Gehört – Joseph Roth: Stationschef Fallmerayer

Gelesen von Dieter Mann. Ich kümmere mich eigentlich selten um Hörbücher, ich lese lieber in eigener Geschwindigkeit, etwas vorgelesen zu bekommen macht mich wahnsinnig. Ich lese gerne selber vor, aber passiv – schwierig, sehr schwierig. Wenn ich jedoch längere Zeit auf der Autobahn zubringe und die Kinder irgendwann eingeschlafen sind, dann lege ich gerne einen Klassiker ins CD-Fach. Irgendetwas mit gesetzter, vollendeter und eher langsamer Sprache, denn das fördert neben der Bildung auch eine sittliche Fahrweise. Joseph Roth, das kann ich gar nicht oft betonen, hat für mich das beste Deutsch des letzten Jahrhunderts geschrieben, und es lohnt sich sehr, seine Werke auch öfter zu lesen. Oder zu hören, na gut, meinetwegen. Von Dieter Mann sehr angenehm vorgelesen, gar keine Frage.

Der Stationschef Fallmerayer ist ein braver Bahnbeamter mit äußerst geregelter Lebensweise, dessen Weltordnung abrupt aufgebrochen wird, als er bei einem Bahnunglück einer betörenden russischen Gräfin begegnet, deren Erscheinungsbild, Duft, Sprache und Ausstrahlung ihn in vollkommen andere Sphären erhebt. Sein Leben gerät in der abenteuerlichsten Weise aus den Fugen, es zieht in mit aller Macht und gar nicht erfolglos zu der unfassbar schönen Frau. Man weiß, es kann nicht gut ausgehen, die Geschichte treibt erstens dem Krieg und Russland und zweitens einem bitteren Ende zu – und zwischendurch denke ich darüber nach, was Joseph Roth da über den Duft der Frau schreibt, die nämlich nach schweren Parfüm, soweit kann man ihm noch folgen, und auch nach Juchtenleder riecht. Juchtenleder. Ich weiß gar nicht, wie Juchtenleder riecht, denke ich, eigentlich weiß ich nicht einmal, was das ist. Das Wort kommt natürlich in der Literatur voriger Jahrhunderte oft vor, es ist eine gängige Chiffre in Duftbeschreibungen, und es ist eine, die ich gar nicht entziffern kann. Da gibt es noch andere, etwa der englischen Romanen verlässlich vorkommende Heliotrop, der an schwülen Sommertagen unweigerlich irgendwann aus Gärten duftet und meist auf die erotischen Höhepunkte der Bücher hinweist – keine Ahnung, wie Heliotrop riecht. Bei Fontane oder von Keyserling kommen auch dauernd irgendwelche Blühgewächse vor, die ich gar nicht zuordnen kann. Man liest so darüber hinweg.

Ich frage mich jetzt aber doch, wonach denn die wunderschöne Gräfin nun genau gerochen hat, es war klarerweise ein Duft des Wohlstandes, ein Luxushauch, soviel kann man dem Text entnehmen. Ich recherchiere nach der Autofahrt ein wenig, ich frage herum, ich stelle amüsiert fest, dass es so etwas wie eine Lederpedia gibt und liebe das Internet gleich noch ein wenig mehr. Und lese irgendwann, dass Juchtenleder traditionell mit Birkenteeröl bearbeitet wurde und wohl auch noch wird, und dass es dadurch nach geräuchertem Speck riecht. Und dass, dachte ich, ist doch auch für Sie ungemein nützlich zu wissen, wenn Sie wieder einmal ein Buch aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert lesen und eine schöne Frau mit dem Duft von Juchtenleder auftritt.

Gern geschehen.

Plötzlich Hunger auf englisches Frühstück. Nanu.


7 Kommentare

  1. Joseph Roth ist meine persönliche Literaturentdeckung des Jahres. Zuletzt habe ich „Flucht ohne Ende“ gelesen. Das letzte (kurze) Kapitel ist einfach ein wunderbarer Text. Tipp: Joseph Roths Werke sind urheberrechtsfrei (z.B. für Kindle-Besitzer kostenlos bei Amazon zu bekommen).

  2. Nein, Juchten riecht nicht nach Speck, sondern ledrig-herb und etwas süßlich. Unverwechselbar und ein Duft, der im Gedächtnis bleibt.

  3. Hach, schön, ich brauche nicht einmal Lederpedia, ich lese einfach meine Blog-Abos. Danke Ihnen für den Schnupperkurs! Man kann also auch nach Juchtenleder duften, bisher wusste ich nur, dass man so „zäh sein kann wie…“. So! Da haben wir´s wieder, ist eine Frage geklärt, gegoogelt und wikiwieauchimmer, tut sich die nächste auf: bedeutet diese Redensart nun, das Juchtenleder sich durch besondere Zähigkeit auszeichnet und wenn ja, warum?

  4. in meiner lehrzeit wurde der streichriemen aus juchtenleder zum schärfen der rasiermesser für naßrasuren gebraucht
    http://www.korium.de/epages/62263376.preview/de_DE/?ObjectPath=/Shops/62263376/Products/1070024&ViewAction=ViewProductDetailImage
    siehe link
    man mußte das leder auch in abständen reinigen und neu einlassen. der duft war nicht unbedingt „schmalzig“ aber eine gewisse animalische kopfnote im duft ist mir erinnerlich. mit verschwinden der naßrasur beim friseur verschwand auch der streichriemen. hab ewig nicht mehr daran gedacht. nun erlebt naßrasur wieder eine renaissance vielleicht duftet es auch bald wieder nach „Juchtenleder“

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