Noch eine Lesung in Hamburg

Und was für eine. Eine Veranstaltung speziell für die Weihnachts-Anthologie bei Rowohlt.  Mit Regula Venske, Dietmar Bittrich, Stevan Paul und mir. Alles dazu steht diesmal drüben, bei Stevan Paul.  Durchlesen und Platz reservieren! Das wird super.

Viertel vor November

Man kann die Füße nach außen stellen, so dass man ein wenig an Charlie Chaplin erinnert, und dann einfach losgehen, dabei schiebt man dann besonders viel vor sich her. Man kann aber auch sehr schnell sein, fast rennen und dann mit den Füßen irrsinnige Schlenker machen, so dass es eher an Monthy Python’s Ministry of silly walks erinnert. Man kann beide Hände nehmen, die Arme weit ausbreiten und alles nach oben werfen, was man nur greifen kann, bei der richtigen Beleuchtung steht man dann in einem Regen goldenen Flitters. Man kann mit einer Harke alles von links nach rechts bewegen, von hinten nach vorne und zurück, man kann das so machen, dass es nach einem enormen, wenn auch vollkommen sinnlosen Anfall von Fleiß und Leistung aussieht. Man kann Berge auftürmen und sich dann, wenn sie nach langer Arbeit endlich hoch genug sind, hineinwerfen und darin versinken. Man kann kleine Kinder in einem wilden Wirbel verschwinden lassen, dass man nur noch ihr Lachen hört, aber nichts mehr von ihnen sieht. Man kann ein wenig warten, bis der Wind zum Tanz bittet und dann einfach zusehen, wie sich alles dreht und verweht. Man kann und soll die Kinder zwischendurch beruhigend darauf hinweisen, dass im nächsten Jahr neueBlätter nachwachsen, denn auch die ganz Kleinen merken schon, dass der Herbst eigentlich eine ernste Sache ist.

Ganz egal was man macht – immer führt es einen zu der Erkenntnis, dass die Laubberge im Herbst eigentlich Grund genug sind, irgendwann Kinder zu bekommen.


 

Kleine Anpassungen

Wenn man lange Zeit viel am Schreibtisch arbeitet und sich sehr wenig bewegt, seine Ernährung dabei aber nicht umstellt, kann dies zu einer Erhöhung des Körpergewichts führen. Ich kann diese These eindrucksvoll belegen. Und natürlich ist es mehr als zweifelhaft, ob ich in der Lage sein werde, die Kilos wieder loszuwerden, zumal es gerade Winter wird und jedes Gramm wärmt, da unterscheidet sich der Mensch nicht von Seelöwen. Das tut er übrigens auch figürlich nicht, sagt die Herzdame, sieht mich an und schüttelt den Kopf. Ich ignoriere das souverän, ich kam vom Schreibtisch eben nicht weg, das Geld muss nun einmal verdient werden. Ich nehme sozusagen im Auftrag der Familie zu, wenn ich es recht bedenke. Allerdings passen mir leider viele Sachen nicht mehr und ich beschließe daher, alles was knapp sitzt, klemmt und kneift endlich auszusortieren. Was soll ich mich noch weiter quälen, es ist doch eigentlich albern, dieses dauernde Baucheinziehen, Gerademachen und Durchstrecken, ich bin keine zwanzig mehr und muss noch Eindruck schinden. Bauch rein, Brust raus, das soll die Jugend machen, der steht es auch. Ich probiere reihenweise Hemden und Hosen an, Jacken und Mäntel, darunter Exemplare, die ich seit Jahren nicht in der Hand hatte. Den Schrank aufzuräumen hat etwas von Archäologie, man findet Dinge aus längst vergangenen Stilepochen und nicht alle würde man aus heutiger Sicht noch als Hochkultur bezeichnen. Ich sage nur Hawaihemd. Ich werfe alles auf einen Haufen, was nicht mehr passt. Ich mache kurzen Prozess. Ich habe es satt, mich noch zu verstellen, ich stehe ab sofort zu meiner, nun ja, Winterfigur. Ich bin gründlich bei der Auswahl. Alles, was auch nur ein wenig zwickt, fliegt raus, es fühlt sich sehr befreiend an. Ich trage ab sofort nur noch bequem.

