Lebe wild und gefährlich

Als ich etwa achtzehn Jahre alt war, trug ich eine Weile grün gefärbte Haare, um besonders revolutionär, nonkonformistisch und wild auszusehen. Bloß nicht in der Masse untergehen, um Himmel willen nicht wie andere sein. Ich ließ mir Ohrlöcher stechen und trank im Bus Bier aus Dosen. Ich hörte laute Musik aus Cassettenrekordern, die ich auf der Schulter herumtrug. Ich lungerte in Fußgängerzonen herum, zusammen mit den ganzen anderen jungen wilden Individualisten, die alle genau so aussahen, wie ich und die gleiche Musik hörten. Ich erkläre meinen staunenden Lehrern die Vorzüge der Anarchie, ich hing nächtelang auf Partys herum und ernährte mich von Tiefkühlpizza. Das war alles in allem recht anstrengend, aber das musste so sein, viele werden das kennen. Was hat man damals alles veranstaltet, nur um irgendwie aufzufallen! In der Rückschau hat man ein wenig Mitleid mit sich selbst, wenn man etwa ein Foto aus der Jugendzeit sieht. Dieser provokant sein sollende Blick, der heute nach simplem Kinderschmollen aussieht. Diese wilde Pose, die heute einfach albern wirkt. Schlimm.

Ich hatte gerade Geburtstag. Die Kollegen in meinem Alter haben alle grau melierte Schläfen. Wir tragen alle recht ähnliche Anzüge, wir kaufen die Hemden im gleichen Laden. Wir haben Frau und Kinder, demnächst brauchen wir eine Lesebrille. Wir machen ähnliche Arbeit. Und doch bin ich immer noch der wilde Abweichler, der Revoluzzer vom Dienst. Ich muss beim Smalltalk vor einem Meeting nur gelassen auf eine Kleinigkeit hinweisen, die mich aus der Masse heraushebt: „Nein, Kollegen, ich golfe immer noch nicht.“ Und ihre staunend erhobenen Augenbrauen bestätigen mich in dem schönen Gedanken: Ich bin immer noch eine coole Sau. Es war nie leichter als heute.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.



10 Kommentare

  1. Coole Antworten wären gewesen „Triathlon? Was ist das?“ oder „Meine Frau ist 10 Jahre älter als ich“ oder „Ich habe mein Motorrad gerade verkauft.“ Von den Anzügen, die ich kenne (Konzern, unteres bis mittleres Management) spielt keiner Golf. Spacken gibt’s in allen Sportarten. genauso wie coole Socken. Und billige Vorurteile auch.

  2. Genau – Kassettenrekorder auf der Schulter und ab durch den Ort – hab ich auch gemacht. Slade und T-Rex, volle Möhre. Und nach einer halben Stunde fing die Musik an zu leiern, weil die Batterien nachließen.

    Oma flehte mich regelmäßig an, mich unauffälliger zu benehmen, weil ihr in unserem Pipidörfchen immer wieder von Nachbarinnen zugetragen wurde, wo man mich nu wieder gesehen hatte. Die Arme hat viel mitgemacht mit mir, als ich pubertierte. Großartigerweise hat das ihrer Liebe zu mir keinen Abbruch getan.

  3. Bei einem Familienausflug an den Timmendorfer Strand blieb mein damals 3jähriger Sohn vor einem Schaukasten stehen, in dem sich der Golfplatz präsentierte. Auf der anderen Seite des Schaukastens stand ein älteres Ehepaar und interessierte sich sichtlich dafür.

    Mein Sohn fragte mich recht laut was das denn sei und ich antwortete ihm „Golf“. Und dann gab er mir die beste Vorlage die ein Sohn seinem Vater in diesem Moment geben kann. Er fragte mich „wann macht man das?“ und ich antwortete absichtlich laut „wenn man keinen Sex mehr hat“ und zwinkerte dem älter Paar zu.

    Hach, was war ich cool 😉

  4. Ich bedauerte immer dass ich in meiner Jugend nie richtig den Mut dazu hatte mich auffällig zu individualisieren. Wenn ich das hier so lese, meine ich, ich sollte diese Einstellung jetzt mal überdenken.
    Zwischenzeitlich bin ich aber total individualisiert, das war aber sicher der letzte Grund für meinen Klostereintritt!

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