nächsten Ecke nicht vielleicht ein Monster lauert.

Mit anderen Worten, wir gehen jetzt endlich ohne Buggy zum Kindergarten. Nach drei Jahren zum ersten Mal wieder ohne Gefährt unterwegs. Ich fühle mich wie entwaffnet. Und versuche mich zu erinnern, wie Einkaufen ohne Kinderwagen geht. Wohin mit dem ganzen Zeug?

9 Kommentare

  1. … kenn ich!!! Allerdings hatten wir inzwischen auch schon mehrere Buggy-Rückfälle, seien Sie also lieber drauf gefasst! 🙂

  2. Ich kann mich noch so gut an den Tag erinnern, an dem ich Vormittags das erste mal seit Jahren OHNE Kinder im Supermarkt einkaufen war!

    Die ganze Zeit über fühlte ich mich so seltsam nackt, hatte das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben.
    Ähnlich dem Gefühl, wenn man immer seine Armbanduhr trägt und sie dann einmal vergisst…

    Ausserdem musste ich mir eingestehen, dass ich mich teilweise hinter dem Tumult meiner Rabauken immer ganz gut versteckt hatte. Eigenartig war er, dieser erste Alleingang ohne Kinder!

    Aber hey, im Grunde sind diese kleine Fortschritte so so super! Und befreiend! Und winzige kleine Schritte zur Unabhängigkeit!

    Und noch zweimal Blinzeln, dann wollen sie in die erste eigene Bude ziehen – Himmel!

    Liebe Grüße – ich finde Ihren Blog großartig und MUSS immer alles lesen, egal, wie wenig Zeit ich manchmal habe…

    Papagena

  3. Ganz ehrlich? Ich habe einige Zeit danach geschleppt. Da ich nicht oft ein Auto zur Verfügung habe und für 4 Leute einkaufen muss, habe ich mir so einen „wunderbaren“ Einkaufsrolly besorgt. Früher hätte ich lieber gehungert als mit so was einkaufen zu gehen, aber mein Rücken sagt immer wieder danke. Und so ziehe ich zielstrebig den Rolly Samstags durch die überfüllte Kölner Innenstadt und ärgere Touristen. 🙂

  4. Wohin mit dem ganzen Zeug? Also, für mich liest sich das so, als hätten Sie doch ohnehin Superkräfte – zumindest aus Sicht Ihrer Söhne.
    Ich zitiere nur: „Wir haben ein Laserschwert und eine Pistole. Und sonst haben wir ja auch noch Papa.“ Papa, die Wunderwaffe, die erst NACH dem Laserschwert eingesetzt wird… Was sind dann schon die paar Jacken, Rucksäcke, Einkäufe etc.? 😉

    aber mir kommt die Situation sehr, sehr bekannt vor – und richtig spaßig wirds erst, wenn jemand unbedingt sofort die Saftflasche aus dem Rucksack möchte und das große Kramen losgeht samt „Wohin mit dem ganzen Zeug?“

    Lassen Sie es doch einfach ganz lässig durch die Luft schweben. Die Macht dazu haben Sie gewiss. Fragen Sie mal Ihre Kinder!

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