Nur zur Klarstellung

Ich fasse es noch einmal zusammen, damit wir es auch richtig verstanden haben. Wir nehmen also einen Monat und beschließen, dass alle Firmen darin nahezu zeitgleich riesige Feste mit allen Mitarbeitern veranstalten müssen, auch dann, wenn es sich um gigantische Konzerne handelt. Wir beschließen ferner, dass wir alle, wirklich alle Verwandten in diesem Monat mindestens einmal sehen müssen, besser aber gleich zweimal. Gleiches gilt für den gesamten Freundeskreis und natürlich auch für ausgewählte Bekannte. Das macht etwa 120 Termine für jeden, die wir locker gestreut auf 31 Tage verteilen. Damit wir uns zwischendurch nicht langweilen, entscheiden wir uns noch dazu, unfassbare Mengen an Geld auszugeben, um vielen Menschen viele Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen. Damit das geselliger ist, gehen wir am besten alle gleichzeitig einkaufen. Dabei betrinken wir uns vor den Geschäften planmäßig mit heißgemachter Billigplörre, die wir nicht anfassen würden, wenn wir noch bei Verstand wären. Damit aber garantiert keine Unterforderung aufkommt, nehmen wir uns ferner vor, an einem bestimmten Tag des Monats ein unglaublich kompliziertes Menü zu kochen, das nach Möglichkeit knapp oberhalb unserer Kochkünste angesiedelt ist und uns daher nervlich und fachlich überfordert. Dazu brauchen wir irrsinnig viele Zutaten, die wir am besten wieder alle am gleichen Tag kaufen gehen. Dabei pfeifen und singen wir unentwegt kindische Ohrwürmer und einen debilen Popsong, in dem es um ein Fest im Vorjahresmonat geht, beschweren uns aber über kleine Terroristen mit Blockflöten, die uns in den Fußgängerzonen dieselben Lieder vorspielen.

Und dann, nachdem wir dieses richtig komplizierte Menü endlich abgefeiert haben, dann beschließen wir, ein paar Tage später eine noch viel größere Party zu schmeißen. Währenddessen faseln wir dauernd was von „besinnlich“. Okay? Gut. Weitermachen.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

26 Kommentare

  1. So zusammengefasst, liest sich das umheimlich stressig 😉
    Da ist es mal eine interessante Erfahrung hier in Saudi-Arabien, einfach mal so gar nichts von diesem Endjahres-Brimborium mitzubekommen.
    Aber irgendwie fehlt dann doch was. 😉

  2. Nicht zu vergessen: Drei Wochen vor Jahreswechsel kommen alle Projektleiter und alle Kunden aus ihren muckelig warmen Höhlen und wollen – „muss unbedingt noch dieses Jahr losgehen!“ – fast wie im Fieber noch herkuleske Aufgaben angehen und gigantische Budgets ausgeben.
    Und dann sitzt man da an seinem Schreibtisch, findet vor lauter geschenkten Schokoladehohlfiguren das pausenlos klingelnde Telefon nicht, draussen wälzt der Schneematsch in einer trägen Lawine am Fenster vorbei…
    Doch, sehr besinnlich das alles.

  3. Herrlich! Einfach nur treffend beschrieben und den ganzen Wahn mal kurz vorgehalten, selten am frühen Sonntag so gelacht 😉 DANKE!

  4. Du hast etwas vergessen: Das Überflüssigste, was es im Dezember zu feiern gibt, sind Geburtstage – für alle Beteiligten. Ich darf das sagen, ich bin selbst betroffen. Bitte leite auf diesem Wege unsere herzlichsten Glückwünsche und lieben Grüße weiter!

  5. Streuen Sie jetzt noch locker fünf (in Worten: 5!) Geburtstage von kurz vor der ersten bis kurz nach der noch größeren zweiten Party ein. Und dann heißt es, du sollst Vater und Mutter ehren. 🙁

  6. Ich verstehe es nicht.

    Wann genau muss ich Keller, Speicher, Schuppen, Kammer und Wohnmobil ausmisten, um nicht den idealen Zeitpunkt zu verpassen, bei ebay Reibach zu machen?

