Die Geschichte vom Mantelmännchen gibt es nicht

Das Travemündebuch „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ ist längst erschienen, die Jugend ist damit sozusagen durcherzählt und literarisch abgefertigt. Die Geschichten in dem Buch ergeben zusammen Sinn, sie bilden einen Bogen, der sich beim Lesen für mich gut und richtig anfühlt. Ja, so war es, so ging das damals, so hat es sich angefühlt. Es gibt natürlich eine Handvoll Szenen, die nicht in dem Buch vorkommen, weil sie zwar in meiner Erinnerung noch bestens präsent waren, sich aber nicht recht in einen Kontext fügen lassen wollten. Das macht auch nichts, ein wenig Schwund ist immer, wie die Handwerker sagen. Und Schreiben ist auch nur ein Handwerk. Das Kürzen von fertigen Texten gehört überhaupt zu den besten Momenten beim Schreiben. Man wirft etwas weg und der Rest wird dadurch besser, das ist jedes Mal wieder eine Erfahrung, die begeistert. Vollständige Geschichten fehlen in dem Buch dennoch nicht, der Platz hat für alle gereicht, es kam mit der Seitenvorgabe des Verlages genau hin. Es fehlt keine einzige wichtige Figur, keine wirklich wichtige Szene.
Es gab allerdings von Anfang an eine Geschichte in meinem Kopf, von der ich wusste, dass ich sie nicht erzählen konnte, denn die Geschichte hätte nur die richtige Wirkung gehabt, wenn sie mit einem Bild geendet hätte. Einem Bild von Sarah, der weiblichen Hauptfigur, dem angebeteten Mädchen, und mir. Übrigens das einzige Bild, dass ich überhaupt von ihr habe. Bilder waren in dem Buch allerdings nicht vorgesehen und ich hätte es auch bedenklich gefunden, ein Bild von Sarah zu veröffentlichen, ohne sie vorher gefragt zu haben. Das verbot sich also von selbst, obwohl ich es immer schade fand. Es ist dann doch etwas anderes, eine Geschichte über eine Person auszumalen, selbst wenn man alles gut trifft und sich gar keine oder wenig Mühe gibt, die wahre Figur zu tarnen, als ein echtes Foto abzubilden. Ich hätte es schön gefunden, das Buch mit dem Bild enden zu lassen, aber das war einfach nicht denkbar. Deswegen fehlt die Geschichte vom Mantelmännchen in dem Buch. Es ist auch keine Geschichte, die der Handlung eine entscheidende Wendung gegeben hätte, es wäre einfach nur noch eine Geschichte von Kinderliebe und Meer gewesen, mit einer weiteren seltsamen Figur in einem Buch, in dem schon etliche seltsame Figuren vorkamen. Wahrscheinlich hätte mir die Geschichte viel Spaß gemacht, aber unentbehrlich war sie auch nicht.

Nun hat vor kurzer Zeit jemand Sarah das Buch geschickt. Sie hat es gelesen und Gott sei Dank gut gefunden. Sie hat mich angeschrieben und wir haben ein paar Mails getauscht. Ich weiß jetzt, wie sie heute aussieht, ich weiß, dass aus ihr eine schöne Frau geworden ist. Ich weiß, wie sie heute heißt, in welche Stadt es sie verschlagen hat, dass sie zwei Söhne hat. Wir werden uns sicher bald wiedersehen. Ich könnte die Geschichte jetzt tatsächlich schreiben, ich könnte das Bild veröffentlichen, sie hat gar nichts dagegen, im Gegenteil. Allerdings bin ich aus dem Thema Travemünde natürlich vollkommen raus. Ich habe mittlerweile längst ein anderes Buch geschrieben, es erscheint in Kürze. Ein Buch über die zehn Jahre nach meiner Jugend an der Ostsee. Jahre, in denen das Meer keine Rolle mehr spielte, und Sarah auch nicht. Ich habe mich in eine Großstadt hinein und wieder hinausgeschrieben, ich habe im Leben und in Geschichten andere Frauen geliebt, Berufe erlernt und viele Menschen kennengelernt, die Travemünde nicht einmal kannten. Ein weiteres Buch von mir ist noch neu erschienen, das „Rosinenbrötchen“, da war ich beim Schreiben schon fast in der Gegenwart. Die Jugend ist darüber noch etwas weiter weggerückt in Richtung damals, irgendwann, in grauer Vorzeit. Andere Inhalte wurden in das Filmstudio der Erinnerung geladen, neu koloriert und nachgedreht. Travemünde ist irgendwo da draußen. Aber das Bild von Sarah und mir, es steht immer noch neben meinem Schreibtisch, da wo es die ganze Zeit stand, als ich „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ geschrieben habe. Wenn ich beim Tippen zwischendurch einmal hochsehe, dann fällt mein Blick immer wieder darauf und ich denke hin und wieder an die Geschichte vom Mantelmännchen, die mit dem Bild zusammenhängt und manchmal überlege ich, wie ich sie geschrieben hätte, wenn die Umstände sich früher günstig gefügt hätten. Die Geschichte hätte ganz vorne in das Buch eingefügt werden müssen, gleich hinter „Ein Herrengedeck für Canaris“ vermutlich, da hätte sie gepasst.

