Helgoland II

Und eines hat gestern alle gleichermaßen umgehauen, weil wir es alle so gar nicht mehr kennen. Wenn man auf Helgoland nachts aus einer Kneipe kommt, sich in der Nachtluft ein wenig streckt und die paar Schritte zum Hotel geht – dann bleibt man nach ein paar Metern unwillkürlich stehen und lauscht. Dreht den Kopf und lauscht noch ein wenig angestrengter – denn da ist nichts. Gar nichts. Die Nacht ist ruhig und sie ist so verdammt ruhig, wie eine Nacht nur ruhig sein kann. Der nächste Motor fährt sechzig Kilometer entfernt durch Cuxhaven, hier ist ringsum nichts, nichts, nichts. Kilometerlang im Umkreis nur Wellen, die heute besonders sacht ausfallen und nur äußerst diskret heranplätschern.  Und Wellen nimmt man in einer Nacht am Meer ja eher nicht als Geräusch war, Wellen sind eher Teil der Stille. Man möchte auf Zehenspitzen weiter gehen, um bloß nicht zu stören.

Es gibt natürlich keine Ruhe in Hamburg, ich kenne Ruhe gar nicht mehr. Bei uns ist Ruhe, wenn der Verkehr zwischen zwei und fünf kurz nachlässt und etwas weniger wird. Dafür schreien in der Zeit die Besoffenen auf der Straße herum, die von der Alster zurück zu den Hotels torkeln. Das ist unsere Ruhe in Hamburg Mitte. Auf Helgoland ist Nachtruhe: Ruhe.  Und Ruhe ist dann auch einmal eine interessante Erfahrung.

 

Helgoland

Untitled

 

Auf freundliche Einladung des Aparthotels Klassik Helgoland haben Isabel Bogdan und ich wieder eine Horde Blogger nach Helgoland verfrachtet, eine Aktion, an der wir bereits im letzten Jahr etwas herumgeübt haben, die Stammleser erinnern sich.  15 Erwachsene, 5 Kinder, das ist in diesem Jahr schon eine reelle Reisegruppengröße. Eine etwas spezielle Reisegruppe vielleicht.

Traditionell stellt man sich wohl vor, dass so eine Reisegruppe, von der etliche Helgoland noch nie gesehen haben, vom Schiff springt und sich begeistert umsieht, zumal sich die Insel nach einem typischen grauen Morgen in Hamburg strahlend besonnt darbot und die Luft wie ein Frühlingsgruß vom Meer heranwehte. Und was machen diese 15 Erwachsenen, nachdem sie die Gangway heruntergegangen sind? Holen ihr Smartphone heraus, krümmen sich darüber, denn die blöde Sonne blendet, machen Foursquare auf und checken ein. „Erster“ ruft einer entzückt „da fehlt aber noch einer“ hört man kurz darauf. Man vergleicht, wer mit welcher Handyhardware am schnellsten ins Netz kommt. Wer nicht bei Foursquare ist, der twittert oder instagramt oder weiß der Teufel was noch alles, man kommt gar nicht mit.

Gepäck geschultert und zum Hotel marschiert, in der Hotel-Lobby bleiben alle stehen und checken wieder ein. Es dauert, bis alle ihre Zimmerschlüssel haben, da kann man sich ein wenig unterhalten, und wenn dabei ein Witz gemacht wird, dann ziehen alle wieder ihr Handy, Twitter aufmachen.

Am Nachmittag der obligatorische Rundgang über das Oberland, Trottellummen und Basstölpel gucken, die Lange Anna und die Vogelfelsen, da sieht man dann kaum noch Handys, nur noch sehr beeindruckte Menschen wie bei jeder Reisegesellschaft, die hier vorbeikommt.   Diese Aussicht von da oben, die sollte wirklich jeder einmal gesehen haben, das kann man sich nicht vorstellen. Einfach eine halbe Stunde stehenbleiben und den Vögeln zusehen. Wenn Sie das noch nie gesehen haben, nehmen Sie das in Ihre Lebensreiseplanung mit auf, das ist eine korrekte Entscheidung.

Abends in ein Restaurant, die Gruppe marschiert ein, alle holen ihr Handy heraus, die Kellnerin steht staunend mit den Karten daneben, denn keiner beachtet sie, man muss doch auch hier erst einchecken. Essen bestellen, Getränke twittern, das Gegenüber fotografieren, die Aussicht, die Deko. Die Handys bleiben auf dem Tisch, neben Messer und Gabel, wo sie hingehören. Es ist wahrscheinlich der einzige Ausflug in größerer Gesellschaft im Jahr, bei dem ich mit meinem Web 2.0-Spleen absolut nicht auffalle, wirklich sehr angenehm.

Heute rüber zur Düne, Robben gucken. Oder “Meertauben” wie Sohn II sie äußerst treffend benannt hat.

Andere schreiben zum Beispiel hier und hier und hier.