Kehret um!

Die Zeiten sind wirr und hektisch, die wenigsten würden von sich behaupten, noch mitzukommen. Zu viel von allem, zu schnell und zu durcheinander, die Welt ist ein Kaleidoskop, das ein irres Kleinkind hektisch schüttelt. Wo findet man jetzt noch Halt und Ruhe? In der Tradition natürlich, in dem, was immer schon gut und richtig war. Also z.B. im Spargel.

Denn man braucht heute mehr als jemals Bereiche im Leben, in denen man bei der überlieferten Klarheit und Wahrheit bleiben muss, in denen es gilt, sich unbedingt all den hypermodernen Tendenzen zu widersetzen und klar zu sagen: Nein! Kein Spargelrisotto auf meinem Tisch! Kein Spargel mit Garnelen, und auch keine Spargelpizza. Bleiben Sie fest im Glauben, verlassen Sie sich auf das, was immer schon gut und heilig war. Kaufen Sie ein Kilo Spargel pro Person, denn Geiz ist eine Todsünde. Kaufen Sie Kartoffeln beim Bauern, wo sie noch so gut sind wie damals. Schneiden Sie Katenschinken in Würfel und schämen Sie sich, wenn die Kantenlänge in Millimetern, nicht in Zentimetern gemessen werden muss. Butter, Salz, Zucker, Petersilie, fertig. Das – und nur das – ist die reine Wahrheit, die wahre Lehre und der einzige Weg zum Spargelglück.

Gehen Sie hin und predigen Sie es den Verwirrten und Abweichlern, die Spargelmousse anbeten und die geschmackliche Erleuchtung erwarten. Sagen Sie ihnen, dass sie umkehren sollen, laden Sie die Sünder an Ihren Tisch, denn auch sie können in das Himmelreich des guten Geschmacks gelangen, wenn sie Buße tun, ihre exzentrischen Rezeptsammlungen wegwerfen und einsichtig werden.

Verkünden Sie die frohe Botschaft bis zum 24. Juni, dann ist Johannistag, da ist Schluss mit Spargel.

Das ist noch Zeit genug, um wieder auf den richtigen Weg zu gelangen, sollte man meinen. Amen.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung)


21 Kommentare

  1. Das ist das Schöne in einer binationalen Ehe, da hat man gleich ZWEI überlieferte Wahrheiten zur Auswahl.
    (Nach dem Kochen noch in Olivenöl, Petersilie und Knoblauch in der Pfanne wenden. Köstlich!)

  2. Was den Spargel betrifft stimme ich voll und ganz zu. Aber Katenschinken in Würfel? Nee, der kommt als ganze Scheibe, möglichst 0,5 cm dick, auf das Beilagenholzbrett.

  3. Würfel aber nur, wenn Sie auch den Spargel in löffelgerechte Häppchen schneiden. Vor dem Kochen. 😉

    Banause!

  4. Also, ich will mal sagen, und hier geht es ja schließlich um Traditionen, und das ist ja auch in gewisser Weise etwas Familiäres, ich kenne auf den heimischen Tischen der Norddeutschen auch nur Würfel und Scheiben allenfalls aus dem Restaurant. Würfel machen sich einfach besser, beim Rüberstreuen.

  5. Also mit Schinkenwürfeln kenn ich es noch nicht. Eher mit Kochschinken in Scheiben, Kartoffeln und zerlassener Butter. Aber am Liebsten hab ich Spargel mit Eierpfannkuchen und Hollondaise… Und Tradition ist das bei uns auch 🙂

  6. Spargel – bäh, Kartoffeln und Petersilie müssen nicht sein, aber Katenschinken und Butter klingt toll. 🙂

  7. Ein Kilogramm Spargel und Pellkartoffeln mit „brauner Butter“ drüber (zerlassene Butter mit darin gebräunten Semmelbröseln).
    Wahlweise statt brauner Butter eben Hollandaise.
    Feddich. *seufz*

  8. Warum ignoriert ihr alle den Spargel als Beilage zum Schnitzel? Ist doch ’ne Abwechslung zu Pommes. *kopfschüttelnd ab*

  9. Ja, genau!

    Nichts gegen kulinarische Abwege – aber nie vergessen, wo wir herkommen! Nämlich aus der Ur-Sauce hollandaise!

  10. Siehe, ich verkündige Euch eine grosse kulinarische Freude: hier in Kanada ist der Spargel mit <a href=http://www.kochmeister.com/r/42166-gruenspargel-mit-raeucherlachs.htmlRäucherlachs zu essen. Von Ewigkeit (Mai) zu Ewigkeit (Juni). Amen

  11. Ja, Spargel gibt es heute auch wieder. Traditionell südbadisch, also mit Schinken (gekocht und roh in dünnen Scheiben zu Röllchen gedreht), Kratzete (im Prinzip wie Kaiserschmarrn, nur salzig), etwas Baguette und selbstgemachter Mayonnaise. *mjamm*

    Mit Schinken in dicken Würfeln, Salzkartoffeln und zerlassener Butter kenne ich ihn aus meiner Schwiegerfamilie, die aus der Lüneburger Heide kommt. Schmeckt auch gut, aber bei weitem nicht so gut wie meine südbadische Variante. 🙂

    Guten Appetit, Kat

  12. Pingback: Spargelzeiten | April's Journal
  13. würfel? und fast hätte ich gedacht, im hause buddenbohm würden wirklich traditionen gepflegt und nicht verhunzt.
    würfel.
    unfassbar.

  14. WÜRFEL – na klar !!! …dann muss man „nur“ noch den Spargel einmal hektisch mittig durchschneiden, die Kartoffel mit der GABEL teilen und das leckerer Dreierlei, nebst zerlassener Butter, einfach nur noch REINSCHAUFELN – JEPP – SO MUSS DAS !!!!! (…wie isst man denn eine Scheibe Schinken, von 0,5 cm Stärke IM GANZEN dazu „vom Beilagenbrett“ – ich habe da so ein Bild – Sie auch ?!…würks)

    Spargel, klassisch, hier gestern zuletzt, die Kids waren glücklich, der gatte auch – gefräßiges Schweigen am Tisch – wann hat man das schon…

    Moni

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.