Gelesen – Walter Kempowski: Somnia – Tagebuch 1991

Also die Fortsetzung von dem hier. Wesentlich dicker als die Beschreibung des Jahres davor, was mit daran liegt, dass akribisch auch die Träume notiert wurden. Die ich allerdings gänzlich uninteressant finde, aber das sieht natürlich jeder anders. Es ist dennoch zunächst ein viel sympathischerer Kempowski als im vorigen Buch. Ein Autor, der sich selbst grinsend und in allmählicher Steigerung einen heiteren Altersstarrsinn zubilligt, der sich weniger, viel weniger als noch in den Monaten davor um die öffentliche Meinung kümmert und daher auch wieder viel unterhaltsamer wird. Und das kann man nachvollziehen, diesen Zug zu Waldorf & Statler-Kommentaren. Ich merke schließlich an mir selbst auch die geradezu permanente Bereitschaft, Kindern ein grummeliges „Wir hatten ja nix“ zuzubrüllen.

Das Jahr 1991 bietet natürlich auch Stoff genug, um einen dicken Band zu füllen, die Ereignisse in Europa und der Welt werden ausführlich wiedergegeben, vor allem der Niedergang der Sowjetunion, der Putsch gegen Gorbatschow, der Abfall der Satellitenstaaten, lauter hochdramatische Ereignisse. Von denen ich nicht unerhebliche Teile schon wieder vergessen hatte, es ist wirklich befremdlich. Die Reichsgründung 1871 könnte ich wohl besser runterbeten als Europa 1991. Hätte man mich gebeten, eine ungefähre Chronik des großen Umbruchs zu notieren, ich hätte ohne diese Tagebücher baren Unsinn verzapft. Jetzt ist es mir wieder präsent, und das ist sicher auch gut so.

Kempowski arbeitet während der Tagebuchzeit intensiv am Echolot, hängt also bei aller Spannung, mit der er die Nachrichten verfolgt, auch tief in der Vergangenheit fest, kommentiert die aktuellen Ereignisse oft und leidenschaftlich aus einer betont gestrigen Position. Scheut auch vor harten Urteilen nicht zurück, auch nicht vor stark veralteten – was er etwa gegen die Polen schreibt, das ist weiß Gott nicht als „political correct“ zu bezeichnen. Und wenn man es genauer nimmt und etwas schärfer hinsieht, und warum sollte man das nicht tun, dann wird man im Laufe des Buches etwas skeptisch und fragt sich, ob denn der Autor, der sich so intensiv mit den Flüchtlingen von 45 befasst, mit den Entwurzelten, Vertriebenen, Heimatlosen, ob der wirklich so gar nicht merkt, dass dieses Thema um ihn herum längst wieder hochaktuell geworden ist? Den Ausländern um sich herum, den Türken etwa, den Arabern, den, wie er sagt, „Händerednern“, denen begegnet er mit missmutigem Desinteresse. Rumänen im Zug werden als „Zigeunersippe“ bezeichnet, alles in allem findet er Zuwanderung ganz offensichtlich lästig, Gründe hin oder her. Irgendwo erwähnt er seine polnischen und französischen Vorfahren, fragt sich aber nicht, ob das wohl damals auch Wirtschaftsflüchtlinge waren oder nicht. „Tschechen kommen mir nicht mehr ins Haus!“ schreibt er, diversen Südeuropäern wird Raffgier unterstellt, solche Sätze klingen seltsam, zumal nach den letzten zwanzig Jahren.

Kempowski zitiert aus der FAZ: „Tun wir alles, damit sie sich wohlfühlen?“, es ist eine Zeile unter einem Bild türkischer Gastarbeiter. Dann fügt er sarkastisch hinzu: „Jeden Tag den Nacken massieren.“

Es klingt vielleicht heute härter, als es damals gemeint war, es trifft aber doch einen wichtigen Punkt, der für die ganze Generation gilt, besonders natürlich für die Politiker: Das Problem der Zuwanderung und der Integration haben sie allesamt nicht annähernd erkannt und begriffen. Trotz eigener Zuwanderer- und Flüchtlingserfahrung.

Auch irgendwie faszinierend.

Kühlungsborn III

Aus der Strandlektüre:

“Wasser ist ja eigentlich zum Kotzen. Das Meer! O Gott. Wie habe ich mich an der Ostsee immer gelangweilt, als Schüler.”

(Walter Kempowski: Somnia – Tagebuch 1991)

Kühlungsborn II

Der Morgen ist grau und diesig. Seit Loriots freundlichem Steingrau kann man bekanntlich kein Grau mehr in Ruhe beschreiben, auch nicht dieses lichte, angenehme Grau mit dem ganz dezenten Blaustich am oberen Rand, einem fast kaum zu ahnenden Rand am endlosen Grau, dass da über dem Meer liegt. Man weiß, dass es über dem Meer liegt, sehen kann man vom Meer aber nichts. Es liegt direkt vor dem Hotelfenster, das Meer, aber vor dem Hotelfenster ist gar nichts. Das Fenster steht weit auf, es ist der erste Morgen im Jahr, an dem es dadurch nicht grausig kalt im Zimmer wird. Nur ein paar Zweige mit dicken Knospen daran wippen gelegentlich durchs Bild vor dem Fenster, weil Spatzen auf ihnen herumturnen. Man hört nichts, wenn die Vögel gerade nicht lärmen, gar nichs. Das Meer liegt ein paar Meter weiter herum und rauscht nicht, brandet nicht, plätschert nicht. Liegt und schweigt, Decke über dem Kopf, man kann ruhig so tun, als sei es gar nicht da, das ist ihm egal. Wir liegen auch unter lichten Decken, die Herzdame und ich, und wir drehen uns noch einmal um, sozusagen Seite an Seite mit dem Meer. Und es ist für alle Parteien vollkommen in Ordnung, keine weitere Notiz voneinander zu nehmen. Entspanntes Nebeneinander. Ihr liegt da, ich liege hier, na und. Gar kein Vergleich zu der dauernd nach Aufmerksamkeit gierenden Nordsee mit ihren mackerhaften Stürmen, dem hysterischen Hin und Her des Pegels und der ewigen proletenhaften Anmache am Deich. Die Ostsee verbirgt sich gelassen hinter einem diesigen Morgen.

Die ersten Spaziergänger am Strand sehen sich die Hotels auf der Landseite an, weil auf der Seeseite nichts ist, da findet das Auge keinen Halt. Ab und zu verschwindet eine Möwe im Dunst.

Einfach herumliegen, nichts von sich hermachen – und dennoch ein Meer sein. Ein Meer mit tausend Hafenstädten ringsum, Schiffen auf dem Grund und Erzählungen ohne Ende am Ufer. Ist das nicht ganz außerordentlich sympathisch?

Ach, egal. Ich leg mich wieder hin.