Das neurotische Pferd im Fahrstuhl

Der Leser mit breiter Allgemeinbildung erinnert sich vermutlich an die Geschichte vom neurotischen Pferd. Nachzulesen, wenn ich mich recht erinnere, irgendwo bei Paul Watzlawick. Für diejenigen, die den Text nicht kennen, fasse ich ganz kurz zusammen: Wenn man einem Pferd, das auf einem Metalldings steht, einen Stromschlag an einem Huf verabreicht, kurz nachdem man eine Glocke geläutet hat, wird es unweigerlich bald den Huf heben, wann immer es eine Glocke hört. Wenn es den Huf hebt, tut ihm nichts weh, alles ganz einfach, wie so oft im Leben. Den Stromschlag kann man dann selbstverständlich bald weglassen, das klappt sehr schnell ganz von allein, man braucht nur eine Glocke. Natürlich wird das Pferd auf diese Art niemals merken, dass es den Stromschlag gar nicht mehr gibt, sein Ausweg des Hufhebens hält es davon ab, überhaupt zu merken, dass es längst gar kein Problem mit Stromschlägen mehr hat.  Eine feine Geschichte, die sehr elegant Dressur mit Neurosen verbindet, kann man mal in Ruhe drüber nachdenken, sie ist wirklich sehr erhellend, aber darum geht es jetzt gar nicht. Ich erzähle das hier sozusagen nur rein zufällig.

Es geht eigentlich darum, dass unser Fahrstuhl kaputt ist. Er bleibt gerne mal irgendwo kurz hängen oder startet einfach nicht, nachdem sich die Türen geschlossen haben. Man steht dumm darin herum und wartet. Nach einer Weile bewegt er sich dann vielleicht doch, es erscheint unkalkulierbar, die Maschine hat ein seltsames Eigenleben. Die Menschen hier im Haus haben nun diverse Lösungen ersonnen, um den stockenden Fahrstuhl wieder anzuwerfen. Ein Nachbar geht, wenn der Fahrstuhl hängt, ganz nach vorne an die Tür und hüpft dort dreimal auf und ab, er sagt, der Fahrstuhl ginge dann wieder. Ein anderer geht ebenfalls zur Tür, wedelt aber mit der Hand am oberen Rand herum. Er sagt, der Fahrstuhl ginge dann wieder, wenn man das immer so machen würde. Sohn I haut energisch gegen die Tür, wenn der Fahrstuhl stockt. Er erklärt nicht, warum er das so macht, er guckt nur wissend. Sohn II sagt grollend „Fahrstuhl aua“ und hebt drohend seine frisch verletzte Hand mit beeindruckenden Quetschungen, die ihm die Fahrstuhltür vor ein paar Tagen erst abbeißen wollte. Die Herzdame tritt wenig ladylike in Kniehöhe gegen die Tür, sie sagt, der Fahrstuhl ginge dann wieder, wenn man das so machen würde. Ein anderer Nachbar drückt den „Tür auf“-Knopf und geht einmal aus dem Fahrstuhl heraus und gleich wieder hinein, er tut das ganz selbstverständlich, als wäre das eine logische, alltägliche Maßnahme. Dabei sind das natürlich alles komplett sinnlose Tricks aus dem neurotischen oder abgergläubigen Spektrum der menschlichen Psyche, ganz als ob es den Geist der Aufklärung niemals gegeben hätte. Unser Hausmeister lacht über diese Maßnahmen, wahrscheinlich tut er das aber nur, um davon abzulenken, dass er insgeheim zu den Handwedlern gehört. Letztlich sind alle diese Maßnahmen unsinnig, der Fahrstuhl geht irgendwann wieder, zuverlässig nach etwa zwanzig Sekunden, vollkommen unbeeindruckt von den diversen Kunststückchen der Insassen. Der Mensch ist aber geradezu besessen von dem Gedanken,  irgendetwas Sinnvolles tun zu müssen, er muss die Sachen im Griff haben, er muss Lösungen kennen und schlau gucken, während er die richtigen Handgriffe macht. Der Mensch ist seltsam, aber der Mensch reibt ja auch Münzen an Automaten, wenn sie nicht passen wollen, oder piekt Eier an, bevor er sie kocht. Beides ist wissenschaftlich gesehen reiner Unfug, aber wen interessiert es. Das Gefühl der Kompetenz ist einfach zu schön, wir würden sehr viel dafür tun.

Ich sehe mir an, was die Menschen im Fahrstuhl so veranstalten, ich denke mir meinen Teil, ich lächle und sage nichts. Ich könnte ihnen sowieso nicht verständlich machen, dass alles sinnlos ist. Als denkender Mensch ist man manchmal leider ziemlich alleine. Und ich werde bestimmt nicht weitergeben, was doch vollkommen klar ist, dass man nämlich ganz gewiss keinen Ärger im Fahrstuhl hat, wenn man bei jedem dritten Vollmond eine tote Katze über die linke Schulter wirft. Da sollen die mal schön selbst drauf kommen. Ich fahre solange vollkommen unbehelligt auf und ab.


 

Wochenende

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.

Wider den Kulturpessimismus

Ich: „Na, mein Sohn, wollen wir morgen nach dem Kindergarten mal was ganz Tolles machen?“
Sohn I: „Oh ja, super, gehen wir in einen Bücherladen?“

Gute Fahrt

Ich  fahre nicht oft mit dem Auto, ich wohne  mitten in der Stadt und kann alles zu Fuß erreichen. Daher tanke ich auch nicht oft. Anscheinend tanke ich sogar noch seltener als ich dachte, denn als ich jetzt einmal wieder an einer Tankstelle hielt, habe ich nicht mehr gewusst, was ich tanken sollte. Neulich hieß das Zeug da noch Normal, Super oder Diesel, jetzt standen da fünf Bezeichnungen, die eher nach Waschmittel klangen. Kryptische Buchstaben mit englischen Blähwörtern verziert. „Was davon mag jetzt Super sein?“ fragte ich meine Frau und zeigte auf die Zauberwörter. „Keine Ahnung“, sagte sie, „ich frag mal.“ Der Mann in der Tankstelle wusste es auch nicht, er hatte keine Ahnung, was er da eigentlich verkaufte und musste erst seinen Kollegen fragen. Der konnte uns immerhin sagen, welche Bezeichnung dem alten Super entsprach. In etwa. Was ist das für ein ungeheuerlicher Blödsinn? Wenn das Bäckereien auch so machen würden, das normale Schnittbrötchen würde ab morgen „Super Wheat 2000+“ heißen, der Bienenstich „Bee power extra sweet“ und die Erdbeertorte womöglich „Strawberry Full Sugar Fun P77“. Würden Sie das einfach bestellen? Oder würden Sie den Bäcker freundlich fragen, ob er noch ganz bei Trost ist? Würden Sie womöglich einen Laden weitergehen, wo Sie noch Brötchen sagen dürften und auch eines bekämen? Doch, das würden Sie wahrscheinlich tun, nehme ich an. Aber vielleicht gehören Sie ja auch zu den Typen, die glauben, so ein Super Wheat 2000 würde sich bestimmt schneller verdauen lassen als das dumme alte Brötchen. Irgendetwas muss ja dran sein, am Fortschritt, was?

Ich habe vor lauter Verblüffung über die Bezeichnungen jedenfalls ganz vergessen, auf den Preis zu achten. Dann ist wohl doch alles richtig gelaufen.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.