Übersetzungshilfe für Aussagen von sehr kleinen Zeugen bei Unfällen und Vorfällen im Kleinkindalter

Ich verbringe nicht eben wenig Zeit in der Gesellschaft von Kleinkindern, genauer gesagt mit Jungs. Mädchen kommen zwar zunehmend häufiger vor, seit sich auch Sohn II für sie zu interessieren beginnt, aber der Freundeskreis der Söhne ist doch noch weitgehend männlich besetzt. Mit der Zeit lernt man gewisse Muster in der sehr speziellen Sprache kleiner Jungs kennen und übersetzt dann automatisch simultan, während sie sprechen, denn Kinder drücken Sachverhalte leider nicht unbedingt klar aus. Es ist aber elementar wichtig, dass man in heiklen Situationen die Aussagen der Knirpse halbwegs richtig deutet, und es könnte wirklich entscheidend sein, wenn es etwa um Unfälle geht. Ich möchte meine Erfahrung daher gerne weiter ergeben und liste ein paar besonders einleuchtende Beispiele auf. Weitere Fälle wird man leicht ableiten können, das Muster wiederholt sich.

Man stelle sich vor, ein Kind  liegt weinend auf dem Spielplatz oder in der Wohnung, dramatisch zusammengekrümmt, wie Kinder es eben gerne tun und man erkennt als dazu gerufener Erwachsener vom Dienst nicht sofort, worum es hier eigentlich geht. Um das Opfer herum stehen ein paar Jungs. Wir greifen uns einen aus der Schar und fragen, was denn hier um Himmels willen wieder passiert ist?

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er hat Aua und heult voll.“

Übersetzung: Das Opfer ist hingefallen, hat eine kleine Schramme, ein Kratzerchen oder dergleichen und macht ein Riesentheater um nichts. Reine Anstellerei.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er hat Aua, er heult und er hat Blut.“

Übersetzung: An dem Kind ist mindestens ein Blutstropfen im Durchmesser eines halben Millimeters nachweisbar. Wenn man lange genug sucht und das Fleisch auch ordentlich zusammendrückt.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er hat Aua, er heult und er hat Blut und das hat richtig geknallt. So BOOOM. Weißt Du, er ist dagegen gekommen, aber mit ohne Absicht.“

Übersetzung: Es wäre eine gute Idee, sofort nach einem Kühlpad zu suchen, um die Riesenbeule halbwegs in den Griff zu bekommen. Außerdem sind eventuell Gegenstände durch äußerst unsachgemäßen Gebrauch oder mutwillige Misshandlung schwer beschädigt.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er heult, hat Aua und er hat richtig, richtig Blut. Voll viel. Bestimmt verblutet er.“

Übersetzung: Das Kind blutet so, dass ein Pflaster oder ein Verband wahrscheinlich gar nicht schlecht wären.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Da kommt Gedärm raus.“

Übersetzung: Das muss wahrscheinlich genäht werden.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er hat jetzt gar keine Zähne mehr.“

Übersetzung: Er hat eine Wunde an der Lippe und es blutet ein wenig.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Ihm fehlen jetzt VIER Zähne.“

Übersetzung: Mindestens an einem Zahn fehlt tatsächlich ein winziges Eckchen.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er hat überall Blut, auch im Gesicht und an den Händen und überall und auf dem Boden ist ein richtige Pfütze und die ist voll tief.“

Übersetzung: Er hat Nasenbluten.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Boah, das war jetzt aber… oha. Weißt Du, das war…oha.“

Übersetzung: 112, aber zackig.

 

Zeugenaussage des Kindes : „Da waren wir alle doch gar nicht dabei“.

