Alles so schön bunt hier

Die Herzdame kommt mit einem kleinen Eimer Farbe aus dem Baumarkt. Wir mussten weit fahren, um irgendwo in den endlosen Weiten Nordostwestfalens endlich einen Baumarkt zu finden, der genau diese Farbe hat, es handelt sich nämlich um eine spezielle Trendfarbe, wie man in gewissen einschlägigen Magazinen nachlesen kann, so etwas gibt es natürlich nicht in jedem Laden. Aber warum sollte man freie Tage auf dem Land nicht dafür nutzen, zwischen Baumärkten hin und herzufahren, da lernt man auch einmal interessante Industriegebiete und schöne, weitläufige Parkplätze kennen.

„Lagune“, sagt sie stolz. Ich sehe mir den Pott an, in dem es türkisfarben hin und herschwappt. „Bei uns hieß das früher Türkis“, sage ich. Die Herzdame erklärt mir, dass ich ein Banause sei und von Innenausstattung keine Ahnung habe. Wir fahren zurück ins Heimatdorf, wo der Opa einen Blick in unseren Kofferraum wirft und „Ah, Türkis“ murmelt. Die Herzdame schüttelt den Kopf und sagt, das sei Lagune und das sei anders und eine Trendfarbe, eine ganz spezielle. Welche Farbe haben eigentlich Lagunen, frage ich den Opa. „Na, so türkis oder wat“ sagt er. Uropa kommt über den Hof, er sieht uns um den Farbeimer herumstehen und fragt: „Wat wollt ihr denn mit dem Türkis?“ Die Herzdame sieht gereizt aus.

Minuten später schickt mir die Herzdame einen Link zu einer Seite, auf der man die aktuellen Trendfarben in ganzer Pracht und Vielfalt bewundern kann. Ganz gewöhnliches Dreisternehotelflurbeige, so lerne ich, läuft jetzt unter „Macchiato“ und ist in, wer hätte das gedacht. Hellgrün, eine Farbe, deren zweiter Name zumindest im Wohnbereich „Schwierig“ sein sollte, nennt sich jetzt „Farn“ und ist auch in. Das abartige Orange-Apricot, das in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an nahezu jede freie Wand in der deutschen Gastronomie verpinselt wurde, es heißt jetzt „Mango“ und ist offensichtlich wieder legal verwendbar. Nach ein paar Jahren intensiver Sonnenbestrahlung verwandelt es sich ganz von alleine in ein schwachbrüstiges „Papaya“, das ist dann quasi ein Bonusfeature.

Blassgelb, eine Farbe die faszinierend gut zu heruntergekommenen und kaputtgesparten Krankenhausteeküchen passt, heißt jetzt „Melone“ und ist geradezu ein Geheimtipp. Braun heißt natürlich auch nicht mehr Braun, nein, die Farbe nennt sich jetzt „Excrément“. Na gut, kleiner Scherz, es heißt natürlich „Noisette“, wobei ich meinen Vorschlag aber gerade in der Parteienlandschaft deutlich attraktiver und klarer finden würde. Und verkaufen würde es sich vermutlich auch, denn wer kann schon Französisch.

Egal, eine der Küchenwände unserer Wohnung in Hamburg wird nun also im Farbton „Lagune“ gestaltet, the colour formerly known as türkis, wie unsere Freunde aus dem Musikbusiness das vermutlich nennen würden. Die Farbe kennzeichnet einen Ort, so entnehme ich amüsiert einem fachkundigen Lifestylemagazin, „wo niemand stört und nur freundliche Menschen anzutreffen sind.“ Das ist doch schön, das werde ich mir auf ein Schild drucken lassen und außen an der Küchentür anbringen. „Hier ist der Ort, wo niemand stört und nur freundliche Menschen anzutreffen sind.“

Ganz wunderbar. Und fortan werde ich beim Kochen immer vergnüglich allein sein. Auch recht!


Der Plan für den Mai

Nachdem die Herzdame und ich im April jeweils unsere persönlichen Arbeitszeit- und Einsatzrekorde gebrochen haben, ist es höchste Zeit, den Mai zu einem Monat der Entspannung und der Muße zu deklarieren. Wir haben ungewöhnlich große Projekte endgültig erledigt und abgeliefert, neue Arbeiten delegiert, Termine verlegt und Planungen neu sortiert, damit es endlich wieder so etwas wie Freizeit geben kann. Zeit für uns, Zeit für die Kinder, Zeit für Bücher, Zeit ohne To-Do-Lists. Womöglich sogar Zeit für faule Stunden ohne jeden Leistungsdruck und Langeweile. Leisure time – man muss es den Engländern ja lassen, das ist einer der gelungensten Begriffe dafür. Man muss das langsam und wollüstig aussprechen, in ein Gähnen übergehend, voller Vorfreude auf das Sofa. Leisure time, klingt das nicht schön? Dagegen klingt das deutsche „Freizeit“ doch schon wieder wie eine Anweisung: „Los, sofort frei! Drei Stunden! Nutzen Sie das!“

Und tatsächlich liegt da jetzt nach erheblichem organisatorischem Aufwand ein faszinierend ereignisloser Monat Mai vor uns, vier lange Wochen ganz ohne Druck. Also wenn man davon absieht, dass morgen unsere Küche herausgerissen und im Laufe der Woche gegen eine neue getauscht wird. Und wenn man ferner davon absieht, dass auch die Fenster herausgerissen und gegen neue getauscht werden. Und wenn man davon absieht, dass nebenbei auch das Bad ein klein wenig renoviert wird. Aber das geht bestimmt alles ganz schnell, macht fast überhaupt keinen Dreck und die paar Sachen, die man so in den Räumen stehen hat, die räumen sich bekanntlich fast von selbst in der Wohnung herum. Und die Söhne werden sich gewiss sehr vorsichtig und behutsam zwischen all den Stapeln mit Tellern, Tassen und Kosmetikartikeln bewegen, Kleinkinder neigen ja zur Rücksichtnahme und Vorsicht.

Ich: „Wieso willst Du eigentlich in einen Baumarkt?“
Herzdame: „Ich will Farbe kaufen. Man könnte ja einmal streichen, wenn man schon Zeit hat.“
Ich: „Äh…“
Herzdame: „Du gehst einfach ins Büro. Und bleib ruhig länger.“

Doch, das wird ein sehr ruhiger, langsamer Monat.