Klare Antworten

Sohn II war mit der Herzdame im Zoo, und das wurde auch Zeit. Immerhin ist er gerade in der spannenden Phase der Sprachexplosion, sein Wortschatz wird jeden Tag sprunghaft größer und größer, da muss man das Tier zum Wort auch einmal live und in Farbe vorführen, damit er den Tiger nicht nur mit einer zahnlosen Plüschvariante in Verbindung bringt. In diesem Alter müssen Kinder sehr viel sehen, viel wahrnehmen, viel vorgelesen bekommen und viel zuhören. „Brauche Input“, wie Nummer 5 gesagt hätte, der eine oder andere wird sich vielleicht noch an den Film erinnern. Wenn man nach einem erlebnisreichen Tag mit etwa zweijährigen Kleinen spricht, ahnt man jetzt die Anfänge von ganzen Sätzen, die Morgenröte der Grammatik. Von der simplen Reihung zur geschickten Verkettung, es ist immer wieder ein Wunder. Durch verständnisvolles Fragen kann man natürlich ein wenig nachhelfen, man kann dem Kind auf die Sprünge helfen und die Erfahrungen des Tages am Abend in übenden Gesprächen wiederholen, damit sich das Neue verfestigt. Man nimmt sich also dafür den Sohn auf Augenhöhe und fragt ihn zum Beispiel, welche Tiere er im Zoo denn so gesehen habe. Dann perlt es in der Regel nur so aus dem Kind heraus, ein heiteres Bruchstückwort nach dem anderen, Krodil und Gifaffe, Tiga und Fant. Fant groß und laut! Da war schon ein halber Satz. Man hört zu, man spricht leise die korrekten Bezeichnungen, das Kind staunt, hört zu und lernt. Überaus beeindruckend. Zumindest in der Theorie.

„Welche Tiere hast du denn heute im Zoo gesehen?“ frage ich Sohn II, der vor dem Schlafengehen auf meinem Schoß sitzt. Er sieht mich an und schüttelt energisch den Kopf, anscheinend sind ihm in Hagenbecks Tierpark gar keine Tiere aufgefallen. Die stehen ja auch sehr diskret in den Gehegen herum. „Na sag schon, was für Tiere gab es da? Du hast doch welche gesehen? Erzähl mir mal. Gab es Löwen?“ In dem Alter darf man noch vorsagen, man will ja niemanden überfordern. Der Sohn denkt einen Augenblick nach, dann springt er kurzentschlossen von meinem Schoß und geht in sein Zimmer. Ich höre ihn eifrig in Kisten kramen, seine Lust auf ein abendliches Gespräch scheint sich in Grenzen zu halten, er will wohl doch lieber spielen. Aber er kommt nach einer Weile wieder heraus, er hat beide Hände voll und schwer zu tragen. Er legt seine Fracht ab, holt aus und wirft mir wortlos, aber bemerkenswert gezielt, alle Hartgummitiere aus seiner großen Sammlung an den Kopf, die er im Zoo gesehen hat. Bis hin zum fetten Stegosaurus, der im Hamburger Zoo tatsächlich als Skulptur herumsteht. Faszinierend. Dann nickt er nach dem letzten Wurf abschließend, dreht sich um und geht schweigend wieder ins Kinderzimmer.

Erinnern Sie sich noch an diese unsägliche Grafik vom Sender-Empfängermodell, mit der wahrscheinlich mittlerweile die meisten Menschen im Laufe ihrer Karriere von Trainern, Coaches, Psychologen oder Consultants mehrfach verfolgt und gequält worden sind? An die gestrichelte Linie zwischen Sender und Empfänger? Wenn Sie wieder einmal im beruflichen Umfeld auf diese Grafik treffen, es dauert ja in der Regel nur bis zum einem Wechsel der Managementmode, deuten Sie die gestrichelte Linie einfach als Wurfbahn. Sie haben bestimmt ein interessantes Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten vor sich.


 

Klar zum Entern

Die Söhne haben bald Geburtstag, die Söhne werden zwei und vier Jahre alt. Zwischen den Geburtstagen der Söhne liegen nur zwei Tage, also dachten wir uns, die feiern wir am besten gleich zusammen. Wer mag schon so kurz aufeinanderfolgend Kindergeburtstag spielen, das hält ja keiner aus. Dann lieber einmal in etwas größer und fertig. Mittlerweile wissen wir, dass wir ein wahnwitziges Monster-Event planen. Die Freundinnen und Freunde der Söhne haben alle kleine oder große Geschwister, die wie Pattex an ihnen kleben und daher auch mitkommen, es werden Heerscharen von Kindern kommen, von deren Eltern ganz zu schweigen. Allein die Gästeliste zusammenzustellen erforderte bereits mehr Verhandlungen als die Gründung der vereinten Nationen, aber nun sind die Söhne mit uns einer Meinung. Zumindest jetzt gerade, in dieser Minute. Für mehr kann ich nicht garantieren, es kann in Sekunden wieder Tränen geben. Es wird eine Piratenparty, in diesem Jahr sind alle Kindergeburtstage Piratenpartys, auch da gibt es Moden. Die kleinen Helden werden sämtlich schwer bewaffnet kommen, ihre Gespielinnen alle als schmuckbehangene Prinzessinnen, um etwas Glamour und schrille Hysterie in die dumpfe Räuberhöhle der rauen, raufsüchtigen Kerle zu bringen. Bereits im Vorwege wurde uns mitgeteilt, wer wen bei der Party womit verhauen wird, welche Prinzessin von wem entführt werden wird und nach welchen obskuren Gesichtspunkten der obligatorische Schatz und auch die Sitzplätze und der Kuchen verteilt werden. Es wird nicht einfach werden, aber wir werden es schaffen. Wir sind Eltern, wir können das.

Hat man eigentlich je versucht, komplexe Krisen wie etwa den Nahostkonflikt durch ein Team aus Eltern und Kindergärtnerinnen zu lösen? Einen Versuch wäre es allemal wert.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.