  7. Wer es mitmacht darf sich nun wirklich nicht beschweren. Sagen wir sonst nicht immer was für tolle selbstbestimmte Wesen wir doch sind, mit allen möglichen und unmöglichen Freiheiten? Und im Dezember wird das alles immer schön vergessen …
    Kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Denkt mal drüber nach, und bis dahin:
    http://bit.ly/6lFbsB

  8. … und um alles unter einen Hut zu bekommen, quetschen wir uns alle am selben Tag auf die ohnehin schon überfüllte Autobahn und kreischen „Drivin‘ home for Christmas“ mit, während die Kinder auf der Rückbank „Das dauert mir zuuuuu laaaaange, tralalalala“ brüllen und hinter einem debile Autofahrer mit Christbaumbeleuchtung – sorry LED – einem die Lichthupe reindrücken.

    Frohe Weihnachten!!

  9. Jajaja … Weihnachten ist immer so unglaublich kacke und stressig und und und. Jedes Jahr die gleiche Leier, die vermeintlich ironische Weihnachtstrubelskeptiker abliefern. Das nervt mittlerweile bei Weitem mehr als volle Kaufhäuser und »Last Christmas« in Heavy Rotation.
    Und in Anbetracht der zu solchen Artikeln massenhaft applaudierenden Lemminge (»100%-ig so geht es mir auch! Vortrefflich beschrieben! Dies ist die unumkehrbare Wahrheit!« frage ich mich dann doch ernsthaft, wer zur Hölle eigentlich die ganzen Kaufhäuser verstopft?!

  10. Immer diese Festtagspessimisten! Es ist doch eine herrliche Zeit für Misantropen. Wann sonst sind so viele Nervenkostüme so dünn, dass man mit minimalem Aufwand maximale Treffer erziehlt? Und jetzt geht los, euch in Schlangen vordrängeln mit „Ich habs aber eilig.“-Kommentaren.

  11. Oh ja, die Geburtstage, da hab ich auch fünf davon im Familien- und Freundeskreis.

    Das schöne an Weihnachten und dem ganzen Gerummel darumherum ist: Es gibt einen Ausknopf, wie beim Internet. Na gut, zumindest im Privatleben, in meinem Beruf nicht. In Theatern und Konzerthäusern ist ja nun mal Hochsaison, da ist nichts mit Verdrängen oder Nichtwollen. Aber privat gehe ich da gern auf Diät. So wie Backwarenverkäufer vermutlich auch privat nichts Süßes essen mögen.

  12. auch wenn ich etwas spät dazukomme, gerade das ist doch das schöne. zeit im ausnahmezustand nicht nur für einen sondern schichtenübergreifend. herrlich ich liebe rentiere mit roten nasen. in meiner kindheit, 1950ziger jahre hatten mein eltern (selbständige) auch keine zeit. baum wurde noch am hl. abend im wald gestohlen. über uneingepackte geschenke ein handtuch gelegt und trotzdem werd ich das alles nicht vergessen. habe bei meinem eigenen kind manches ein bisschen anders gemacht und doch denke ich gerne zurück.

  13. … alles richtig, aber es fehlt noch etwas — der glückliche Payback, glücklich hier im Sinne von „günstiger Zufall“, also nicht notwendig. Bei all diesen gehäuften Treffen, Wiedersehen, Festessen, Geschenken, Bratensossen und buckligen Verwandten steigt nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass einige dieser irren Konstellationen sich völlig ungeplant als wirklich wirklich schön herausstellen. Mir geht es jedenfalls so; sei es ein Gespräch, eine Stimmung oder ein Geschenk, das unerwartet genau meinen Nerv trifft und mich glücklich macht, erhellt oder freudig stimmt — irgendwo in diesem Zwangsgewusel steckt immer auch die Chance auf schöne Erinnerungen. Wenn man also nicht umhin kann und will, bei all dem mitzumachen, so sollte man stets so handeln, dass die Chancen auf solche Momente steigen — denn es sind die schönen Erinnerungen, die das gelebte Leben als lebenswert erscheinen lassen. Und dafür darf man ruhig mal kämpfen.

  14. Da man keine Kommentare mehr auf der Horoskop Seite finden wird; eben hier mal eingestreut.
    Wie soll ich leben ohne meine wöchentliche Merlix-Portion?!
    Woher soll ich wissen, was ich machen soll?!
    Ich bin tieftraurig… Wollt ich mal gesagt haben.
    Wünsche dennoch ein gesegnetes Weihnachten und eine gute Zeit.

    Bestes Gegrüße
    Frau Lohse,
    ihres Zeichens übrigens Löwe. 😀

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