Übersetzung:  Die Kinder haben zu dritt auf den anderen da eingedroschen. Vielleicht waren es aber auch sieben.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Ich war das gar nicht!“

Übersetzung: Mea maxima culpa.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Das war ja aber nicht mit Absicht.“

Übersetzung: Das war jetzt aber so was von fällig.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Ich hab das doch gar nicht gesehen.“

Übersetzung: Mein bester Freund war’s.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Ich hab ihn nur so angetippt.“

Übersetzung: Ich hab ihm einen Schwinger auf die Nase verpasst, und zwar mit aller Kraft und das bevor er sich wehren konnte.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er stand im Weg.“

Übersetzung: Über das Kind sind mindestens eines, eventuell aber auch eine größere Zahl anderer Kinder gerannt, als wäre es ein Zebrastreifen. Wenn Fahrräder, Kettcars oder Roller herumliegen, findet man eventuell Reifenspuren auf dem Opfer.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Er wollte mir nichts abgeben.“

Übersetzung: Raubüberfall. Wenn ein Stock, ein Stein oder andere tragbare Gegenstände in der Nähe herumliegen: Bewaffneter Raubüberfall.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Ich wollte ihn ja nicht treffen.“

Übersetzung: Es wurde eben eine Zielscheibe gebraucht.

 

Zeugenaussage des Kindes: „Hä? Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Übersetzung: Das Opfer ist ein Mädchen.



 

12 Kommentare

  1. An diesen Aussagen ändert sich allerdings bis zum 18. Lebensjahr nichts.
    Es kommen lediglich die Sprüche hinzu wie „Ist von ganz allein kaputt gegangen“ zu sämtlichen technischen Geräten wie Fernseher, Fahrrad, Mofa, Auto.

    Und wenn das Kind Fußballer wird, ändert sich das nicht mal, wenn man mit 40 als Kommentator bei der ARD am Tisch steht. (Siehe Scholl mit seiner Aussage zu Gomez)

  2. Mädchen, knapp zehn, sehr typisch weiblich guckend, auf Nachfrage: „Er wollte mich angreifen, da habe ich ihn auf den Boden geschmissen und fest gehalten. Und er hat mir dann eine Handvoll Sand in den Mund gestopft.“ Man muss sich um die Kids von St. Georg keine Sorgen machen 🙂

  3. Es sei denn, das verunfallte Kind ist mein Sohn. Möglicherweise siehst Du ihn fallen, hörst es krachen, siehst fliegende Roller, Schuhe und Dreck in der Luft. Blut erwartbar. Es bleibt kurz still, Du hältst die Luft an – und dann rappelt er sich auf, schüttelt sich und sagt beschwichtigend: „War nicht so schlimm.“

  4. Petra, Ihre Beispiele kenne ich nur zu gut – und das auch:

    „Ich hab gar nichts gemacht, und auf einmal hat Windows/das Mailprogramm/die Grafikkarte/die Soundkarte/der Computer nicht mehr funktioniert !!!“

    🙂

  5. So war es!
    Im Bereich Computer dreht sich der Spieß allerdings mit den Jahren um. Mit fast 60 sind jetzt wir diejenigen, die behaupten, nichts mit dem aus unerfindlichen Gründen plötzlich nicht mehr funktionierenden PC angestellt zu haben. Haben wir auch nicht. Ehrlich!

  6. Als ich unseren Sohnemann eines Tages vom Kindergarten abholen wollte, kam er mir mit einer dick geschwollenen Unterlippe entgegen.
    Entsetzt wollte ich wissen, was denn um Himmels Willen mit ihm passiert sei,

    da meinte er ganz begeistert:
    „Ich bin mit Leon zusammengestoßen, das hat richtig laut geknallt, und dann hat das Taschentuch voll geblutet!“

    Hieß soviel, wie: alles halb so schlimm, es hat auch gar nicht so sehr weh getan.

  7. Genial!
    Wir hatten neulich:“Mama, Mama, der Papa sprottelt in die Küche! Ich hole mal schnell die Lillifee-Pflaster!“
    Übersetzung: Papa hat sich mit dem Samurai-Schwert bei der Küchenarbeit verletzt,saut rum und braucht viele Pflaster…

  8. 10 min nach obigem Kommentar kam der Anruf, sie seien von der Kita aus auf dem Weg in die Notaufnahme. Jetzt kennen wir die also auch. Und er hat sich genauso verhalten wie beschrieben: Blut lief (Ohr aber noch dran), er bebte ein bisschen, der Arzt säuberte und fragte, ob es sehr weh tut. „Nein, ist nicht so schlimm. Ich hab nur ein bisschen Angst. Aber ist nicht so schlimm.“
    Ich werde morgen mal die anderen Kinder fragen, wie ihre Einschätzung der Situation war.

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