Hallamati 2011

Die Kinder sitzen mit glühenden Wangen im Kindergarten, schneiden, falten, malen und kleben und gestalten mit großer Mühe und Hingabe die eigene Laterne. Die Zunge zwischen den Zähnen, alle Finger voller Klebstoff, Glitzer im Gesicht und Farbflecken überall, so arbeiten sie für den großen Tag. Den Tag des heiligen Martins, der den Lesern hier vielleicht noch als Hallamati bekannt ist, wie Sohn I ihn früher zu nennen pflegte. Diese Vorfreude auf den Lauf durch das abendliche Dunkel! Die freudige Erwartung, die eigene, unter großen Mühen verfertigte Laterne endlich neben den hundert anderen leuchten zu sehen! Soweit die Theorie. Die Praxis entnehme man bitte meinem morgendlichen Dialog mit Sohn I:

Ich: „Na, habt ihr denn auch schon eure Laternen fertig gebastelt? Morgen ist es ja soweit!“

Sohn I: „Weiß nicht.“

Ich: „Wie, weiß nicht? Ich denk ihr baut seit Tagen dauernd an den Funzeln rum?“

Sohn I: „Weiß nicht. Da wird so viel gebastelt, im  Kindergarten, da hab ich ganz den Überblick verloren. Man klebt ja dauernd irgendwas zusammen.“

 

Hier übrigens die Hallamati-Einträge 2009 und 2010.

 

 

 

15 Kommentare

  1. Ich habe mich gerade über Ihre Links amüsiert, in dem Sie anmerkten, daß Sie als Kind Katholiken nur vom Hörensagen kannten. Mir ging es ähnlich, für mich war das Laternelaufen ein zutiefst lutherischer Brauch. Ich habe mal den Eintrag aus Wikipedia verlinkt. Anmerken möchte ich, daß wir nur zwei Lieder sangen, nämlich „Ein feste Burg“ und „Martinus Luther war ein Christ“. Ich sehe, daß bei W. die zweite Strophe weichgespült wurde, wir sangen als Kinder die hard-core-Version;

    Und als geworden er ein Christ (!!)
    ward er ein helles Licht,
    ihm halfen Zwingli und Calvin,
    der gleichen Ehre wert.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Martinisingen

  2. Ich glaube, Sohn I ist total unterfordert und angeödet von der ganzen Bastelei. Vielleicht sollte er gleich in die 3. Klasse gehen, erscheint mir am Sinnvollsten.

  3. Ich denke gerne an die Zeit mit echten Kerzen zurück. Bei uns steht der Lauf noch an und ich kann mir schon die Blicke vorstellen, wenn man keinen Leuchtstab sondern Wachs mit Docht mitbringt.

  4. Erinnert mich fatal an den 4-jährigen der mal im Brustton der Überzeugung zu mir sagte: „Wir sind so, wir Männer!“

  5. Zu diesem Fest fällt mir ein, dass unser jüngerer Sohn wohl den hl. Martin früher kennen lernte als bunte Schokolinsen und uns immer mal wieder um leckere Sanktmartins anbettelte. Hach.

  6. Und ich hab schon beim Titel sofort gewusst, worum es sich handelt !!! Ich glaube, ich bin im Laufe der Jahre ein Buddenbohm-Groupie geworden. 🙂

  7. Pingback: Der Bettler « Ansichten aus dem Millionendorf
  8. Die kulturelle Beliebigkeit, mehr noch: Verwahrlosung von Martinszügen wird von Vorkommnissen in Hamburg-Winterhude dieser Tage weiter unterstrichen.

    Vor einigen Tagen strich ein Martinszug unte meinem Fenster vorbei, dessen Kapelle (kein Witz, sondern triste Wahrheit) unter anderem „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (Drafi Deutscher) intonierte (und weitere Schlager).

    Ich hielt das für ein Versehen oder eine Kapriole. Pustekuchen.

    Heute erneut ein Martinszug, in derselben Straße – die vorneweg laufende Kapelle dudelte (erneut kein Witz, und noch trister) „Dixieland“. (Kein Wort gelogen, leider alles wahr, alles in HH-Winterhude.)

    Demnächst: „Martins Parade“ für Erstklässler und „Kids“ mit den aktuellen Hits der 80er, 90er und der 2000er.

  9. @Swen
    Wir haben unseren „Lauf“ schon hinter uns, und ehrlich, ich wünschte mir die „Zeit mit echten Kerzen“ sehnlichst zurück.

    Meine Aufgabe beim „Lauf“ war es die Kinder dem Heiligen Mann auf dem hohen Ross und der Kapelle auf Abstand zu halten.

    Dieses wäre mit echten Kerzen sehr viel leichter gewesen. Spätestens dann, wenn die erste Laterne zur Fackel geworden wäre, wäre das Drängen, Drücken, Schubsen weniger geworden und die lieben Kleinen wären, mit starrem Blick auf die eigene Laterne nach recht und links, hinten und vorne schützend vielleicht sogar in ruhigen Zweierreihen zum Weckmann gelangt.

    Im nächsten Jahr werde ich im Vorfeld – natürlich aus Gründen der Romantik – den Vorschlag machen, echte Kerzen vorzuschreiben. Da die Feuerwehr so und so vor Ort ist, sollte auch nicht schlimmes passieren.

  10. @Papi: Die Jungs hier haben auch gemerkt, dass man sich die Laternen prima über den Schädel ziehen kann, wenn sie brennen. Verbeulen zwar, brennen aber weiter. Mit Kerzen wäre das nicht passiert!

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