Raus! Alle raus!

Die Temperaturen werden in Kürze auch bei uns unvorstellbare, zweistellige Bereiche erklimmen. Die Menschen werden bald wieder den korrekten Plural von „Krokus“ diskutieren, ihre Gesichter gierig in die Sonne halten und am Abend in schnittigen Sportklamotten engagiert um die Häuser traben. Ein allgemeines „Raus!“ wird in der Luft liegen, alle möchten jetzt wieder vor die Tür, in den Garten, in den Park. Luft! Mehr Luft!

Sogar ich, ein durch und durch überzeugter Stubenhocker, lehne lässig in der offenen Balkontür und blättere vergnügt in dem dicken Katalog eines Outdoor-Ausstatters. Da sind Zelte und Schlafsäcke drin, Wanderschuhe und Kochgeschirre, und etliche Dinge, deren Zweck ich nicht einmal erraten kann. Auf den Bildern stehen Menschen mit heiteren Gesichtern und windverwehten Haaren mitten in der Wildnis und scheinen nichts zu vermissen. Ich blättere, lese und freue mich.

Es ist natürlich nicht so, dass es mich in die Wildnis oder auch nur vor die Tür zieht. Aber ich mag einfach diesen leichten Grusel beim Gedanken, ich könnte irgendwas aus diesem Katalog jemals brauchen.

Dieser Text erschien als Kurzausgabe meiner regelmässigen Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung. Im Print gibt es ja manchmal diese drolligen Restriktionen durch das Layout.


Müllkultur

Den Papiercontainer bei uns um die Ecke hat jemand randvoll mit alten Ausgaben von Insel-Taschenbüchern gestopft, auf dem Weg dahin lagen schon ein paar verstreut am Straßenrand, die wohl vor dem Ziel über Bord gegangen sind. Da hat anscheinend jemand seine Bibliothek radikal entsorgt, vielleicht wurde auch jemand vor die Tür gesetzt und um seine Habe gebracht, wer weiß. Oder irgendwo steht jetzt ein einsamer E-Book-Reader in einem sehr leeren Regal, man wird es nicht herausfinden.

Ein junges Paar wühlt interessiert im Papier-Müll, wie es ein paar Meter weiter ein Obdachloser bei den Flaschen tut. Sie hangeln nach Büchern, überfliegen Titel, werfen wieder rein, diskutieren. Im Vorbeigehen gehört:

Er: „Aber den Hesse müssen wir doch mitnehmen.“
Sie: „Nein, wieso das denn?“
Er: „Na, Hesse eben!“
Sie: „Eben!“
Er: „Ach? Na gut, dann nicht.“

Ich hätte länger gebraucht, um es zu erklären. Aber kurz geht es natürlich auch.