Voll stolz

Die Herzdame bildet sich gerade pädagogisch weiter und ich möchte dem Publikum nicht vorenthalten, mit welchen Perlen der Weisheit sie gelegentlich von diesen Veranstaltungen nach Hause kommt. Gestern Abend ging es im Elternkurs zum Beispiel um den Unterschied zwischen Lob und Ermutigung.

Man soll nicht so viel loben, sondern viel mehr ermutigen, übrigens auch die Partner, nicht nur die Kinder. Bei den Ehemännern sagt man dann also nicht mehr „Toll, dass Du gestaubsaugt hast, Du bist doch der Beste!“, sondern man formuliert korrekt: „Ich sehe, Du hast gerade gestaubsaugt. Bestimmt bist Du jetzt sehr stolz auf Dich.“

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der ehelichen Anwendung.

Normal

Ich bringe die Söhne ins Bett. Ich sitze auf der Bettkante, ein Kind links von mir, ein Kind rechts von mir. Die Kinder sind weit über der Zeit und quengelig, ich möchte eigentlich dringend meine Ruhe haben. Sohn I möchte aber noch mit mir reden, und Sohn II möchte das auch, zumindest wenn er nicht gerade mit seiner Puppe spricht, der er sehr viel vom Tag erzählen muss. Sie reden also beide auf mich ein, zeitgleich und über verschiedene Themen. Die Sätze der beiden Jungs treffen sich in meinem Kopf und ergeben ein seltsames Ganzes, in dem es um Entchen, Tannenbäume, Rentiere, Bananen und Kuhställe geht. Und um Bärte, die man später mal haben kann. Und um Piraten, man darf um Gottes willen nie die Piraten vergessen. Ich werfe links und rechts gelegentlich ein paar Antworten ein, währenddessen lese ich in der Mitte Kempowski und beantworte nebenbei noch die Fragen der Herzdame, die gerade die Wohnung aufräumt und mich nach dem Verbleib von irgendwelchen Dingen fragt. Dabei streichel ich links ein Bein und rechts einen Bauch, während ich mit den Füssen die abgelegte Wäsche der Kinder vom Bettrand Richtung Tür schiebe, um sie später in die Waschmaschine zu werfen. Da in den endlosen Redeströmen beider Söhne regelmäßig das Wort „Lied“ vorkam, fange ich irgendwann noch an „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen.

Und Ihr glaubt es sei Multitasking, wenn Ihr Powerpoint und den Browser gleichzeitig aufhabt.

Klare Ansagen

Sohn II: “Papa, Du Chef?”
Ich: “Ja, mein Sohn, ich bin hier der Chef.”
Sohn II: “Chef raus. Alles alleine.”

Vorratshaltung

Man soll Kinder nicht anlügen, das kann man in jedem Erziehungsratgeber nachlesen, so etwas tut man nicht. Wenn die Söhne mich im überaus geschickt vorgetäuschten Zustand der nahenden Entkräftung mit schwacher Stimme fragen, ob irgendwo etwas Süßes im Hause sei, dann empfiehlt es sich nicht, die Schokoladenvorräte zu leugnen, schon gar nicht, wenn die Söhne nur einen Schrank aufmachen müssen, um die ganze Pracht triumphierend selbst zu finden. Dann ist die Glaubwürdigkeit des Vaters erst einmal dahin und es dauert Wochen, wenn nicht sogar Monate, bevor man wieder in Ruhe und erfolgreich flunkern kann. Da man aber gelegentlich nicht umhin kann, gewisse Vorräte für Partys, Adventssonntage oder Weihnachten zu horten, muss das Problem der fragenden Kinder irgendwie anders gelöst werden. Mit etwas Nachdenken kommt man darauf, dass die Lösung zu diesem Problem nur im Verstecken liegen kann. Man stapelt alles an einem sicherem Ort, an den die Kinder nicht ankommen und sagt, wenn sie irgendwann nach Süßigkeiten fragen, nur lächelnd: „Seht doch einfach selber nach.“ Die Kinder öffnen alle ihnen bekannten Schränke, finden nichts und begnügen sich dann erwartungsgemäß leise knurrend mit der vorher raffiniert bereitgestellten Rohkost. Erziehung ist so einfach und macht Spaß. Man kann der Gier, der Zuckersucht und dem Beutehunger so leicht entgegenwirken, mir ist ganz unverständlich, warum nicht alle Eltern meine Methode benutzen. Sie klappt einwandfrei.

Es gibt nur zwei Nachteile bei der Methode. Einer liegt darin, dass ich selbst sehr wohl weiß, wo ich die Schokolade versteckt habe. Der andere Nachteil ist, dass ich noch gieriger als die Kinder bin. Obwohl das irgendwie auch wieder ein Vorteil ist. Denn sollten die Jungs das Versteck doch einmal finden, wird das gar nichts ausmachen – es wird sehr wahrscheinlich sowieso nichts mehr drin sein.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

