Gelesen – Walter Kempowski: „Hamit – Tagebuch 1990“

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Ich habe nach Tadellöser & Wolf, das ja sicher zum deutschen Allgemeingut gezählt werden kann, wie auch sein Nachfoger „Uns geht’s ja noch gold“, mit Begeisterung auch die restlichen Bände der deutschen Chronik von Kempowski gelesen, aus der wilhelminischen Zeit und den Jahren nach 45. Das fand ich alles sehr lesenswert, und ich habe mit einiger Bewunderung festgestellt, dass jeder Band einen ganz eigenen, sehr stimmigen Tonfall hat. Jedes Buch eine Welt für sich, auch im Stil. Zum Verständnis unserer Geschichte fraglos großartige Lektüre, große Romane sind es aber auch ganz ohne den belehrenden Effekt, über den man natürlich auch hinweglesen kann. Was vom Klappentext her zu sehr nach Belehrung aussieht, das will am Ende keiner mehr lesen, und das wäre wirklich schade. Die ganze Reihe ist es allemal wert, gelesen im Regal zu stehen.  Oder als Datei im Reader, schon klar.

Und nun also das Tagebuch aus dem Jahr 1990. Ein erschütterndes Tagebuch, denn es offenbart einen höchst seltsamen Charakter. Hier schreibt jemand, der maßlos und geradezu paranoid an mangelnder Anerkennung leidet, der aber andererseits mit allen Formen von Würdigung auch nicht umgehen kann. Unleidlich verbittert, wenn er nicht zur Kenntnis genommen wird, aber dann maßlos erschreckt, wenn zum Beispiel der Spiegel einen Vorabdruck will. Ständig witternd, dass man ihn schlecht behandelt, und sei es nur nicht höflich genug. Der es persönlich übel nimmt, wenn ihm das Essen im Restaurant nicht schmeckt, wenn er auf der Straße nicht erkannt wird, wenn jemand seine Werke nicht ekstatisch lobt. Sehr, sehr anstrengend, aber dennoch interessant.  Und verblüffend, wie jemand so scharfsichtig Romanfiguren gestalten kann und offensichtlich an der eigenen Person rein gar nichts merkt. So sind wir alle, keine Frage, aber wenn man es denn noch einmal liest, was man da verzapft hat – dann merkt man auch nichts? Ist das so? Das Tagebuch ist nicht aus dem Nachlass, das hat er bearbeitet, kein Satz darin ist ungewollt. Aber viele, viele Sätze sind verblüffend oder erschreckend. Ich fand es erschütternd.  Der Mann war ja zu dem Zeitpunkt nicht schlecht im Geschäft, seine Bücher liefen, durch die Filme kannte ihn jeder, aber er hat sich in aller Heftigkeit geradezu hysterisch nach mehr gesehnt. Mehr Bewunderung, mehr Anerkennung, mehr Ruhm. Und dieses Gieren verdirbt ihm unentwegt schier alles.

Für mich aber auch interessant, wie wenig ich noch aus dem so spannenden Jahr der Wiedervereinigung weiß. Ich war ja als denkender, erwachsener Mensch dabei, aber mit was für einem Desinteresse. Ich hatte keine Meinung zu dem Thema, ich fand es weder bewegend noch erfreulich oder abschreckend, mir konnte es einfach gestohlen bleiben. Wie wenig man das heute noch nachvollziehen kann, diese sehr westdeutsche Haltung. DDR war doof, uninteressant, langweilig. Deutschland als Ganzes suspekt, alles Nationale befremdlich, die Geschichte egal, die Zukunft erst recht. Ich war zu cool für alles. Auch das ist erschreckend bei der Lektüre des Tagebuchs.

