Vielen Dank für die Blumen

Sohn I ist alt genug, um immer öfter selbständig etwas zu kaufen. Er ist fast vier, also kann er im Laden sagen, was er haben will, er kann Geld geben, Wechselgeld annehmen und Ware einstecken.  Es dauert natürlich wegen seiner geringen Größe manchmal eine Weile, bis er sich bemerkbar machen kann, aber für ein Kind, das sonst oft eher schüchtern ist, kommt er in Geschäften bemerkenswert gut zurecht. Heute hat er im Bahnhof Blumen gekauft. Selbst draußen ausgesucht, selbst in den Laden getragen, selbst der Verkäuferin hingehalten und mit Geld gewedelt. Auf Nachfrage der entzückten Dame sagte er wahrheitsgemäß: „Für Mama“. Für wen auch sonst. Die Verkäuferin schenkte ihm aus lauter Begeisterung über den superniedlichen Kunden zwei große Rosen extra. Da alle Blumen zusammen nun etwas zu viel waren, um sie noch gut tragen zu können, schenkte Sohn I eine der Extrarosen großmütig seinem kleinen Bruder, der ihm dafür wiederum ein Buch schenkte, dass er selbst gerade erst geschenkt bekommen hatte. Ich habe dem Sohn dann ein Eis ausgegeben, denn er hatte den Einkauf wirklich gut gemacht, so etwas muss auch einmal gewürdigt werden.  Und er hat tatsächlich nichts für sich gekauft, nur für die Mutter. Wirklich beachtlich. Sohn I wollte dann plötzlich zum Portugiesen, bei dem ich sehr oft Kaffee trinke. Dort schenkte er zielstrebig der attraktivsten der Kellnerinnen seine verbleibende Extrarose. Schob die Blume mit einem denkwürdigen Augenaufschlag wortlos aber in eindeutiger Absicht über den Tresen, wofür ihm die Kellnerin, kurz bevor sie vor Rührung zerfloss, zwei Lollis schenkte. Einen der Lollis schenkte er wieder seinem Bruder, der ihm dafür eine Feder aus seinem Hut gab, er trägt ungerne Hut, ohne eine Feder daran zu haben, insofern hat er immer Tauschware dabei. Sohn I hatte jetzt ein Eis, ein Buch, einen Lolli und eine lange Elsterfeder, alles nur, weil er zwei Frauen Blumen geschenkt hat. „Wir wollen jetzt öfter Blumen kaufen“, sagte er zu mir, während er sorgsam seine Schätze sortierte.

Falls Sie zu den Frauen gehören, deren Männer noch Blumen mitbringen: Vielleicht haben die Gatten in der Kindheit einfach nur die richtigen Erfahrungen gemacht?



 

Zwei Teile – für immer?

Der Fall der Mauer ist so lange her, dass man gar nicht mehr weiß, wie viele Jahre es eigentlich sind. Mehr als zwanzig, hätten Sie das gedacht? Im Büro arbeiten neben mir Menschen aus Mecklenburg, wir haben nie über die Herkunft gesprochen, das ist gar nicht mehr so interessant. Die deutsche Teilung ist längst kein Alltagsthema mehr für die Menschen meiner Generation. Aber wie mag es den Jüngeren gehen? Den Menschen, die keine innerdeutsche Grenze mitbekommen haben? Welches Deutschlandbild haben die eigentlich im Kopf? Praktischerweise kann ich Sohn I fragen, der ist fast 4 Jahre alt und sehr, sehr auskunftsfreudig. Ich habe ihn also nach Deutschland gefragt, und er hat sofort zurückgefragt: „Welches?“ Oh, habe ich gedacht, jetzt wird es aber sehr erstaunlich. Dann haben wir lange geredet. Jetzt weiß ich, dass er tatsächlich zwei deutsche Länder im Kopf hat. Eines entspricht etwa der Gegend um Lübeck und Hamburg, es ist das Land, in dem er aufwächst. Das zweite deutsche Land ist ganz anders, schon baulich. Die Leute reden dort anders, die Landschaft sieht anders aus, es ist begrenzter und viel kleiner. Er findet dieses andere Deutschland aber ganz sympathisch, er war auch schon ein paar Mal da. Das eine, Sie werden es gleich ganz logisch finden, ist Festlanddeutschland, das andere ist Helgoland. Beide sind deutsch, aber doch getrennt und irgendwie ganz anders. Man kann nur mit Schwierigkeiten von dem einen in den anderen Teil reisen und schon wegen der Robben auf der Insel wäre es wirklich schön, wenn endlich zusammen finden würde, was doch zusammen gehört, und Helgoland wieder mit dem Festland verbunden wäre, so dass man schneller da wäre.

Die Überwindung dieser Teilung könnte zwar baulich etwas herausfordernd werden, aber egal – jede Generation braucht ihre Aufgabe! Wir haben unseren Teil erfüllt, jetzt sind die Nächsten dran. Sollen sie mal machen.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.