November

Im nordostwestfälischen Heimatdorf der Herzdame hing der Nebel in den letzten Tagen so wattedick über den Feldern, dass man mit Besuch schon gar nicht mehr gerechnet hat. „Wie seid ihr denn hergekommen“, fragt die Uroma erstaunt, als wir bei ihr in der Küche stehen, wo sie gerade Eintopf kocht. Wir haben von Nebel gar nichts gemerkt. Wir sind durch das Sonnenloch der Woche gefahren, Norddeutschland unter einem altgoldenen Laubteppich, ein unwirklich schönes Licht auf den abgeernteten Äckern, die taufeucht am späten Nachmittag glitzern. Die Sonne hinter dünnen Schleiern, ein ungeheurer roter Ball, der schnell fällt. Sohn II weint im Auto, weil ihm neuerdings schlecht wird beim Fahren. Sohn I weint, weil er krank ist, Fieber und Halsschmerzen. Er weint auch weil es dunkel wird, weil die Sonne weg ist, weil er nicht mehr rauskann, weil er jetzt draußen die Mühlen im Dunkeln nicht sehen kann, die fremden Mühlen nicht und die von Großtante Ilse auch nicht. Er ist jetzt so alt, dass er das Fieber merkt, bisher hatte es ihm nie etwas ausgemacht. Jetzt haut es ihn auf einmal komplett um, das kennt er noch gar nicht. Wir zählen auf, worauf er sich in Nordostwestfalen freuen kann, auf die Großeltern, die Urgroßeltern, den Hund, die Katzen, das Baumhaus, die Kühe bei Bauer Westermann und dass wir alle vier wieder in einem Bett schlafen werden. Er nickt bemüht. Im Dorf kommt uns Oma im Auto entgegen, sie fuhr zum Tierarzt, erfahren wir dann später. Eine der Katzen ist kurz vor unserer Ankunft überfahren worden, da war nichts mehr zu machen. Die tote Katze liegt im Kofferraum. Tote Katzen sind Sondermüll, die Entsorgung kostet extra, es ist billiger, sie im Garten zu vergraben, erzählt sie. Das wusste ich auch nicht. Aber natürlich müssen Katzen sowieso im Garten beerdigt werden, was denn sonst. Sohn I ist farblich von Milch nicht mehr zu unterscheiden, er fragt vorsichtig nach, ob die Katze richtig tot ist, also so ganz richtig. Ja. Er hat 39 Fieber, er gehört ins Bett. Er zählt beim Ausziehen murmelnd auf, wer noch alles gestorben ist, der alte Hund von Oma, der andere Hund der anderen Oma, und Jesus auch, nicht wahr? Ja.

Wir bringen die Kinder ins Bett, das ist nicht ganz einfach. Sohn II will weiterspielen und ist bester Laune, Sohn I ist wehleidig und wirft in der Phantasie alles zusammen, was elend und traurig ist, in seinen heiser geflüsterten Monologen geht es um Tod und Unglück. Endlich haben wir die beiden Söhne durch gemeinsames Absingen von „Der Mond ist aufgegangen“ ausreichend sediert, vier Augen fallen allmählich zu. Da schreckt Sohn I noch einmal hoch und will wissen, wieso wir „eitel arme Sünder“ sind, wie es in dem Lied heißt. Ich versuche zu erklären. Menschen machen alle einmal Fehler, es gibt keine perfekten Menschen. Im Grunde ist es eine beruhigende Erkenntnis, wir taugen alle nichts. Ich drücke es natürlich freundlicher und kindgemäß aus. Sohn I sagt, dass er das jetzt verstanden hat und endlich schlafen will. Ja.

Am nächsten Morgen ist das Fieber noch höher, Sohn I kämpft sich dennoch in seine Jacke und will kurz raus, um zuzusehen, wie Oma das Loch für die Katze gräbt. Das ist gar nicht so einfach, hier ein Loch zu graben. Tonschichten im Boden, Wurzeln  im Boden, Steine im Boden. Oma gräbt verbissen. Sohn I hängt kraftlos wie eine Lumpenpuppe über dem Zaun neben dem Loch und sieht zu. Ich hole die tote Katze aus der Garage, Sohn I möchte sie noch einmal sehen. „Blut“, sagt er beeindruckt. Es ist nur ein kleiner Tropfen auf dem Fell, wir halten das Tier so, dass er die eigentlichen Verletzungen gar nicht sieht. Wir legen sie ins Loch, sie sieht aus, als würde sie schlafen. Sohn I sieht aus wie durchsichtig. Sohn II singt fröhlich „Alle meine Entchen.“ Ich frage Sohn I, ob er nicht lieber wieder ins Bett möchte? Ja.

Am Nachmittag fahre ich mit ihm einkaufen, mit vier Jahren kann man noch nicht den ganzen Tag im Bett liegenbleiben, das ist dann doch zu langweilig. Einkaufen muntert auf, denke ich, Einkaufen macht Spaß. Ich mache kurz das Autoradio an, wir wollen Musik hören. Ein Sprecher sagt gerade  „…die Häuser wurden im Krieg zerstört…“ Ich schalte weiter, aber zu spät. Sohn I will jetzt sofort Krieg erklärt haben, warum man das macht und wer das macht und wann hier zuletzt einer war und wo genau und ob ich dabei war oder Oma vielleicht und wer alles dabei gestorben ist. Und wo genau die Bomben auf die Häuser gefallen sind, denn davon hat er auch schon einmal gehört, weiß der Kuckuck, wo das war. Ich hole tief Luft. „Kannst du mir das erklären?“ fragt der Sohn. Ja.

Über den Feldern zieht sich der Nebel zusammen, grauschwarz kommt uns der Abend  auf der Landstraße entgegen. Es ist November. „Es wird immer früher dunkel“, sagt der Sohn. Das hat er im Kindergarten gelernt, im Winter ist nur ganz wenig vom Tag übrig. „Und irgendwann wird es dann aber wieder heller, oder? Papa? Stimmt doch?“

Ja.

(Der November-Eintrag im letzten Jahr war auch nicht viel lustiger. Siehe hier.)