Der Staatsakt der Wiedervereinigung ist en detail beschrieben – das sagte mir rein gar nichts, wahrscheinlich habe ich es damals nicht einmal im Fernsehen beobachtet.   Wie anders man heute damit umgehen würde. Ein vollkommen unwirkliches Stück Vergangenheit. Aber es passt zu dem seltsamen Detail aus meiner Jugend, dass mir die Jüngeren heute kaum noch glauben können – als die Grenze damals aufging, da hatte ich nicht die allerleiseste Ahnung, was eigentlich hinter Travemünde, hinter dem Zaun lag. Ich kannte keinen Dorfnamen, ich wusste nicht, wie die nächste Stadt hieß, ich wusste nur ganz ungefähr, wie die Küste da weiterging. Hinter der Grenze, da war gar nichts.  Dachte ich.

Kempowski kannte in Rostock noch jeden Ziegel. Und dass er als bekanntester Chronist der Stadt bei seinen ersten Reisen nach drüben nicht jubelnd empfangen wurde, dass er so überhaupt gar nicht interessiert hat – das zumindest kann man dann doch verstehen, wie das an ihm nagte.

„Hamit“ übrigens ist das Wort Heimat im Dialekt der Erzgebirgler.

 

10 Kommentare

  1. Zu Kempowski habe ich ein inzwischen sehr zwiespältiges Verhältnis. Seine deutsche Chronik liebe ich heute noch; die Verfilmung ist für mich die einzige „Literatur“-Umsetzung mit der ich wirklich gut leben kann. Aber der Rest…. Ist er wirklich Schriftsteller oder nur ein fleißiger Sammler? Auch seine Chronik ist schließlich „nur“ die Aufzeichnung seines Lebens. Nachdem ich seine Hundstage gelesen hatte, die mir ziemlich biografisch vorkamen, mochte ich ihn einfach als Mensch nicht mehr – zu eitel und schmuddelig.

  2. So ein Persönlichkeitsprofil habe ich letztens noch woanders gefunden:

    „So war ich damals – ein Gratwanderer zwischen Selbstzweifeln und Größenwahn. Das Blöde war: Wenn ich gewonnen hatte, habe ich mich fünf Minuten lang gefreut – danach fingen die Probleme schon an. Ich wollte nie auf die abendliche offizielle Siegerehrung gehen. Ich habe mich dort eigentlich immer geschämt, für mich war das stets eine Belastung. Ich wollte dann am liebsten zurück ins Auto steigen, einfach nur heim.

    Und so konnte ich mich nie wirklich freuen über meine Siege. Wenn ich dagegen ausgeschieden bin oder schlecht abgeschnitten habe, dann war ich zwei Wochen krank. Depressiv, total niedergeschlagen. Bei einem Sieg hatte ich fünf Minuten Freude, bei einer Niederlage war ich zwei Wochen krank. So gesehen war mein Leben meist ziemlich kompliziert.

    Auch als ich endlich, endlich meinen ersten Monte-Sieg eingefahren habe, war die Freude nur von kurzer Dauer. Ich bin danach in ein tiefes Loch gefallen und wollte alles hinschmeißen. Ich fuhr, weil ich mir selber beweisen wollte, dass ich der Beste bin. Und als ich mein Lebensziel erreicht hatte, da habe ich mich gefragt – wofür mache ich es jetzt? Ich wollte kein Werbe-Heini werden, der einfach nur weiterfährt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich verrate, wenn ich weiterfahre.
    …“

    Der Rallye-Fahrer Walter Röhrl, Ausschnitt aus http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/20121/_ein_fehler_und_du_landest_in_der_schlucht.html

    Der Rest des Artikels gibt noch weitere Beispiele für die höchst riskante Suche nach der Bestätigung des eigenen Ichs. Röhrl schreibt leider nicht, wie oder ob er dieses Gefühl irgendwann losgeworden ist.

