Momentaufnahme

Die Kirsche blüht wieder auf dem Spielplatz, rosa leuchtet es vor dem strahlenden Blau des Frühlingshimmels. Vielleicht ist es aber auch gar keine Kirsche, vielleicht ist es Gott weiß was für ein Baum, ich kenne mich da wirklich überhaupt nicht aus, aber es klingt so gut, die Kirsche blüht, also ist es eben eine Kirsche. Man kann endlich wieder draußen sitzen, man muss gar nicht mehr frieren dabei. Man kann wieder Romane am Rand des Spielplatzes lesen, währen die Kinder irgendwo dahinten irgendwas machen. Es reicht vollkommen aus, alle paar Seiten oder am Ende des Kapitels mal hinzusehen, es ist alles sehr entspannt. Rings um den Spielplatz stehen die Raucher auf den Balkonen und haben keine hochgezogenen Schultern mehr, einige tragen sogar nur ein T-Shirt. Sie wippen vergnügt auf den Zehen und beugen sich immer wieder vor und sehen nach oben, als könnten sie es nicht fassen, diesen wolkenlosen Zustand über Hamburg.

Die Söhne sind überglücklich, dass sie wieder im Sand spielen können, ohne Jacke herumlaufen können, schaukeln können, Eis essen können. Die patrouillierenden Tauben im Sand freuen sich, dass nach langer winterlicher Hungerperiode endlich wieder mehr Kekskrümel und Eiswaffeln anfallen. Die Eltern der ganz neuen Babys freuen sich, dass die Schreie der Kleinen aus den fabrikfrischen Kinderwagen hier unter freiem Himmel viel leiser klingen, als vor ein paar Tagen noch im Wohnzimmer im dritten Stock. Ein herrlicher Tag, man könnte unentwegt vor sich hin grinsen. Die Eltern lehnen sich auf den Bänken zurück, und wenn Blicke sich treffen sagt man immer wieder „Schön, was?“ Ja, schön. Und wie.

Nur die eine Mutter, auf der Bank neben dem Sandkasten, die wirkt irgendwie sehr unentspannt. In der Art, wie sie die Seiten ihres Buches umblättert, liegt so etwas Ruppiges, und alle paar Minuten stößt sie die Luft scharf durch die Zähne, man hört sie zischen. Sie guckt zwischendurch immer wieder entnervt von der Lektüre hoch und nach ihren Kindern, die übrigens nichts tun, was zur Sorge Anlass geben könnte. Schließlich knallt die Frau das Buch auf Bank, dass es ein knallendes Geräusch gibt und ruft, den Blick nach oben ins phantastische Blau gerichtet: „Herr Gott, wann habe ich endlich dieses verdammte Scheißbuch durch!“

Ich gehe wie zufällig an ihrer Bank vorbei und werfe einen Blick auf den Buchtitel: „Kinder dürfen aggressiv sein“.

Aber sonst: alles sehr entspannt.


5 Kommentare

  1. Draußen sitzen in HH iszt temperaturunabhängig bei blauem Himmel möglich und anzuraten. Denn bei blauem Himmel ist es warm. Per Definition. Das ist hier so, kann vor jedem Café überprüft werden.

  2. So sieht das aus. Während Frau Novemberregen gestern Nachmittag aus gewesen ist, fuhr Mademoiselle im Hof mit den Nachbarskindern auf ihren Inlinern. Und ich? Saß auf dem Balkon und las ein Buch (nix mit Aggressionen), wäre ich Raucher, ich hätte vermutlich vergnügt auf den Zehen gewippt. So war ich aber ins Lesen vertieft und genoss die kleine Idylle auf dem Balkon. Leider musste ich vorher erst mal Platz schaffen. Erstaunlich, was sich den Winter über so ansammelt auf dem Balkon. In diesem Sinne, ein Hoch auf den Frühling.

  3. Quergeklickt, hier gelandet, sehr geschmunzelt, danke!

    In Berlin gilt das übrigens auch, dass blauer Himmel per definitionem zum Draußensitzen-und-es-warm-Finden verpflichtet. Da mein Balkon noch voll ist von dem im Winter auf mysteriöse Weise Angesammelten, hätte ich es den Sich-Zeigern schon seit Wochen gleichtun müssen, vor den Cafés, denen mit den (vorsichtshalber!) Decken auf den Stühlen. Hab ich aber nicht, das definiert mich als unlässig. Sollte mal ein lässiges Buch lesen.

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