Allerdings ist es jetzt ein ziemlich großer Schrank, nur für den einen Bademantel.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

Flucht ins Märchenland

Während ich meinen Staatsbürgerpflichten lustlos genüge und versuche, die Wirtschaftsnachrichten noch halbwegs zu verstehen, kommt Sohn I an meinem Schreibtisch vorbei und fragt, warum ich so stöhne. Ich sage ihm, dass irgendwelche Rating-Agenturen jetzt anscheinend Frankreich herabstufen wollen und dass mir die Nachrichten insgesamt auf den Wecker gehen. Der Sohn fragt nicht nach, ihm reicht noch die Erfahrung von gestern, als er seinen Vater gefragt hat, was eigentlich eine Bank ist und der ihn daraufhin des längeren eher wirr zugetextet hat und irgendwann plötzlich aufhörte, um hektisch etwas googeln zu gehen. Nein, Sohn I hält mir heute stattdessen ein Märchenbuch hin und ich greife dankbar zu. Ich kann beim besten Willen keine Wirtschaftsnachrichten mehr sehen, da tauche ich doch lieber ein in eine Welt, in der es noch um etwas geht, um gefräßige Wölfe etwa, um der Königin ihr Töchterlein oder auch um verbrannte Hexen, das ist doch etwas Reelles, zumindest im Vergleich zur Finanzkrise. Ich lese das Märchen vom Rumpelstilzchen. Sohn II kommt auch dazu, vier Kinderaugen sehen mich gebannt an. Das ist so wie es sein soll, das ist wie es immer war, ein Erzähler und verzauberte Zuhörer, für einen Moment genieße ich den alten Text und die Situation. Das hier, das ist die Wirklichkeit. Die Irrsinnssummen aber, die irgendwelche Staaten irgendwelchen anderen Staaten schulden, die sie wiederum Banken schulden, deren Bürgschaften dann die Staaten übernehmen, die sind doch eher Phantasiegebilde.

Ich lese also in Frieden von der Müllerstochter, die Stroh zu Gold spinnt, übrigens eine vergleichsweise anständige Möglichkeit zu Geld zu kommen, wie mir scheint. Anständiger als die Wetten gegen Währungen, sollte man meinen. Ich lese, bis ich zu der Stelle komme, wo die Tochter der Müllerin dem gierigen König in der zweiten Nacht schon wieder Gold produzieren soll, denn, so steht es da in dem Buch: „Sein Königreich war stark verschuldet und seine Schatzkammern waren leer.“ Ich stocke und lese den Satz dann noch einmal, die Söhne sehen mich irritiert an. Das gibt es doch nicht, denke ich, seit achtzehnhundertirgendwas kommen Wirtschaftsmeldungen in Märchen vor und die Staaten waren damals schon amtlich pleite? Kann es denn wirklich sein? Die Gebrüder Grimm als Vorläufer von Reuters? Ich rappel den Rest des Märchens hinunter bis sich das Rumpelstilzchen endlich mitten entzwei reißt und die anderen Figuren in Frieden weiterleben. Die Söhne sinken programmgemäß in die Kissen, ich gehe zurück zum Schreibtisch und lese den Grimmschen Originaltext in allen verfügbaren Quellen online und im Bücherregal nach. Kein Wort von Schulden, in keiner Ausgabe. Der König giert nach Gold, mehr steht da nirgendwo. Wir haben die anscheinend einzige Ausgabe der alten Märchen, in denen Staatsschulden vorkommen. Gedruckt in Jugoslawien, steht hinten drin, es hätte misstrauisch stimmen können.

Ich mache die Seite der FAZ im Browser wieder auf und lese tapfer im Wirtschaftsteil weiter. Es gibt für mich sowieso kein Entkommen.