    Das mit der Wiedervereinigung geht mir genauso. Ich habe es damals einfach nicht kapiert mit meinen 20, 21 Jahren. Die DDR war beinahe Ausland und ziemlich unattraktiv. Der Kalte Krieg hatte ja eigentlich ein erstes „Ende der Geschichte“ herbeigeführt. Niemand stellte sich damals mit einem konkreten Zeithorizont vor, wann der Ostblock aufhören würde zu existieren und was danach kommen würde. Ich versuche immer noch Stimmen von damals zu finden, die früh und konkret sagten, daß es zu Ende gehen würde. Zum ersten Mal konkretes fühlen konnte ich, als bei der Bundeswehr im Spätsommer ’90 in der Grundausbildung irgendein Datum der Wiedervereinigung bekanntgegeben wurde und der Zugführer oder Hauptmann meinte, das wäre ein guter Anlaß, die Nationalhymne zu singen. Das wurde dann auch getan, durchaus kräftig, aber ohne Überschäumen. Das fühlte sich richtig an. Das Gefühl eines aufkommenden Nationalismus oder „Wir sind wieder wer“ habe ich damals nicht gehabt und auch bei den anderen nicht entdecken können.

    Ich frage mich, ob wir uns momentan mit der Schuldenkrise nicht in einer ähnlichen Situation befinden. Wenn jetzt nicht die richtigen Entscheidungen getroffen werden, dann kann sich viel verändern.

    Ach ja, von Walter Kempowski habe ich mal Tadellöser & Wolff gelesen. Es war faszinierend, diese andere Sprache zu lesen, aber ich glaube, ich habe es nicht zu Ende gelesen, und es hat mich auch nicht animiert, mehr von ihm zu lesen.

  3. Ich stimme Ihnen zu, darum habe ich auch das „nur“ in Anführungszeichen gesetzt. Es kommt immer auf die Art und Weise an, die m. E. bei Kempowski doch ein bißchen dünn ist. Mir scheint, daß es keine bewußt gewählte Form ist, sondern die einzige Möglichkeit, die ihm zur Verfügung stand. Vielleicht rührt seine Unzufriedenheit aus dieser Selbsterkenntnis heraus. Zudem lebt m. E. die Chronik (zumindest die ersten beiden Bände) von den skurrilen Typen, die ihm als Eltern sozusagen frei Haus geliefert wurden.

    Auch ansonsten habe ich nichts gegen Aufzeichnungen von Familiengeschichten. Ist doch mein Lieblingsbuch „Die Buddenbrooks“. Und dafür bekam man(n) sogar den Nobelpreis!

  4. Danke-du hastbimmer so gutevLese-Empfehlungen in deinemBlog!
    habe den HerrnK, schon yuf meine Wunschlist bei Tante Amazonien gesetzt.

  5. ohne familiären beziehungen in die DDR war im empfinden und gesellschaftlichen konsens eines BRDlers einem honolulu näher als sanssouci, trotz geschichts-bewußtsein. die nationale karte war auch sowas von obsolet und die birne belächelte man. 1990 besuchte ich die studierende tochter in berlin, welche nach 1 jahr auslandsaufenthalt in taiwan wieder in ihre studentenstadt heimkehrte,(beim abflug trat gerade honnecker zurück beim wiederkommen gab es keine DDR mehr) die transitstrecke von bayern nach berlin war kein transit mehr und an der potsdamer mühle welche im geschichtsunterricht als beispiel einer funktionierenden judikative gerne auch in bayern herangezogen wurde fuhr man vorbei, da ja da begriff ich und freute mich eben auf das finden der spuren gelesener bücher wie kempowski. die vorgenommene hamit-besprechung (noch nicht gelesen) erinnert mich sehr an „Letzte Grüße“

  6. Ehrlich gesagt überrascht mich dieses… hm, wie soll ich sagen… Desinteresse? an den damaligen Geschehnissen.
    Aber vielleicht habe ich als Kind der DDR, als Berlinerin, einen ganz anderen Blick darauf. Mit dem Finger im Atlas bin ich durch deutsche Lande diesseits und jenseits der Grenze gefahren. Hinter der Mauer ging es weiter. Da hatten wir auch Familie. Klar war der Westen sehr interessant.
    Der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung war für mich spannend, prägend und ich möchte diese Zeit nicht missen..

  7. @Frische Brise: Oh ja, ich gehe ganz selbstverständlich davon aus, dass es für alle Ex-DDR-Bürger mehr als nur spannend war. Die Westjugend hat das sehr anders erlebt. Und ich finde beide Seiten heute noch nachvollziehbar.

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