(mehr …)

Die Entschleunigung der Menschheit

Die von der EU erzwungene Einführung der Energiesparlampen wird Folgen haben, auf die bisher nur wenige gekommen sind. Abgesehen von ein paar Menschen, die mir ähnlich sind, die also auch unter den Sammelbegriff Hektiker fallen. Wir selbst nennen uns natürlich lieber Dynamiker, Macher oder Effizienzsuperhelden, aber wir können auch mit der beleidigenden Bezeichnung Hektiker leben, da stehen wir in der Tat drüber. Wir haben nämlich gar keine Zeit, uns über so etwas aufzuregen, es gibt einfach überall und immer zu viel zu tun. Noch. Bald wird es nämlich gar nichts mehr für uns zu tun geben. Wir werden leider in Kürze aussterben und die weitere Evolution des Menschen den langsamen Typen mit der gedrosselten Reaktionszeit überlassen. Also Euch, der Mehrheit. Und das liegt an der Vorheizphase.

Das wird bekannt sein: wenn man so eine Energiesparlampe anmacht, dann dauert es einen Moment bis sie geruht, endlich Licht abzugeben. Ein paar Sekunden. Das sind leider ein paar Sekunden zu viel für uns Hektiker. Denn bis die Lampe Licht gibt, sind wir schon gegen Schränke gerannt, Treppen heruntergefallen, über Kartons gestolpert oder auf Bobbycars ausgerutscht. Der normale Mensch steht noch schafbrav am Schalter und wartet auf die Erleuchtung, wir dagegen haben uns bereits Knochen und Köpfe demoliert und können im kalten Licht des Energiesparens, wenn es denn endlich irgendwann hell genug geworden ist, unsere Wunden zählen. Die meisten Unfälle passierten immer schon im Haushalt, bei uns Hektikern wird die Quote jetzt unfassbar ansteigen. Vor einigen Tagen wurde bei uns im Treppenhaus die Beleuchtung modernisiert. Wenn ich auf den Schalter drücke, geht das Licht jetzt erst an, wenn ich schon zwei Stockwerke tiefer gerannt bin. Bis dahin ist Blindflug, und das kann man wörtlich nehmen, wenn z.B. etwas im Weg steht.

Macht es Euch schon einmal gemütlich,  Ihr lieben langsamen Mitbürger – Ihr seid die schnelle Truppe bald endgültig los.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

 

Dienstreise II

Ich: „Nächste Woche fliege ich nach München. Soll ich Dir etwas mitbringen? Etwas Typisches aus Bayern vielleicht?“

Sohn I: „Kommen iPads aus Bayern?“

 

Dienstreise

Sohn I: “Papa, warst Du in Frankreich?”

Ich: “Nein, ich war in Frankfurt.”

Sohn I: “Wer soll denn das unterscheiden können?”

Nebenwirkungen

Seltsame Begleiterscheinung nach ein paar Tagen mit drastisch reduziertem Fleisch- und auch Zuckerkonsum: mir schmeckt plötzlich kein Bier mehr.  Gleich mal an der Alster versuchen, ob ich auch schon über Wasser gehen kann!